Aus der Luft betrachtet, kommen einem diese Dünen vor wie weiße, im Wind flatternde Laken. Und genau das bedeutet der Name dieser Landschaft im brasilianischen Bundestaat Maranhão ja auch: Lençóis Maranhenses – die „Bettlaken von Maranhão“. Diese Gegend, doppelt so groß wie das Stadtgebiet von Hamburg, ist eine magische Wüste von schimmerndem Sand. Schwärme silbriger Fische schwimmen in den leuchtend blauen oder grünen Lagunen. Schäfer führen Ziegen über die Sandberge. Fischer fahren auf den Atlantik, mit nichts als Sternen und schaurigen Schiffswracks zur Orientierung. „Es ist eine fremde, magische Welt“, sagt meine Begleiterin Carolina Alvite.
Streng genommen, sind die Lençóis keine Wüste. Jedes Jahr fallen hier etwa 120 Zentimeter Regen – in einer richtigen Wüste wären es per Definition nicht mehr als 25. Ohne Wasser würde es diese Landschaft gar nicht geben. Zwei angrenzende Flüsse, der Parnaíba und der Preguiças, schwemmen Sand aus dem Landesinnern in den Atlantik, wo er von der Strömung nach Nordwesten verfrachtet wird. Ein Großteil der Sedimente lagert sich entlang dem 70 Kilometer langen Ufer dieses Schutzgebiets ab. In der Trockenzeit, vor allem im Oktober und November, weht ein ständiger Nordostwind sie dann bis zu 50 Kilometer weit ins Landesinnere und modelliert bis zu 40 Meter hohe, sichelförmige Dünen. Wie ein Meer aus Sand verlaufen sie bis zum Horizont. Und sie wandern – manche an die 20 Meter im Jahr.
Im Wandel der Jahreszeiten bekommt diese Landschaft ein immer neues Gesicht. Zwischen Januar und Juni sammelt sich das Regenwasser in lagunenartigen Mulden. Manche dieser Seen sind mehr als 90 Meter lang und bis zu drei Meter tief. Anfang Juli erreicht das Wasser den höchsten Stand. Wenn sich dann ein Fluss, etwa der Río Negro, seinen Weg durch die Dünen bahnt, entsteht manchmal sogar ein zusammenhängendes Gewässer. Auf diese Weise gelangen Fische in die Seen, wo ihnen andere Fische oder Insektenlarven als Nahrung dienen. Es gibt sogar einige Arten wie den Gemeinen Wolfssalmler (Hoplias malabaricus), die sich vor Beginn der Trockenzeit in den Schlamm eingraben und erst wieder hervorkommen, wenn Monate später die folgende Regenzeit einsetzt. Ist sie vorbei, lässt die hier in Äquatornähe besonders ausgeprägte Hitze die Lagunen schnell verschwinden. Innerhalb eines Monats kann der Wasserspiegel um bis zu einen Meter fallen.