Ecuador: Erdöl oder Regenwald?

Autor: Scott Wallace  —  Bilder: Steve Winter

Von allen Blättern tropft kaltes Wasser auf uns herab, in der Nacht hat es geregnet. Andrés Link schnallt sich seinen kleinen Rucksack auf den Rücken und macht sich auf den Weg. Es ist kurz nach Tagesanbruch, und der Wald ist schon lebendig – überall Gekreisch und Geschnatter, das kehlige Geschrei eines Brüllaffen, das Tock-tock-tock eines Spechts, das Quieken von Totenkopfäffchen. Ein singendes Heulen fängt in der Ferne an, ebbt ab, hebt wieder an.

«Horch!», sagt Link und fasst mich am Arm. «Springaffen. Es sind zwei, sie singen im Duett.» Er imitiert den schrillen rhythmischen Schrei des einen Affen, dann den des anderen. Jetzt kann auch ich die beiden unterschiedlichen Motive erkennen.

Dieser ohrenbetäubende Krach ist für Link die tägliche Hintergrundmusik auf seinem Weg zur Arbeit. Link ist Primatologe, Affenforscher an der Universität Huancayo in Peru. Derzeit sind Weißstirnklammeraffen sein Thema. Jetzt ist er unterwegs zu einer Salzlecke, eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt. Er geht dabei durch das Gebiet mit der vermutlich größten Artenvielfalt auf der Erde.

Beeindruckende Artenvielfalt

Mächtige Kapok- und Feigenbäume mit ausladenden Brettwurzeln ragen wie römische Säulen in das Kronendach hinauf, ihre Äste sind von Orchideen und Bromelien bewachsen. Die wiederum sind der Lebensraum von Insekten, Amphibien, Vögeln und Säugetieren.

Sogar in einer Pfütze, die sich im Hufabdruck eines Tiers gebildet hat, tummeln sich winzige Killifische, eine Art von Zahnkarpfen.

Wir steigen einen Abhang hinunter in einen Wald voller bizarrer Socratea-Bäume. Man nennt sie auch Stelzen- oder Wanderpalmen, da sie auf ihren meterhohen stelzenartigen Wurzeln auf der Suche nach Licht und Nährstoffen tatsächlich ihren Standort wechseln können. Langsam zwar, aber unbeirrbar. Dies ist eine der unzähligen evolutionären Anpassungen, die Forscher rund um die Biodiversitätsstation Tiputini beobachten können. Sie steht auf einer Parzelle unberührten Urwalds am Rand des Nationalparks Yasuní im Osten Ecuadors.

«Man könnte sein ganzes Leben hier verbringen und jeden Tag überrascht sein», sagt Link. Im Urwald um die Station gibt es zehn Affenarten sowie eine größere Anzahl von Vogelarten, Fledermäusen und Fröschen als irgendwo sonst in Südamerika. Hier finden sich auf einem Hektar so viele Insektenarten, wie in ganz Nordame­rika zusammen bekannt sind.

Ursache für diesen Reichtum ist die Lage des Parks am Schnittpunkt von Anden, Äquator und Amazonasregion. Es regnet hier fast jeden Tag, die Jahreszeiten sind kaum unterscheidbar. Son­nenlicht, Wärme und Feuchtigkeit speisen einen brodelnden Brutkessel voller Pilze, Pflanzen, Insekten Amphibien und Säugetiere.

Gefahr Erdöl

Dieser Teil des Amazonasgebiets ist auch die Heimat zweier indigener Völker, der Kichwa und der Huaorani. Sie leben in verstreuten Siedlun­gen entlang der Straßen und Flüsse. Der erste nicht kriegerische Kontakt zwischen den Huaorani und protestantischen Missionaren ist kaum 60 Jahre her. Heute haben die meisten Huaorani und ihre ehemaligen Stammesfeinde, die Kichwa, über Handel und neuerdings auch Tourismus Kontakt mit der Außenwelt. Aber zwei Gruppen der Huaorani verweigern sich dem. Sie ziehen es vor, den Hochlandwald in der zona intangible – der „unantastbaren Zone“ – zu durchstreifen, die zu ihrem Schutz eingerichtet wurde. Das Gebiet überschneidet sich mit dem südlichen Teil des Nationalparks Yasuní, es um­fasst allerdings nicht ihr gesamtes traditionelles Territorium. Die nomadischen Krieger haben Siedler und Holzfäller sowohl innerhalb als auch außerhalb dieses Gebiets angegriffen, zuletzt, soweit bekannt, im Jahr 2009.

Eine grosse Gefahr für die kostbare Lebens­vielfalt des Yasuní geht von einem Schatz tief unter der Erde aus: Dort lagern Hunderte Mil­lionen Barrel Erdöl. Inzwischen wurden viele Förderbereiche in dem Territorium abgesteckt, In dem auch der Park liegt. Ökonomische Inter­essen haben sich gegen den Naturschutz durch­gesetzt. Für ein armes Land wie Ecuador ist die Verlockung, durch Erdöl reich zu werden, na­hezu unwiderstehlich. Die Hälfte der Export­einnahmen des Landes stammen bereits aus Quellen, die in seinen Ostprovinzen im Amazonasgebiet liegen. Doch mittlerweile wird auch an mindestens fünf Stellen im Norden des Nationalparks aktiv gebohrt.

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(NG, Heft 1 / 2013, Seite(n) 126 bis 159)

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