Ein Leben auf scharfer Kante

Autor: Neil Shea  —  Bilder: Stephen Alvarez

Nervös huscht die Echse über das heiße Gestein. Ihr eckiger Kopf ruckt nach rechts und links. Dann verfällt sie in absolute Starre. Sie spürt den Jäger. Ringsum ragen Felsspitzen und Steinsäulen wie die Türme einer gotischen Kathedrale in die Höhe. Das Kreischen eines Papageis unterbricht die Stille. Die Echse rennt los. Der Arm von Hery Rakotondravony zuckt nach vorn. Einen Moment später öffnet der Forscher seine Hand: „Ich glaube, das ist eine neue Art.“

Obwohl wir erst seit wenigen Tagen hier im Nationalpark Tsingy de Bemaraha auf Madagaskar sind, sagt er das bereits zum zweiten oder dritten Mal. Die Insel ist für ihre Artenvielfalt berühmt, 90 Prozent der hier lebenden Arten kommen nirgendwo sonst auf der Welt vor. Aber der Nationalpark ist noch einmal eine Insel auf der Insel. Das 1550 Quadratkilometer große Schutzgebiet ist rau und weitgehend unerforscht, vor allem wegen der Tsingy: der Kalksteinformationen mitten im Park.

Der Felsblock hat sich im Jura gebildet, vor rund 200 Millionen Jahren. Wind und Wasser haben seither daraus ein Labyrinth aus Türmen mit messerscharfen Graten, engen Schluchten und nassen Höhlungen geformt. Menschen kommen selten hierher, wenn doch, entdecken sie immer wieder neue Tier- und Pflanzenarten. 1996 war es eine bis dahin unbekannte Kaffeepflanze, im Jahr 2000 der winzige Mausmaki, 2005 eine Fledermaus und 2007 ein Frosch. Zu den jüngeren Entdeckungen bei den größeren Tieren zählt ein langbeiniger Wollmaki, der 1990 wissenschaftlich beschrieben, aber erst 2005 offiziell benannt wurde: Avahi cleesei, nach John Cleese, dem storchbeinigen britischen Komiker und Naturschützer.

Steven Goodman ist Biologe am Field Museum in Chicago. Er lebt und arbeitet seit 20 Jahren auf Madagaskar. Hier im Nationalpark, sagt er, könne man noch so als Biologe arbeiten, wie es vor hundert Jahren üblich gewesen sei. Man könne auf einem ganz normalen Spaziergang Lebewesen beobachten, die noch kein Mensch zuvor gesehen habe.
„Die Tsingy-Formationen auf Madagaskar gehören zu jenen Orten auf der Erde, an denen sich außergewöhnliche biologische Schätze verbergen“, sagt Goodman. „Man muss nur hineingehen und sich umsehen. In jedem Tal kann man etwas anderes finden.“

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(NG, Heft 2 / 2010, Seite(n) 124)


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