Francis Garnier

Der Mekong als Handelsstraße – das ist die Vision von Francis Garnier. Zwei Jahre erforscht der Franzose Südostasiens wichtigsten Fluss. Er kämpft sich durch Dschungel und Stromschnellen bis nach China. Dort wird er durch Kämpfe gestoppt.

Träumen ist eigentlich keine soldatische Tugend. Charakterliche Anflüge eines Bohemien auch nicht. Und eine spöttische Zunge noch viel weniger. So gesehen ist Francis Garnier, wiewohl Sohn eines Armeeoffiziers, beim Militär im Grunde fehl am Platz.

Andererseits ist Francis Garnier ein schneidiger Kerl. Einer, der keine Angst hat. Bei der Ausbildung an der Marineschule klettert er so verwegen einen Schiffsmast hoch, dass er abstürzt und sich fast den Hals bricht. Auf hoher See rettet Garnier in dunkler Nacht einem Offizier, den eine starke Bö von Bord geweht hat, das Leben – er springt in voller Montur hinterher. Das sind Dinge, die macht ihm so schnell keiner nach. Und daher gibt es für den jungen Mann aus St. Etienne doch eine Karriere in Uniform.

Die Träume, die Garnier hat, treiben ihn weit weg von der Heimat. Wie andere europäische Mächte versucht auch Frankreich, im Fernen Osten Fuß zu fassen. Paris will Handelsverträge mit dem chinesischen Kaiserreich erzwingen, das von inneren Unruhen zerrissen ist. Es will das Kaiserreich Annam (später Vietnam) und noch andere Königreiche in Indochina unter seine Herrschaft zwingen. So spielt es sich als Schutzmacht der christlichen Missionare auf, die in vielen Regionen Ost- und Südostasiens Verfolgungen ausgesetzt sind.

Garnier nimmt ab 1859 an Feldzügen der Franzosen gegen China und Annam teil. Er wird 1863 in Saigon zum Inspektor für Eingeborenenangelegenheiten, 1865 in der Schwesterstadt Cholon zum Verwalter ernannt. Je länger sein Dienst dort dauert, umso mehr träumt Francis Garnier davon, diese Region einmal ganz anders kennen zu lernen.
Das Innere von Indochina ist für die Europäer Mitte des 19. Jahrhunderts ein Buch mit sieben Siegeln. Es liegt in Dschungeln und Sümpfen verborgen. Der Mekong, die Hauptschlagader der Region, ist ein Fluss voller Geheimnisse. Kein Forscher hat ihn je zur Gänze bereist, keiner je die Quelle gesehen. Könnte dieser riesige Strom nicht, so Garniers Vision, die Handelsstraße von und nach China werden?
Francis Garnier steht nicht allein da mit seinen Ideen. Die Advokaten einer französischen Expansionspolitik denken nicht anders. Wenn Frankreich ganz Indochina zu einer Kolonie machen will, reicht es nicht aus, nur die Küsten zu kennen. Vielleicht ist der Mekong wirklich der Schlüssel zum Erfolg?

Eine Expedition wird beschlossen, die den Strom von Kambodscha aus so weit wie möglich nach Norden hin erkunden soll. Der letzte Europäer, der die Region an seinem Oberlauf gesehen und beschrieben hat, war vermutlich Marco Polo – das ist nun schon fast 600 Jahre her. Garnier hat sich seit einiger Zeit für dieses Unternehmen stark gemacht. Er hätte es sicher auch gerne geleitet. Doch mit seinen 27 Jahren ist er dafür noch zu jung. So wird die Führung dem 16 Jahre älteren Marineoffizier Ernest-Marc-Louis de Gonzague Doudart de Lagrée übertragen. Er hat sich nicht nur als Soldat, sondern auch schon als Diplomat um sein Vaterland verdient gemacht: 1863 schloss er mit König Norodom einen Vertrag, durch den Kambodscha zum französischen Protektorat geworden ist. Garnier verfügt über solide geographische und astronomische Kenntnisse. So wird er zum wichtigsten Mann im rund 25-köpfigen Team. Am 5. Juni 1866 brechen die Franzosen von Saigon mit einem Dampfkanonenboot auf. Begleitet von drei Dolmetschern, kämpfen sie sich über die Stromschnellen von Sambor bis zu den Fällen von Khone hoch. Schon an der Grenze zwischen Kambodscha und Laos erkennen sie, dass der Fluss zu viele natürliche Hindernisse hat, als dass er von größeren Schiffen als von Kanus und Kähnen durchgängig befahren werden kann. Dafür bietet er einen immensen Reichtum an Völkern und Kulturen.
Sie steigen in kleine Boote um, erkunden die Gebiete an mehreren Nebenflüssen. Teils gehen sie zu Fuß, teils reiten sie auf Elefanten. Sie registrieren mit Erstaunen, wie oft der Fluss seine Generalrichtung ändert: erst Nord, dann West, dann wieder Nord und wieder West, schließlich gar Nordost.

Am 29. April 1867 erreichen sie in Laos die alte Königsstadt Luang Prabang. Im Dorf Ban Napheo, acht Kilometer weiter, stellen sie eine Gedenktafel am Grab des französischen Naturforschers Henri Mouhot auf, der hier vor gut fünf Jahren einem tropischen Fieber erlegen ist. Auch an ihnen zehrt das feuchtheiße Klima. Es gibt die ersten Fälle von Typhus und Malaria, Scharen von Blutegeln bohren sich den Forschern in die Beine.
Der Strom wird immer flacher, die Fahrt über die Katarakte immer schwieriger. Die Expeditionsteilnehmer trennen sich von großen Teilen ihres Gepäcks, um die Fracht leichter zu machen. In Burma müssen sie drei kleine Königreiche durchqueren; jedes Mal schicken sie Abgesandte voraus, die dem jeweiligen Herrscher Geschenke bringen und ihn um freie Durchfahrt bitten müssen.

