Gustav Nachtigal

Ein Arzt reist als Gesandter des preußischen Königs durch die Sahara. Gustav Nachtigal verdurstet fast, wird von fanatischen Muslimen angegriffen. Doch er erreicht als erster Europäer das Tibesti-Gebirge und gelangt vom Tschadsee zum Nil.

Was verbirgt die Sahara? Märchenhafte Städte wie Timbuktu? Unwegsame Gebirge wie den Tibesti? Tuareg, die Christen hassen? Seit dem 18. Jahrhundert beschäftigen sich Europäer mit den Rätseln dieser Wüste. Zunächst stehen sie ratlos am Rand des großen Sandmeers, wollen seine Geheimnisse lüften, wissen aber, dass sie für ein Leben darin nicht gemacht sind. Sie sehen die arabischen Karawanen, die seit alters her auf Wüstenrouten von Oase zu Oase ziehen. Im langsamen Strom bringen sie Straußenfedern, Salz und Gummi, Sklaven und Elfenbein aus dem Inneren des Kontinents an die Küste. Und machen sich – oft genug mit europäischen Gütern – wieder auf den Weg zurück.

Auf diesen alten Wüstenstraßen wagen sich die ersten europäischen Entdecker langsam in Richtung Süden, in die größte Wüste der Welt. Sie sind dabei auf einheimische Führer angewiesen oder schließen sich Handelskarawanen an. Wer sich nicht an die Landessitten anpasst, ist verloren. Korruption, Verrat und Überfälle sind dort Kavaliersdelikte. Alexander G. Laing gelangt 1826 als erster Europäer nach Timbuktu, wird aber auf dem Rückweg ermordet. Eduard Vogel versucht, ins Reich Wadai vorzudringen, auch er wird umgebracht. Andere Europäer haben mehr Glück. Heinrich Barth , Adolf Overweg und Gerhard Rohlfs genießen im Reich Bornu die Gastfreundschaft von Scheich Omar. Dieser gibt Rohlfs sogar ein Geschenk für den preußischen König mit. Wilhelm I. möchte sich nun bei dem Scheich für dessen Unterstützung der deutschen Expeditionen erkenntlich zeigen. Rohlfs soll in Nordafrika einen geeigneten Mann finden, der die preußische Geschenksendung durch die Sahara nach Bornu begleitet. Er stößt auf Gustav Nachtigal.

Nachtigal hat Medizin studiert und in Köln als Militärarzt gearbeitet. Dann zwingt ihn eine Tuberkulose, in ein Land mit milderem Klima zu reisen. Im Oktober 1862 fährt er nach Bona (Annaba) in Algerien. Dort nutzt er die Zeit der Genesung. Gustav Nachtigal lernt Arabisch und liest alle Bücher über Nordafrika, die er kriegen kann. Er legt sich einen kleinen Privatzoo an. 1863 zieht er nach Tunis, wo er eine Arztpraxis eröffnet. Als es ein Jahr später zu einem Aufstand gegen den Bei von Tunesien kommt, schließt sich Nachtigal dessen Heer als Militärarzt an. Bald darauf wird er der Leibarzt des Herrschers. 1868 bricht in Tunis der Hungertyphus aus. Ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben hilft Nachtigal den Kranken. Im Dezember desselben Jahres macht Gerhard Rohlfs für eine Nacht Station in Tunis. Er sucht einen Überbringer der königlich-preußischen Geschenke.

Nachtigal ist sich zunächst nicht sicher, ob er der richtige Mann für die diplomatische Mission ist. Er hat keine Wüstenerfahrung, ist auch kein Saharaforscher wie Rohlfs. Doch er spricht Arabisch, ist mit den Gebräuchen des Landes vertraut – und spürt das Kribbeln im Bauch, das man für den Aufbruch ins Ungewisse braucht. Er ahnt nicht, dass er fünfeinhalb Jahre unterwegs sein wird.

