Ibn Battuta

Ein Araber aus Tanger reist quer durch die islamische Welt – mit Schiffen, Kutschen und Kamelen. In 29 Jahren legt er 120000 Kilometer zurück. Seine Aufzeichnungen werden im Westen erst Jahrhunderte später bekannt.

Alles beginnt mit der hadsch, der großen Pilgerreise nach Mekka, die jeder Muslim einmal im Leben unternehmen soll. Ein junger Mann aus Tanger, von adliger Herkunft und juristisch ausgebildet, macht sich im Jahr 1325 auf den Weg. Sein voller Name ist Scheich Abu Abdallah Mohammed bin Abdallah bin Mohammed bin Ibrahim al-Lawati. In Kurzform wird er Ibn Battuta genannt. Der junge Araber braucht zehn Monate, um über Algerien, Tunesien und Libyen nach Alexandria in Ägypten zu gelangen. In Fuwa, einem Dorf im Nildelta, gastiert Ibn Battuta in der Klause des berühmten Mystikers Abu Abdullah al-Murschidi. Er schläft auf dem Dach, sein Bett ist eine Ledermatte, und eines Nachts sieht Ibn Battuta seine Zukunft wie ein offenes Buch vor sich liegen. «Ich träumte, ich sei auf den Schwingen eines riesigen Vogels», so wird er später das Erlebnis beschreiben. «Er flog mit mir Richtung Mekka, dann in den Jemen... und schließlich flog er ganz weit nach Osten, landete in einem dunklen und grünlichen Land und setzte mich dort ab.» Der Mystiker, staunt Ibn Battuta, weiß am Morgen schon von diesem Traum. Er deutet ihn so, dass der junge Mann noch weit reisen werde.

Nilaufwärts zieht Ibn Battuta über Luxor nach Aidhab, einen Gewürzhafen am Roten Meer, von wo er nach Dschidda überfahren will. Kriegerische Wirren aber machen es unmöglich, alle Schiffe sind zerstört. So kehrt der Pilger nach Kairo zurück, durchquert den Sinai und Palästina. In Hebron steht Ibn Battuta an den Gräbern von Abraham, Isaak und Jakob, die von Juden, Christen und Muslimen gleichermaßen verehrt werden. In Jerusalem sieht er den Ölberg und betet im Felsendom, zu dieser Zeit die größte Moschee der Welt, unter der goldenen Kuppel. Die Stadt, notiert der Reisende, «glüht wie geballtes Licht und glitzert wie das Funkeln eines Blitzes».

Über Akra, Tyrus, Beirut, Tripoli und Aleppo zieht Ibn Battuta nach Antiochia, über die libanesischen Berge nach Damaskus. Dort schließt er sich einer Karawane an, die in 55 Tagen nach Mekka zieht. An der Kaaba absolviert er die vorgeschriebenen Rituale. «Wir umkreisten sie sieben Mal... küssten den Heiligen Stein... tranken Wasser aus dem Brunnen Zamzam.» Ibn Battuta beschreibt, wie die Pilger in der nahe gelegenen Arafat-Ebene unter dem Berg der Barmherzigkeit beten. Wie sie am höchsten Feiertag des Islam, dem Opferfest, ihre Schafe töten. Wie sie die Säulen in Mina mit Steinen bewerfen und dadurch die Zurückweisung des Teufels symbolisieren. Ibn Battuta quartiert sich in einem Haus nahe dem Tor des Ibrahim ein, lobt den Edelmut, die Großzügigkeit und Gastfreundschaft der Menschen. Die Kultur des Islam hat ihn in den Bann gezogen. Er will mehr davon sehen, Neugier treibt ihn in die Welt.

