Eiszeit: Als in Deutschland Löwen lebten

Autor: Andreas Weber  —  Bilder: Carsten Peter, Marc Steinmetz; Illustration: Karol Schauer
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Die Eiszeit muss furchtbar ungemütlich gewesen sein, düster, karg und kalt – so stellen wir es uns heute vor. Doch vor 30.000 Jahren war Europa kein Eisklotz. Tatsächlich ähnelte die Landschaft eher der afrikanischen Savanne. Die Museumsshow „Eiszeit-Safari“ in Koblenz führt seine Besucher durch das damalige Europa als Mammuts, Bisons, Wollhaarnashörner, Löwen , Wölfe, Bären und Riesenhirsche durch die Landschaft streiften. Die Eiszeit hat bis heute ihre Spuren hinterlassen. Der passionierte Sammler Klaus Reis hat sie zusammen getragen: Mineralien, Knochen und Geweihe. Seine Fundstücke bilden die Grundlage für die „Eiszeit-Safari“. Die Ausstellung zeigt auch, dass uns die damaligen Menschen ähnlicher waren, als wir glauben.

Lena, so nennt Wilfried Rosendahl die junge Frau liebevoll. Er trifft sie neuerdings täglich an seinem Arbeitsplatz. Der Paläontologe mit den flinken Augen und den fliegenden Haaren ist Direktor an den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen.

Lena ist nicht viel kleiner als er, schlank, ein attraktiver Typ. Das Gesicht regelmäßig, offenes braunes Haar, der Blick selbstbewusst.

Rosendahl berührt Lenas Fingerkuppen. Ihre Haut ist weich, das Gewebe unter den leicht schmutzigen Nägeln – vom Feuermachen? – gibt elastisch nach. Sie hätte gewiss einen herzlichen Händedruck. Würde er ihr je in Fleisch und Blut begegnen.

Ihr Vorbild lebte allerdings schon vor 30 000 Jahren, während der letzten Eiszeit. Lena sieht zwar auch lebendig aus, sie wurde aber von der Berliner Figurenbauerin Lina Büscher aus Silikon geformt, mit echten Wimpern und Haaren modelliert und mit indianisch anmutenden Lederkleidern ausstaffiert.

Lässig auf einen Holzspeer gestützt, repräsentiert Lena gemeinsam mit einer männlichen Figur mit perlendurchflochtenem Bart die Spezies Homo sapiens, den modernen Menschen, in der spektakulären Museumsshow „Eiszeit­ Safari“, die gerade in Koblenz eröffnet wurde.

Lenas Anblick macht deutlich: Zwischen den Menschen, die unseren Kontinent während der Eiszeit vor 30 000 Jahren bewohnten, und den heutigen Europäern gibt es keinen Unterschied. Lenas Mammut jagende Zeitgenossen unterschieden sich äußerlich nicht von jenen Menschen, die heute auf Autobahnen im morgendlichen Pendlerstau vorankriechen. Auch der Bauplan der Psyche jener frühen Europäer, da ist sich eine wachsende Zahl von Paläoanthropologen sicher, unterschied sich nicht von unserer. „Ein Kind aus der Eiszeit würde sich, in unsere Welt versetzt, ganz normal entwickeln“, sagt der Tübinger Forscher Hervé Bocherens.

Wie nah uns das Leben in der Eiszeit immer noch ist, das möchte diese Ausstellung veranschaulichen. Dafür wurden zahlreiche komplette Skelette und nie zuvor gesehene Rekonstruktionen der eiszeitlichen Tierwelt in einem Landschaftsambiente arrangiert. Nicht nur Lena, sondern auch Mammuts, Europäische Bisons, Wollhaarnashörner und Riesenhirsche wurden für die Ausstellung unglaublich realistisch nachgebildet.

„Eiszeit-Safari“ haben die Reiss-Engelhorn-Museen die Show genannt. Sie wollen damit aufzeigen, dass Europa vor 30 000 Jahren tatsächlich mehr mit der afrikanischen Savanne gemein hatte als mit Grönland. Denn befeuert durch populäre Medien und animierte Kinofilme („Ice Age“), stellen sich die meisten unter der Eiszeit eine kältestarrende Epoche vor. Eine düstere Zeit, in der neben dem Homo sapiens noch der Neandertaler den Kontinent durchstreifte, immer hart am Tod durch Erfrieren, Verhungern, Erschlagenwerden. Doch die Eiszeit war weder ausschließlich eisig noch karg.