Anfang Januar 1869 reist Gustav Nachtigal nach Tripolis, um das Unternehmen vorzubereiten. Er plant, nach Überbringung der Präsente auf eigene Faust Erkundungsreisen zu unternehmen. Zu seiner Zeit sind die mittleren und westlichen Gebiete der Sahara und des Sudans bereits einigermaßen bekannt. Doch kein Europäer kennt bisher die östlichen Regionen – Tibesti, Wadai, große Teile des Reichs Darfur.

Am 18. Februar bricht der Deutsche von Tripolis auf. Am 27. März erreicht er die Wüstenstadt Mursuk. Aber die nächste Karawane nach Bornu wird erst in fünf Monaten erwartet. In Mursuk trifft Nachtigal die holländische Abenteurerin Alexandrine Tinné , die mit großem Hofstaat durch Afrika zieht. Abends speisen sie auf der Terrasse ihres Hauses und planen, gemeinsam nach Bornu zu reisen. Doch beide wollen die Wartezeit nutzen. Tinné möchte zu den Tuareg, Nachtigal zum Tibesti, auf das „Dach der Sahara“. Das Gebiet gilt als äußerst gefährlich für Reisende. Die Bewohner gehören zum Volk der Tubu. Sie stehen im Ruf, räuberisch und grausam zu sein. Sie sind zäh, können bis zu 1000 Kilometer in der Wüste fast ohne Wasser zurücklegen. Und sie hassen Christen.

Nachtigal findet einen Tubu, der ihn für umgerechnet 300 Mark in das gebirgige Land bringen will. Am 6. Juni 1869 brechen sie auf. Sie erreichen das Tümmo-Gebirge, in zwei Tagen wollen sie in die Hochebene von Afafi gelangen. Doch der Führer verliert die Orientierung. Hilflos irrt die Expedition durch eine Geröllwüste, sucht tagelang nach einem Brunnen. Es ist 44 Grad heiß, nach neun Uhr morgens können die Teilnehmer sich nicht mehr fortbewegen, sie kauern unter Felsvorsprüngen im Schatten. Nach drei Tagen ist der Wasservorrat verbraucht. «Stumm wanderten wir einher, Nase und Mund durch Turbanstoff verhüllt, um die Austrocknung der Schleimhäute und dadurch den Durst zu verringern», schreibt Nachtigal später. Der Tod durch Verdursten ist nicht mehr weit – da entdeckt der Führer doch noch einen kleinen Brunnen.

Sie reisen durch Sand- und Kiesebenen. Gezackte Sandsteinfelsen heben sich schwarz vom gelben Boden ab. Am 13. Juli erreichen sie die Steinhütten von Tao, gelangen bis Enneri Zouar. Tubu verwehren ihnen die Weiterreise nach Süden. Sie sind im Tibesti-Land.

Es geht weiter in Richtung Bardai, so heißt die Hauptstadt der Gegend. Sie schicken einen Boten zum Sultan und quälen sich über das Hauptmassiv. In Bardai empfängt sie ein fanatische Menge, die die Ungläubigen mit Steinen bewirft. Nachtigal steht zwar unter dem Schutz des Sultans, ist sich aber seines Lebens nicht sicher. Einen Monat lang harrt er aus. Täglich berät der Herrscher mit seinem Rat, ob der Deutsche nun weiterziehen dürfe oder nicht. Die Stimmung wird immer bedrohlicher. Anfang September flieht Nachtigal nachts mit seinen Leuten. Auf dem Rückweg entgehen sie wieder nur knapp dem Verdursten. Nachtigal hat keine Schuhe mehr an, als er an den lebensrettenden Brunnen gelangt. Am 8. Oktober erreicht er Mursuk. Die Bewohner dachten, er wäre längst tot.

