Christoph Kolumbus

Christoph Kolumbus kämpft fanatisch um seine Mission, den Osten auf dem Weg nach Westen zu finden. Nach 70 Tagen auf dem Atlantik glaubt er sich in Indien – dabei ist er auf einen noch völlig unbekannten Kontinent gestoßen.

Das große Wasser im Westen Europas ist „das Meer der Dunkelheit“, al-bahral muzlim, wie es die Araber getauft haben. Ein Hort von Unwettern und Ungeheuern, kein Seefahrer wagt sich weit hinaus. Eine Karte von 1367 zeigt eine Figur mit erhobenem Arm, die vor der Reise nach Westen warnt. Doch da locken legendäre Reiche und Reichtümer im Osten: Indien, China und Cipangu, wie Japan zu dieser Zeit genannt wird, dazu Gold, Seide und Gewürze. Das expandierende Imperium der Türken erschwert den abendländischen Mächten die Handelswege nach Osten. So bleibt nur die Route über das Wasser.

Die Portugiesen, im 15. Jahrhundert die führende Seefahrernation, suchen den Weg um Afrika herum. Der junge Genueser mit den flackernden Augen und hehren Visionen erntet bei ihnen nur Verachtung und Spott. Viel zu weit, viel zu gefährlich, unmöglich – so lautet 1484 das Urteil der Geographen am Hof von Portugals König Johann II., als Christoph Kolumbus ihnen seinen Plan vorträgt, nach Westen zu segeln, um in den Osten zu gelangen. So verhelfen sie ungewollt dem Erzrivalen Spanien dazu, sie bald als führende Weltmacht abzulösen.

Kolumbus, Sohn eines Webermeisters, seit 1476 mit Wohnsitz in Lissabon, ist sicher ein Hitzkopf und Eiferer. Er steht unter dem Einfluss des Franziskaners Antonio de Marchena. Der Guardian des spanischen Klosters Santa María de la Rábida ist Mitglied der Bewegung der Observanten, die von der apokalyptischen Endzeit, der Rückeroberung der heiligen Stadt Jerusalem und der Bekehrung aller Welt zu Christus reden. Kolumbus ist aber auch ein ausgezeichneter Seefahrer. Im Auftrag Genueser Kaufleute ist er durch das Mittelmeer vermutlich bis Kleinasien, die Westküste Afrikas entlang bis zu den Kapverdischen Inseln und das portugiesische Guinea nahe dem Äquator, im Atlantik immerhin bis England und möglicherweise sogar Island gesegelt. Christoph Kolumbus hat die Meereswinde studiert und weiß, das sie südlich der Kanarischen Inseln aus Nordost, weiter nördlich aber aus Westen wehen – so errechnet er seine Route für die geplante Hin- und Rückfahrt.

Der Handelsagent aus Genua hört Geschichten von Treibgut, das aus Westen an die Atlantikküsten geschwemmt werde. Von Leichen mit fremdartigen Gesichtern, die in Booten angelandet seien. Kolumbus hält die Erde nicht für eine Kugel, aber für eine Art Birne. Den Astronomen und Mathematiker Claudius Ptolemäus aus dem antiken Alexandria hat er so interpretiert, dass der Seeweg von den Kanaren nach Asien nicht länger als 4000 Kilometer sein könne – in Wirklichkeit sind es 17000. «Ich gehe meinen Weg», schreibt Kolumbus, «wie sehr mir die Winde auch ins Gesicht wehen mögen.»

Der franziskanische Mönch verschafft ihm 1486 Zugang zum spanischen Hof. Fast sieben Jahre dauert dort sein Kampf um die Expedition. Königin Isabela ist auf seiner Seite, doch die Gelehrten blockieren Kolumbus auch hier. Die Wende kommt 1492 nach dem Fall von Granada, der letzten Bastion der muslimischen Mauren. Das katholische Spanien wird zu einer aufstrebenden Macht, die nun ihren Blick in die Welt richtet. Am 17. April schließt der Hof mit Kolumbus einen Vertrag, der ihn zum „Admiral der Weltmeere“ macht, zum Vizekönig und Gouverneur aller Länder, die er entdecken würde – und der ihm zehn Prozent aller Einnahmen aus diesen Entdeckungen garantiert.

Am 3. August 1492 stechen von Palos aus unter seinem Kommando die Karavellen „Santa María“, „Niña“ und „Pinta“ mit insgesamt 90 Mann Besatzung in See. Kolumbus führt zwei Logbücher, ein geheimes mit den korrekten Positionen und ein offizielles, das der Besatzung vorspiegelt, sie sei immer noch nah an Spanien. Dennoch kommt es, nach vielen Windflauten, zu Reibereien, Schlägereien, fast zu einer Meuterei – bis am 12. Oktober, morgens um 2 Uhr, der Matrose Rodrigo de Triana im Ausguck das ersehnte Land sichtet. Es ist, wie Forscher später rekonstruieren werden, die Bahamas-Insel Guanahani. Kolumbus tauft sie „San Salvador“ (Heiliger Erlöser). Die vorsichtig näher kommenden Bewohner beschenkt er mit Glasperlen und Glöckchen. Er nennt sie „Indianer“, weil er sich ja in Indien wähnt.