„Eiszeit war anders“, sagt Rosendahl.

War sie womöglich sogar der europäische Garten Eden, die Landschaft, deren Abbild bis heute in unserem kollektiven Unterbewusstsein schlummert?

Zunächst einmal, sagen Geologen zur Klarstellung, ist das, was wir Laien als Eiszeit bezeichnen, nur die letzte Kaltzeit des bislang letzten Eiszeitalters, des känozoischen. Das begann vor 30 Millionen Jahren und dauert bis heute an. In dieser Zeit wechselten sich mehrere Kalt- und Warmzeiten ab. Heute leben wir seit rund 10 000 Jahren in einer solchen Warmzeit, die aber immer noch Teil eines Eiszeitalters ist.

Die Kälteperiode davor (Würm- oder Weichseleiszeit) währte fast 100 000 Jahre. Sie haben die meisten vor Augen, wenn sie von „der Eiszeit“ sprechen. Das ist die Periode, durch die uns die Koblenzer Ausstellung führt – und diese Safari zwingt uns, unser Bild zu korrigieren.

Die Ausstellungsmacher verarbeiteten für die Präsentation ganz neue, oft revolutionäre Ergebnisse von Paläontologen, Pflanzenforschern, Genetikern, Ökologen und Datierungsexperten. Die Wissenschaftler liefern ein völlig neues Bild des eiszeitlichen Lebens auf unserem Kontinent.

Bis vor gerade mal 10 000 Jahren war er ein Ökosystem mit einer regelrecht tropisch anmutenden Lebensfülle. Unsere Vorfahren begegneten gewaltigen Tieren. Das Klima war vielerorts lebensfreundlicher und angenehmer als häufig gedacht, in den kurzen Sommern konnte die Temperatur auch mal über 20 Grad steigen. Es gab viel blauen Himmel und Sonnenschein. Eisig war es in der warmen Jahreszeit nicht besonders – nicht einmal in direkter Nähe der Gletscher. Obwohl diese von Skandinavien aus bis ins heutige Norddeutschland vorgerückt waren, wo sie die Landschaft nachhaltig prägten. Und obwohl sich im Süden die Schnee- und Eismassen der Alpen bis ins Flachland hinabschoben. Die großen Seen wie der Chiemsee oder der Bodensee füllen heute die Becken, die von diesen Eiszungen gegraben wurden.

Die spektakulären Zeugen glazialer Kräfte sind noch heute unübersehbar. Sie lenken die Aufmerksamkeit allerdings von den überraschenden Spuren ab, die nur Spezialisten ausmachen können. Diese wissen heute: In der letzten Eiszeit bedeckte im Frühsommer eine Savanne aus wogenden Gräsern die europäische Erde. So weit der Blick reichte, erstreckte sich ein Blütenmeer, durchsetzt mit Buschland und vereinzelten Baumgruppen.

Diese Szenerie ist das Gegenteil der lang herrschenden Vorstellung, dass eine karge Tundra mit Flechten und Krüppelsträuchern das Land bedeckt hätte. Oder der finstere Nadelforst der Taiga. „Das Bild von einem vorgeschichtlich dicht bewaldeten Europa ist überholt“, fasst die Paläontologin Mietje Germonpré vom Brüsseler Naturhistorischen Museum den letzten Stand des Wissens zusammen. Die Forscher müssen umdenken: Wo wir heute leben, war einst eine Art Serengeti.

Die Landschaft war nicht karg, sondern üppig, sie barst schier vor Leben. Anders als Tundra oder Taiga ist eine Grassavanne hochfruchtbar. Die Tiere darin waren nach Ansicht von Forschern wie Bocherens und Germonpré oft erheblich größer als ihre heutigen Verwandten. Herden von Mammuts, Bisons und Pferden, Wollnashörner, Saiga-Antilopen und Riesenhirsche grasten in der Savanne. Es gab Leoparden, Wölfe, Hyänen, Löwen, Braun- und Höhlenbären, in der letzten Warmzeit vor 120 000 Jahren (Eem-Warmzeit) sogar noch Flusspferde, wie zahlreiche Fossilfunde belegen.

