Energiewende - Vorbild Deutschland

Autor: Robert Kunzig  —  Bilder: Luca Locatelli
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Bild oben: Windräder haben das Kohlekraftwerk bei Garz­weiler in Nordrhein­-Westfalen umzingelt. Er­neuerbare Energiequellen liefern bereits 27 Prozent der Elektrizität in Deutsch­land. Vor einem Jahr­zehnt waren es erst neun Prozent.

Zusammenfassung: Der Klimawandel und die Reaktor-Katastrophen in Fukushima und Tschernobyl haben in Deutschland zur Energiewende geführt. Wir schalten Atomkraftwerke ab und bauen stattdessen Wind- und Solarenergieanlagen. Seit 1990 haben wir unsere CO2-Emissionen um 27 Prozent gesenkt. Der amerikanische Journalist Robert Kunzig suchte nach dem Ursprung des deutschen Umweltbewusstseins und erklärt, warum die Welt von uns lernen kann.

In Hamburg wusste man: Die Bomber würden kommen. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter hatten ein halbes Jahr, um zur Abwehr einen weiteren gigantischen Flakturm zu bauen. Im Juli 1943 war er fertig: Ein fensterloser Würfel aus Stahlbeton mit zwei Meter dicken Mauern und einem noch dickeren Dach erhob sich wie eine mittelalterliche Festung nahe der Elbe. Seine Geschütze würden die Kampfflugzeuge der Alliierten vom Himmel fegen, versprachen die Nazis.

Es kam anders. Nur Wochen nach der Fertigstellung des Hochbunkers im Stadtteil Wilhelmsburg steuerten britische Flieger auf die Kirche St. Nikolai im Zentrum zu. Sie warfen Stanniolstreifen ab, um die deutschen Radaranlagen und die Flak-Schützen zu irritieren. Im anschließenden Feuersturm wurde halb Hamburg zerstört, mehr als 34000 Menschen kamen um. Irgendwie überstand der Turm von St. Nikolai den Angriff. Heute ist er ein Mahnmal für die Schrecken des Krieges und die Terrorherrschaft der Nazis – genau wie der damals nutzlose Flakturm.

Jetzt hat er jedoch eine neue Bedeutung: Die IBA Hamburg, eine Firma, die Stadtentwicklung betreibt, und Hamburgs eigener städtischer Energieversorger, Hamburg Energie, haben das schändliche Bild der deutschen Vergangenheit gewandelt - in eine hoffnungsvolle Zukunft.

Im zentralen Raum des Energiebunkers Wilhelmsburg, in dem einst Tausende Hamburger vor dem Feuersturm Schutz suchten, liefert heute ein sechsstöckiger, zwei Millionen Liter fassender Heißwassertank Wärme und Warmwasser für etwa 800 Haushalte. Beheizt wird es durch die Verbrennung von Gas aus der Abwasseraufbereitung, mit der Abwärme eines nahe gelegenen Industriebetriebs und von Sonnenkollektoren auf dem Dach. Eine Fotovoltaikanlage an der Südseite des Bunkers wandelt Sonnenlicht in Elektrizität um – ausreichend Strom für 1000 Haushalte. An der Nordbrüstung, dort, wo einst die hilflosen Flak-Schützen die Flammen über dem Stadtzentrum auflodern sahen, schaut man aus einem Café mit Aussichtsterrasse über die Skyline, aus der nun 17 Windräder emporragen.

Könnte es sein, dass Deutschland der Vorreiter eines beispielgebenden Wandels ist? Die Deutschen selbst betrachten die eigenen Fortschritte zwar durchaus kritisch, doch viele Wissenschaftler aus dem Ausland sagen: Wolle man eine Klimakatastrophe auf der Erde wirklich verhindern, müssten alle Länder dem deutschen Beispiel folgen – der sogenannten „Energiewende“. Unter den Industrienationen gilt die Bundesrepublik heute als richtungweisend. Im Jahr 2014 lieferten Wind, Sonne und andere Quellen erneuerbarer Energie bereits 27 Prozent des Strombedarfs – dreimal so viel wie noch vor zehn Jahren und mehr als doppelt so viel wie in den USA . Der Umschwung nahm 2011 Tempo auf, nach der Kernschmelze im japanischen Atomkraftwerk Fukushima. Kanzlerin Angela Merkel kündigte damals an, Deutschland werde bis 2022 alle 17 aktiven Atomreaktoren herunterfahren. Neun sind schon abgeschaltet, erneuerbare Energien haben die Lücke mehr als gefüllt.

Welche Bedeutung diese Entwicklung in Deutschland jedoch letztlich für die Welt hat, entscheidet sich bei einer anderen Frage: Kann das Land aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe ebenso konsequent aussteigen? Der Ausstoß von CO2 müsste bis Ende des Jahrhunderts weltweit auf null fallen, um die globale Erwärmung in einem Rahmen zu halten, der katastrophale Änderungen der Ökosysteme höchstwahrscheinlich ausschließt. Deutschland, die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, hat versprochen, seine Emissionen im Vergleich zum Jahr 1990 radikal zu senken: um 40 Prozent bis 2020 und um mindestens 80 Prozent bis 2050. Ob es das Versprechen einlösen wird, ist offen.

Konventionelle Versorgungsbetriebe drängen darauf, den Prozess zu bremsen. Das Land gewinnt noch immer viel mehr Strom aus Kohle als aus erneuerbaren Energiequellen. Und auch in den Bereichen Transport, Verkehr und Heizung, die zusammen mehr Kohlendioxid ausstoßen als die Kraftwerke, müsste stark umgesteuert werden.

„Die Energiewende ist ein Generationenprojekt. Sie wird bis 2040 oder 2050 dauern, und es wird nicht leicht“, sagt Gerd Rosenkranz, ehemaliger „Spiegel“-Journalist und jetzt Analyst beim Berliner Thinktank Agora Energiewende. „Sie hat den Strom für den privaten Verbraucher teurer gemacht. Auf die Frage ‚Wollen Sie die Energiewende‘ antworten dennoch neun von zehn mit Ja.“

„Warum?“ Das fragte ich mich, als ich, ein amerikanischer Journalist, in diesem Frühjahr durch Deutschland reiste. Warum geht gerade dieses Land auf dem Weg in die Zukunft voran? Und: Werden andere folgen?

Video: Von Windkraft bis hin zu umfunktionierten AKWs: Deutschland wird grüner

Ein Mythos sagt, der Ursprung der Deutschen liege im Herzen des Waldes . Dieser Mythos lässt sich bis zum römischen Historiker Tacitus zurückverfolgen. Er schrieb vor 2 000 Jahren über die teutonischen Horden, die in ihren Wäldern die römischen Legionen massakrierten. Im 19. Jahrhundert verklärten deutsche Romantiker die Waldeslust. Bis heute, sagt der Ethnologe Albrecht Lehmann, sei „der deutsche Wald“ ein prägender Teil der deutschen Identität, dahin gingen die Deutschen, um ihre Seele zu erneuern. Und in dieser Tradition wurzele die Sorge um die Umwelt.

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