Auf der Suche nach dem asiatischen Festland kommt Christoph Kolumbus am 28. Oktober nach Kuba und von dessen Ostküste aus zu einer Insel, die er „Española“ nennt (später wird daraus Hispaniola). Kolumbus hält sie für einen Teil von Cipangu. Verwundert sehen die Spanier, dass die „Indianer“ qualmende Kräuter an die Lippen führen und Rauch aus Mund und Nase stoßen – die ersten Zigarren, die Europäer zu Gesicht bekommen.

Am Weihnachtstag läuft die „Santa María“ auf ein Korallenriff und muss aufgegeben werden. Kolumbus deutet das Unglück als Zeichen, hier eine Siedlung zu gründen. Er nennt sie „Navidad“, lässt 40 Mann mit Nahrung und Munition zurück. Mit Gold, Bernstein und einer Eskorte von „Indianern“, die gelbe und grüne Papageien in Käfigen tragen, tritt Kolumbus triumphierend in Barcelona vor das spanische Königspaar.

In Windeseile wird eine neue, viel größere Expedition ausgerüstet: 17 Schiffe mit gut 1500 Seeleuten, Soldaten und Siedlern. Sie sollen Hispaniola kolonisieren, Kuba erforschen und den Portugiesen in Indien zuvorkommen. Auf einer südlicheren Route segelt Kolumbus 1493 in die Karibik, stößt unter anderem auf die Inseln Dominica, Guadeloupe und Puerto Rico. Auf Hispaniola sind alle Spanier bei der Jagd nach Gold und Frauen von den Einheimischen umgebracht worden. So gründet er an der Nordküste eine neue Siedlung, der Königin zu Ehren mit Namen Isabela.

Hartnäckig hält Kolumbus daran fest, dass Kuba asiatisches Festland sei. Er glaubt, er habe die Erde schon zur Hälfte umfahren (in Wirklichkeit ist es nur ein Fünftel) und wähnt sich nahe der Straße von Malakka. Seinen Glauben lässt er am 12. Juni 1494 zum offiziellen Dogma erheben, sein Notar nimmt jedem Besatzungsmitglied einen Eid ab. Danach muss, wer Kuba als Insel bezeichnet, mit schlimmsten Strafen rechnen: 100 Peitschenhiebe für die Matrosen, Verlust der Zunge für Offiziere.

Doch die Goldmengen, die sich in den neuen Ländern finden, genügen nicht den Ansprüchen, die zu Hause geweckt worden sind. Kolumbus’ Stern beginnt zu sinken, obwohl er noch zweimal auf große Reise geht. Bei der dritten Expedition, die 1498 beginnt, irrt er vom Orinoko-Delta aus an der Küste Südamerikas entlang, auf der verzweifelten Suche nach einer Passage Richtung Indien. Auf Hispaniola bricht ein Aufstand gegen ihn und seinen Bruder Bartolomé aus, den Kolumbus zu seinem Stellvertreter ernannt hat. Die Krone schickt den Untersuchungsrichter Francisco de Bobadilla. Der nimmt Kolumbus und dessen Bruder in Haft und schickt sie im Oktober 1500 in Ketten nach Spanien zurück.

Trotzdem gelingt es Christoph Kolumbus noch einmal, die Gunst des Hofs zu erwerben. 1502 segelt er mit vier kleinen Schiffen und 150 Mann in nur 21 Tagen über den Atlantik. Er fährt die Küste Mittelamerikas entlang, von Honduras bis nach Panama. Wieder wähnt er sich in Hinterindien und glaubt, in zehn Tagen die Mündung des Ganges erreichen zu können. An der Nordküste Jamaikas muss Kolumbus im Juni 1503 seine wurmzerfressenen Schiffe auf den Strand laufen lassen. Sein Vertrauter Diego Méndez wagt in einem Kanu die Überfahrt nach Hispaniola, um Hilfe zu holen; sie trifft aber erst Ende Juni des folgenden Jahres ein.

Nur 19 Tage nach seiner Rückkehr in die Heimat, am 26. November 1504, stirbt seine Gönnerin Isabela. Am Hof setzen sich nun endgültig die Intriganten gegen Christoph Kolumbus durch, denen der fremde Genueser schon immer ein Dorn im Auge war.

Kolumbus leidet mehr und mehr unter dem Reiter-Syndrom, bei dem Entzündungen der Augenbindehaut, Harnröhre und den Gelenken kombiniert auftreten. So zieht er sich in ein bescheidenes Haus in Valladolid zurück. Mit Hilfe von Priestern schreibt er ein Buch der Prophezeiungen, das die kommende Einheit der Welt voraussagt. 1506, im Alter von 55 Jahren, ist Kolumbus mit seinen Kräften am Ende. Den Glauben, er sei in Indien gewesen, nimmt er halsstarrig mit ins Grab.

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