Eine Schlüsselposition in dieser eiszeitlichen Serengeti nahm das Rheintal ein. Weil durch die Burgundische Pforte südliche Luft ungehindert an den Alpen vorbeiströmen konnte und hier schon damals das Klima milder war als in der Umgebung, kreuzten sich die Zugrouten der großen Herden. Die Oberrheinebene war noch vor 20000 Jahren so etwas wie eine europäische Etosha-Pfanne – kaum weniger artenreich als die legendäre Salzebene Namibias, die jedes Jahr Tausende von Wildlife-Touristen anzieht.

Klaus Reis hat die Erinnerung daran mit eigenen Händen ausgegraben. Der heute 81-jährige Seniorchef einer Riesling-Sektkellerei in Deidesheim ist in jeder freien Stunde seines Lebens am Oberrhein auf Safari gegangen. Es war eine Pirsch in die Vergangenheit.

Reis ist seit seiner frühen Kinderzeit ein begeisterter Sammler. Zunächst suchte er in den späten Vierzigerjahren in der deutschen Provinz wie viele andere ganz brav nach Mineralien. Bis er durch Zufall auf etwas stieß, was sein Lebensinhalt werden sollte. „Eines Tages, bei Niedrigwasser im Rheinbett, bin ich über einen Schädel gestolpert“, erinnert er sich. Der Junge grub fasziniert tiefer und tiefer und hatte schließlich den Schädelknochen eines Riesenhirsches freigelegt – komplett mit Geweihschaufeln.

Aus dem Jungs-Hobby wurde eine Leidenschaft für den Rest seines Lebens. Über die Jahre sammelte Reis im Rheinkies Tausende von Schädeln und weitere Überreste von Mammuts, Nashörnern, Büffeln und anderen Tieren, nicht nur aus der letzten Eiszeit, sondern dem gesamten Quartär. So nennen Geologen die Epoche der letzten 2,6 Millionen Jahre, den jüngsten Zeitabschnitt der Erdgeschichte, der bis heute reicht.

Die Knochenfunde von Klaus Reis bilden eine wichtige wissenschaftliche Basis für das Projekt „Eiszeit-Safari“. Wobei vieles, was er zusammengetragen hat, gar nicht gezeigt werden kann, so groß ist die Menge der Gebeine, die der Sammler in der Serengeti am Oberrhein aufgestöbert hat. Bis in die Achtzigerjahre gab es in Rheinland-Pfalz keine gesetzliche Regelung für fossile Funde. Sammler konnten behalten, was sie ausgegraben hatten. Reis hatte freie Hand. Oft suchte er in den Abraumhalden, die beim Ausbaggern der Fahrrinne am Flussufer entstanden. Oder in Kiesgruben.

„Ich weiß nicht, warum gerade ich so viel Glück hatte“, beschreibt Reis seine Gefühlslage während zahlreicher verzückter Tage, wie zum Beispiel an jenem Gründonnerstag 1977, als nach einem Gewitterguss etwas in der tropfenden Bruchkante einer Sandgrube schimmerte. „Abends um fünf lag ein weiteres Geweih eines Riesenhirsches neben mir in den Brennnesseln“, erinnert sich Reis. „Ob ich Tränen in en Augen hatte, weiß ich nicht mehr, aber ich habe mich gefragt: Mein Gott, warum denn immer ich?“

Dieses Füllhorn von Fundstücken spiegelt freilich schlicht die üppigen Lebensverhältnisse der Eiszeit wider. Unsere Vorfahren lebten in einer Welt des Überflusses. Nahrung war nicht knapp, wenn auch saisonal stark verschieden. Eier gab es nur vom Frühling bis in den Frühsommer, Früchte nur vom Sommer bis zum Herbst. Fleisch aber war nie rar. Mangel litten die Menschen kaum, höchstens gegen Ende langer Winter.

Die eiszeitliche Mammutsteppe überzog fast die gesamte Nordhalbkugel. Sibirien und Alaska waren nicht durch die Beringstraße getrennt, weil der Meeresspiegel durch das in den Polkappen gebundene Wasser um 150 Meter niedriger lag als heute. Das jetzige Europa, Asien und weite Teile Nordamerikas bildeten damals ein gigantisches Ökosystem, das sich als Sommersteppe einmal um den Globus zog.

Ein ausdauernder Wanderer hätte durch diese unfassbar reiche Landschaft vom Strand der heutigen Biskaya nach Osten trockenen Fußes durch das heutige Russland bis nach Amerika laufen können. „Das ist die Welt, in der sich der moderne Mensch entwickelt hat“, sagt Bocherens. Der Homo sapiens blieb auch nach dem Auszug aus Afrika ein Savannenbewohner.