Im Oktober 1867 passieren sie die Grenze nach China. Ihr Auftauchen ist eine Sensation. So gut wie nie sind Europäer aus dieser Richtung ins Land gekommen. Scharen von Neugierigen belagern die Franzosen, wo immer sie rasten. Statt unter Hitze leiden sie nun unter Schnee und Winterkälte, sie befinden sich immerhin schon auf mehr als 1500 Meter Höhe. Nun stirbt auch die letzte Hoffnung auf eine gute Verbindungsroute. Der Mekong verläuft stromaufwärts nicht tiefer in das Kaiserreich hinein, sondern eher in Richtung Tibet. Sie verlassen ihn und ziehen zunächst an Land weiter. Der Rote Fluss, erzählen die Einheimischen, fließe gut schiffbar bis ins Meer. Francis Garnier würde ihn gern erkunden. Doch nun geraten die Franzosen in einen Aufstand muslimischer Rebellen gegen die Zentralregierung in Peking.

Sie verstehen nur mit Mühe, was hier vorgeht. Ihre Dolmetscher sprechen keinen der Dialekte, die in der Provinz Yunnan verbreitet sind. Zum Glück taucht ein Missionar auf, der ihnen weiterhilft. Gerüchte schwirren umher, wonach vor kurzem 14 Europäer exekutiert worden seien. Der völlig erschöpfte Doudart de Lagrée muss in Dongchuan zurückbleiben. Garnier will mit drei Landsleuten und fünf Mann Eskorte weiter nach Dali. Sie erreichen den Jinsha Jiang, den Quellfluss des Jangtsekiang. In Dali, der Hauptstadt der Rebellenbewegung, machen sie im Februar 1868 Sultan Tu Wen-hsiu ihre Aufwartung. Sie sind dem Mekong schon wieder ziemlich nahe gekommen und möchten gern an seinen Lauf zurück. Die Entscheidung des Sultans aber lautet, dass die Franzosen die Stadt verlassen müssen.

Gleich darauf kommt der nächste Schlag. Doudart de Lagrée, dessen Gesundheitszustand sich seit Wochen verschlechtert hat, stirbt am 12. März an Amöbenruhr. Garnier erfährt davon am 2. April. Er übernimmt nun die Leitung der Truppe. Lucien Joubert, der Expeditionsarzt, hat den Toten bestatten lassen, allerdings zuvor dessen Herz aus der Brust genommen und einbalsamiert, um es mit in die Heimat zu nehmen. Garnier findet, dies sei zu wenig der Ehre, der ganze Leichnam müsse mit. So exhumieren sie die sterblichen Überreste und betten sie in einen Sarg, den sie für den Rest der Reise schleppen müssen. Wie eine Trauerprozession ziehen sie hinunter ins Tal des Jangtsekiang. Dort schiffen sie sich nach Schanghai ein. Ende Juni sind sie zurück in Saigon.

Francis Garnier hat fast 5000 Kilometer neues Land kartiert. Als er 1870 nach Frankreich kommt, wird er als Held gefeiert. China fasziniert ihn jetzt noch mehr als zuvor. Florierender Handel mit Tee und Seide – wenn nicht auf dem Mekong, dann vielleicht auf dem Roten Fluss, der in die Golf von Tongking mündet? 1873 ist Francis Garnier wieder im Reich der Mitte. Er reist allein den Jangtsekiang hoch, will seine chinesischen Sprachkenntnisse verbessern und eine neue Expedition vorbereiten. Doch die politischen Wirren lassen keine Zeit mehr für Träume. In Indochina brechen neue Kämpfe aus, Garnier ist nun wieder Kommandeur und nicht Forscher. Am 20. November 1873 besetzt er mit einem Truppenkontingent die Zitadelle von Hanoi, wo Vizekönig Nguyen Tri-Phuong residiert. Als Folge werden die Franzosen in der Festung attackiert. Die Angreifer sind Einheiten der Pavillons Noirs, der „Schwarzen Flaggen“ – chinesische Einwanderer, die auf Seiten annamitischer Truppen, aber auf eigene Faust gegen die europäischen Eindringlinge kämpfen.

Am 21. Dezember will sich Garnier einen Überblick über die Situation verschaffen. Er steigt ein Stück von der Festung herab, lässt seine 15 Begleiter ein Stück hinter sich, verschwindet hinter einem Reisfeld. Er versucht, einen Schutzwall hochzusteigen und gerät dabei ins Stolpern. Da werden von den Pavillon Noirs Lanzen auf ihn geschleudert. Als Garnier nicht zurückkommt, gehen seine Begleiter ihn suchen. Sie finden ihn tot auf dem Wall. Seine Feinde haben der Leiche den Kopf abgeschnitten und die Leber herausgerissen.
Der Leichnam wird nach Saigon gebracht, der Kopf wieder auf den Torso gesetzt. In der Stadt, in der die Mekong-Expedition begann, erhält Garnier seine letzte Ruhestätte – neben dem Grab von Doudart de Lagrée, mit dem er die Reise seines Lebens unternommen hat.

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