Einmal Hölle und zurück

Autor: Michael Finkel  —  Bilder: Carsten Peter

Wann? Diese Frage hat zwei der besten Vulkanforscher der Welt in das Herz von Afrika geführt. Es ist die Frage, die ein Team kongolesischer Seismologen nicht mehr loslässt. Die Frage, die über das Schicksal von einer Million Menschen entscheiden könnte: Wann bricht der Nyiragongo wieder aus? Der 3.470 Meter hohe Berg erhebt sich am Ostrand der Demokratischen Republik Kongo. Einer der aktivsten Vulkane auf dem Planeten, zudem einer der am wenigsten erforschten. Der wichtigste Grund für den Mangel an Kenntnis ist – der Krieg. Seit 20 Jahren flackern im Osten des Landes immer wieder Kämpfe auf. Auch die Massaker im benachbarten Ruanda griffen auf die Region über. Der Frieden ist brüchig und wird gebrochen. Das kann selbst die UNO nicht verhindern, die rund 20.000 Blauhelmsoldaten hier stationiert hat.

Am Fuß des Vulkans liegt Goma. Die Stadt wächst und wächst, weil immer mehr Flüchtlinge aus den Dörfern des Landes in ihr Schutz vor Rebellen und Regierungstruppen suchen. Heute leben hier rund eine Million Menschen. Zweimal schon hat der Nyiragongo die Bewohner von Goma das Fürchten gelehrt. 1977 raste ein Lavastrom mit fast 100 Kilometern pro Stunde den Berg hinunter. Die Lava erstarrte, bevor sie die Innenstadt erreichte. Trotzdem kamen Hunderte von Menschen ums Leben. Im Januar 2002 ergossen sich mehr als elf Millionen Kubikmeter glühender Lava ins Zentrum, zerstörten 14.000 Wohnhäuser, begruben Gebäude bis zum ersten Stockwerk und trieben 350.000 Menschen in die Flucht. Doch beide Eruptionen waren nur ein Grollen, verglichen mit den Verwüstungen, die der Berg im schlimmsten Fall anrichten könnte.

Für Dario Tedesco gehört es zu seiner Arbeit, sich diese Möglichkeit auszumalen. Seit 15 Jahren kämpft der italienische Vulkanologe, finanziert mit Mitteln der Europäischen Union, um die Aufmerksamkeit der Wissenschaft für diesen Vulkan. Für ihn ist klar, dass der Nyiragongo erneut ausbrechen und die Gegend zu seinen Füßen womöglich in ein modernes Pompeji verwandeln wird. „Goma“, sagt er, „ist die gefährdetste Stadt der Welt.“

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(NG, Heft 6 / 2011)


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