Somit speiste nicht allein die Weite Ostafrikas, die „Wiege der Menschheit“, unser kollektives Unterbewusstsein mit Erinnerungen an ein Zusammenleben mit großen Herden. In Europa war es nicht anders. Und auch nicht anderswo auf der Erde. „Auf allen Kontinenten wurden die Ökosysteme von riesigen Pflanzenfressern dominiert“, sagt Bocherens. Und überall brachte deren Herrschaft eine wundersame Vielfalt hervor.

NG-Video: Die Archäologie der Eiszeit


In Amerika etwa, südlich des kanadischen Eisschilds, und damit getrennt von der eurasischen Mammutsteppe, hatte sich eine Welt geformt, die von wärmeliebenden Kolumbianischen Mammuts, von Riesenfaultieren und urtümlichen, elefantenähnlichen Mastodonten durchschritten wurde. Im südlichen Asien und im sogenannten Fruchtbaren Halbmond des heutigen Nahen Ostens beherrschten Elefanten und Auerochsen die Ebenen.

Eine Hochphase des Planeten: das globale Savannenparadies der großen Graser, denen weder Wolf noch Höhlenlöwe ernsthaft zu Leibe rücken konnten. Aber die Macht der riesigen Leiber reichte noch weiter, als sich nur gegen Raubtiere wehren zu können: Das Weideverhalten der großen Vegetarier veränderte die Nährstoffkreisläufe auf eine Weise, die auch die Witterung beeinflusste und sie milde hielt. Die riesigen Herden schufen sich ihr Klima selbst.

Eine solche Aussage, das weiß Bocherens, stößt bei manchen Kollegen zunächst auf Skepsis. „Bislang glaubten Biologen, ein fruchtbarer Lebensraum mit üppiger Vegetation sei die Voraussetzung, viele Pflanzenfresser ernähren zu können; erst dann seien dort auch die Raubtiere hingezogen“, erläutert Bocherens.

Vegetation, Tiere und Klima wurden in getrennte Schachteln gesteckt. Heraus kam einerseits das Bild einer tropisch anmutenden Fülle von Tierarten – und andererseits das der eiszeitlichen Landschaft als öde Eiswüste, dürre Tundra oder düsterer Nadelwald, das die populäre Vorstellung bis hin zu den Episoden der „Ice Age“­Filme prägt. Viel Frost, wenig Bodenbakterien, kaum Nährstoffumsatz – was einmal gefressen war, wäre unter diesen Bedingungen lange Zeit nicht wieder zu Dünger geworden.

Die Folgen für das Ökosystem schienen sich an den kargen Flechtenrasen der heutigen Polargebiete ablesen zu lassen. „Was wir aber nicht bedacht hatten“, so Bocherens, „das war die Rolle der Tiere selbst.“ Oder vielmehr ihrer Mägen. Deren Mikroflora nämlich ersetzte die Bodenbakterien und recycelte Stoffe, die dadurch blitzschnell wieder als Dünger für neues Pflanzenwachstum zur Verfügung standen.

„Während der Eiszeit war die Bakterienflora aus dem Boden gleichsam in die allgegenwärtigen Mägen der Mammuts, Hirsche, Pferde und Bisons verlegt“, erklärt Bocherens. Damit waren die Großsäuger zu Landschaftsgestaltern geworden. Ihr Dung ließ selbst am Rand der aus den Polargebieten weit vorgerückten Gletscher eine Vegetation sprießen, die den heutigen mitteleuropäischen Sommerwiesen mit unzähligen Blüten, Insekten und Kleintieren ähnelte. Auch wenn es paradox erscheint: Die Herden der Pflanzenfresser stellten die Pflanzen her, die sie benötigten, um sich massenhaft zu vermehren.

„Wir müssen uns die Eiszeitlandschaft als ein von den Tieren selbst kontrolliertes Ökosystem vorstellen“, sagt Bocherens.

