Eins mit der Welt

Autor: Michael Finkel  —  Bilder: Amy Toensing

Einen Finger über die Kehle und der Blick zum Meer. Das ist das Zeichen: Die beiden Männer ergreifen ihre Speere und laufen barfuß über die rote Erde zum Wasser. Rein in das Aluminium-Dingi, Motor anwerfen, und schon saust das Boot über eine der seichten Buchten der Arafurasee an der rauen Küste von Australiens Northern Territory.

Am Bug steht Terrence Gaypalwani, breitbeinig, um das Gleichgewicht zu halten, und starrt aufs Wasser. Mit der Speerspitze weist er die Richtung. Er ist 29, ein erfahrener Jäger. Am Motor sitzt Peter Yiliyarr, 40 Jahre alt. Die Küste ist ein Gitterwerk aus Mangrovenwurzeln, die Sonne ein Heizstrahler. Kein anderes menschliches Wesen weit und breit. Gaypalwani starrt geradeaus. 30 Minuten vergehen. Die Männer sprechen kein Wort. Auch wenn sie nicht auf der Jagd sind, verständigen sich die Yolngu manchmal nur mit Gebärden.

Dann hebt Gaypalwani seinen Speer, spannt die Schultern an. Ich schaue über die Bordwand und sehe einen großen Schatten im Wasser. Yiliyarr lässt den Motor aufheulen, der Speer saust durch die Luft, ein kraftvoller Wurf.

Die Schildkröte, groß wie ein Kartentisch, taucht ab, getroffen. Die metallene Speerspitze steckt in ihrem Panzer. Wie vorgesehen löst sie sich vom Holzschaft und gibt eine Leine frei, die am Metall befestigt ist. Während der Schaft davontreibt – die Männer holen ihn später zu- rück – schwirrt die Leine durch die Luft. Yiliyarr lässt sie von einer Spule abrollen. Am Ende des Seils ist eine weiße Boje befestigt, groß wie ein Basketball. Sie verschwindet unter Wasser.

Als sie wieder auftaucht, fahren die Männer hin. Jetzt lässt Yiliyarr seinen Speer fliegen. Er trifft. Die Spitze löst sich, eine zweite Leine rollt ab. Gaypalwani schnappt sich die erste. Die Männer ziehen, ihre Adern schwellen. Hand um Hand holen sie die Leinen ein. Arme und Brust sind überzogen mit langen, dünnen Narben. Bald hängt die Schildkröte an der Bordwand. Die Männer packen die dicken flatternden Flossen, lehnen sich zurück. Plötzlich gleitet das Tier ins Boot. Das Dingi schaukelt bedrohlich.

Video: An Aboriginal Homecoming


Mehr über das Garma-Festival, über das im Text berichtet wird, finden Sie hier.

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(NG, Heft 6 / 2013, Seite(n) 78 bis 97)
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