Im April 1870 reist Gustav Nachtigal weiter nach Bornu. Am 5. Juli kommt er in der Hauptstadt Kukawa an. Der Scheich ist entzückt über die Geschenke Wilhelms I. Nachtigal hat seine Mission erfüllt, die folgenden Reisen muss er mit eigenen Mitteln bestreiten. Viel Geld hat er nicht. Doch der Scheich greift ihm unter die Arme. Die politische Situation macht es unmöglich, nach Wadai zu ziehen. Also macht Nachtigal sich zunächst an die Erforschung der Gebiete rund um den Tschadsee. Von März 1871 bis Januar 1872 schließt er sich einem Trupp der Aulad Soliman an, der auf Raubzügen das Land durchquert. Nachtigal hat so als erster Europäer Gelegenheit, das Land zwischen dem Tschadsee und Tibesti zu erkunden. Von Februar bis September reist er nach Süden ins Reich Bagirmi, das vor ihm nur Heinrich Barth betreten hat. Er gelangt an den Schari. Die Weiterreise in den Süden wird ihm verwehrt. Der Rückweg fällt in die Regenzeit. Nachtigal leidet an Fieber, Gelenk- und Knochenhautentzündungen. Er benötigt den ganzen Winter, um sich in Kukawa von den Strapazen der Reise zu erholen.

Im März 1873 erlauben es endlich die politischen Verhältnisse, nach Wadai zu gehen. Gustav Nachtigal ist der erste Europäer, der vom Tschadsee nach Osten in Richtung Nil zieht. Von Kukawa nach Abéche, der Hauptstadt Wadais, sind es 1000 Kilometer. Dort herrscht König Ali, der wegen seiner Grausamkeit gefürchtet ist. Nachtigal wird von dem Tyrannen mit der Order empfangen, Pferd und Waffen abzuliefern. Der Deutsche kommt dem Befehl nicht nach, wird aber dennoch vom Herrscher begrüßt. Dieser erlaubt ihm, im Land zu bleiben, sogar Erkundungstouren zu unternehmen. Die Menge aber verachtet den Christen. Stünde er nicht unter Alis Schutz, würde sie ihn umbringen.

Nachtigal bleibt ein drei viertel Jahr in Wadai. Er dringt nach Süden bis Dar Runga vor, in einen Vasallenstaat des Reichs, den auch noch kein Europäer vor ihm betreten hat. Er stößt auf einen Fluss, der von den Einheimischen Bahr Kûta genannt wird. Nachtigal ist sich sicher, dass er am Ufer des von Georg Schweinfurth entdeckten Uelle steht.

Im Januar 1874 geht es weiter nach Darfur. Das freie Herumreisen wird Nachtigal verwehrt. Doch er zieht Erkundigungen bei der Bevölkerung ein, sammelt historische Schriftstücke, notiert sich alles, was er sieht. Wie immer auf seinen Reisen hält er den genauen Verlauf seiner Routen fest, nimmt Höhenmessungen vor, fertigt Karten an, die teilweise noch ein halbes Jahrhundert später ihre Gültigkeit haben. Im August trifft er in Kordofan ein. Es ist der Schlusspunkt seiner Entdeckungsreise. Über Khartum am Weißen Nil und Kairo reist er zurück nach Deutschland.

Gustav Nachtigal hat die östliche Sahara und den Ostteil des Sudans erschlossen. Seine Entdeckungen ergänzen das Material, das die drei anderen großen deutschen Afrikaforscher Barth, Schweinfurth und Rohlfs gesammelt haben. 1884 Wird er Reichskommissar für Westafrika. Es gelingt ihm, Togo, Kamerun und Südwestafrika zum deutschen Protektorat zu machen. Krankheiten und die Strapazen seiner Reisen haben ihn jedoch stark geschwächt. Gustav Nachtigal ist erst 51 Jahre alt, als er – schon auf dem Heimweg – an Bord des Kriegsschiffs „Möwe“ stirbt. Er liegt in Kamerun begraben.

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