Einen aktuellen Beleg für diese These liefert der „Pleistozän Park“ im russischen Sibirien. Dort halten Forscher seit zwei Jahrzehnten Großsäuger auf einem mehrere Quadratkilometer großen Areal. Zwar sind es keine prähistorischen Mammuts und Wollnashörner, sondern Pferde, Europäische Bisons und Yaks, doch ihre Anwesenheit hat den gleichen Effekt wie einst: Ihre Mägen beherbergen eine eifrige Bakterienflora, die das gefressene Grün blitzschnell wieder zu Nährstoffen mineralisiert, die der Dung der Tiere auf dem Permafrostboden verteilt. Ein weiterer Effekt kommt hinzu: Die Großsäuger knabbern die Schösslinge junger Bäume und verhindern dadurch die Entstehung großer Nadelwälder.

Der ökologische Effekt ist spektakulär: Binnen weniger Jahre hat sich die Tundra innerhalb des Parks in eine fruchtbare Steppe verwandelt. Insekten und Singvögel sind eingezogen. Sogar Bienen wagen sich unter diesen Umständen mittlerweile weit über den Polar­ kreis nach Norden vor. Mit diesen Befunden lässt sich endlich erklären, warum Archäologen eiszeitliche Mammutknochen noch auf 72 Grad nördlicher Breite ausgruben. Die Klimagestaltung der Pflanzenfresser hat das Land so fruchtbar gemacht, dass Säugerherden in jenen Regionen gedeihen konnten.

Das aber heißt: Auch andere unwirtliche Landschaften nördlicher Hemisphären müssten nicht zwangsläufig so aussehen, wie wir sie kennen. „Tundra und Taiga sind das, was sich bildet, wenn die großen Äser verschwinden“, stellt Bocherens fest. Sie sind eine Art ökologische Schwundstufe. „Bleiben die Großsäuger fort, wird ein Kipppunkt überschritten“, so erklärt es der Biologe. Hat sich die ökologische Wippe erst einmal zu einer Seite geneigt, ändern sich Stoffzyklen, Niederschlagsmuster wechseln, Arten sterben massenhaft und rapide aus – und die Landschaft wird karger.

Diese Erkenntnis gilt nicht nur für die Kaltzeiten des prähistorischen Europas, sondern auch für spätere Warmzeiten. Mit ihr wird zudem das Idealbild vom dichten Buchenwald als dem natürlichen ökologischen Zustand unseres Kontinents infrage gestellt, eine Vision, die viele Umweltschützer so lieben. Schon vor rund 2 000 Jahren berichteten römische Geschichtsschreiber von den Feldzügen Caesars durch die endlosen Wälder Germaniens, und das stimmte zu jener Zeit und in einigen Regionen wohl auch. Doch im Großen und Ganzen gab es auf dem Kontinent die meiste Zeit wohl weniger große Wälder als vielfach angenommen. Mammuts, Pferde und Bisons sorgten für fruchtbare, offene Landschaften.

Kein Geschichtsbuch und erst recht kein ökologisches Lehrwerk verzeichnet bislang, dass unsere europäische Vergangenheit in einer Landschaft stattfand voll von Tieren, so weit das Auge reichte. Vielleicht hat sich der Widerhall dieser Fülle aber in den Mythen vom Paradies niedergeschlagen, wie es sie in vielen Hochkulturen gibt. Adam und Eva wären dann Eiszeitmenschen gewesen – Zeitgenossen von Lena, der drahtigen Jägerin.

Die Vorstellung von menschenleerer Wildnis hat sich womöglich in uns festgesetzt, weil seit der Antike in Europa, Asien und im arabischen Raum keine Großsäugerherden mehr die Steppen begrasen. Wir haben vergessen, wie die Landschaft unserer Frühzeit aussah.

Die Biologen sind bei ihren Thesen zum Glück nicht allein auf Spekulationen angewiesen, Bestätigung finden sie durch immer empfindlichere Messverfahren. Wissenschaftler können heute herausfinden, wovon sich Tiere und Menschen, die vor vielen Zehntausend Jahren gestorben sind, ernährt haben. Denn je nach Art der Mahlzeiten lagern sich unterschiedliche Typen von Kohlenstoff und Stickstoff in den Knochen ab – und diese Isotope sind in den fossilen Überresten erhalten.

So lässt sich etwa zeigen, dass Mammuts Gräser fraßen, während Rentiere Flechten und Moose bevorzugten. Kürzlich konnte bestätigt werden, dass der furchterregende Höhlenbär in Wahrheit ein reiner Vegetarier war. Und dass sich die frühen Menschen am liebsten von Mammuts ernährten. Von denen gab es reichlich, ebenso wie anderes Großwild.

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(NG, Heft 4 / 2016, Seite(n) 38 bis 65)
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