Der Gelehrte aus Tanger besucht in An-Nadschaf das Grab des schiitischen Märtyrers Ali, das mit 7777 Platten aus purem Gold gedeckt ist; der Schwiegersohn Mohammeds, zum vierten Nachfolger des Propheten gewählt, wurde 661 von seinen Gegnern erstochen. «Wenn die Menschen krank werden, geloben sie, im Mausoleum ein Weihegeschenk darzubringen», notiert Ibn Battuta. «Ein Mensch, der am Kopf leidet, macht einen Kopf aus Gold oder Silber... und der Verwalter der Moschee legt ihn in die Schatzkammer; genauso ist es mit einer Hand oder einem Fuß oder jedem anderen Körperteil.» Über die Dattelhaine von Basra und den Schatt el-Arab, in dem sich Euphrat und Tigris vereinen, gelangt Ibn Battuta ins persische Isfahan. Von Bagdad aus zieht es ihn wieder nach Mekka zurück, wo er zwei Jahre lang studiert. Dann beginnt er seine erste Seereise. Zunächst in den Jemen, dann die Küste Ostafrikas entlang bis Kilwa, fast 1000 Kilometer südlich des Äquators. Über Oman, den Persischen Golf und Bahrain kommt Ibn Battuta das dritte Mal nach Mekka.

Statt nach Hause will er aber in noch weitere Ferne. Ibn Battuta sucht einen Landweg nach Indien, über Anatolien und die weiten asiatischen Steppen. In Konya, der Hochburg der sufischen Mystiker, bestaunt er die tanzenden Derwische, in Bisch Dagh das Feldlager des Mongolenherrschers Öz Beg Khan, «eine gewaltige Stadt auf Reisen... mit Moscheen und Basaren darin, und dem Rauch von Küchen, der in die Luft aufsteigt».

Eine der Ehefrauen des Khans freundet sich mit Ibn Battuta an. Sie ist die Tochter des byzantinischen Kaisers Andronikos III. So wird der Muslim von dem christlichen Herrscher empfangen und durch Konstantinopel geführt – äußerst ungewöhnlich angesichts der Tatsache, dass die Stadt seit langem von türkischen und arabischen Armeen belagert wird.
So wie der Weltmann aus Tanger auftritt, ist er für die Mächtigen seiner Zeit eine seltene, faszinierende Persönlichkeit: Rechtsgelehrter und Höfling, Politiker und Diplomat, Mystiker und Entdecker. Immer wieder findet Ibn Battuta einflussreiche Leute, die gern seine Dienste in Anspruch nehmen; so lassen sich seine Reisen finanzieren.

Ibn Battuta reist zurück durch die kalte russische Steppe. An der zugefrorenen Wolga zerhackt er Eis, um an Trinkwasser zu kommen. Zum Schutz vor der Kälte trägt er zwei Hosen und drei Pelzmäntel, «wollene Stiefel und darüber ein Paar Stiefel mit gesteppten Leinen und darüber wiederum ein Paar Stiefel aus Pferdeleder mit einem Futter aus Bärenfell». Solcherart eingewickelt, muss man ihn aufs Pferd heben.
Meist aber reisen er und sein wachsendes Gefolge in riesigen, vierrädrigen Wagen, die Filzzelte transportieren. Ibn Battuta erreicht Sarai, die Hauptstadt des Herrschers Öz Beg Khan, Chwarism, die dicht bevölkerte Oase südlich des Aralsees, das sagenumwobene Buchara, das noch unter den Verheerungen durch Dschingis Khans Mongolenhorden leidet. Von Samarkand aus zieht er durch die Berge Afghanistans. 1333 ist er in Indien.

Gut sieben Jahre verbringt Ibn Battuta in Delhi als Richter und Beamter am Hof des Sultans Mohammed ibn Tughluq. 1341 wird er als Botschafter nach China geschickt – mit einem prächtigen Gefolge: 100 Vollblüter, je 100 Konkubinen und Hindu-Tänzerinnen, 1000 Reiter. Sie führen Schwerter und Brokat mit sich, goldene Kandelaber und perlenbestickte Handschuhe. Auf dem Weg zur Küste wird Ibn Battuta von Rebellen überfallen und ausgeraubt, aber am Leben gelassen. In Calicut heuert er für den Tross drei große chinesische Dschunken an. Doch alles versinkt schon vor der Küste in einem Sturm. Ibn Battuta verliert seinen gesamten Besitz. Nur ein Gebetsteppich und zehn Dinar sind ihm geblieben.

Ibn Battuta will dem Sultan die Katastrophe lieber nicht berichten. So schlägt er sich auf eigene Faust Richtung China durch. Auf den Malediven wird er wieder Richter, heiratet sechs Frauen und lässt sich sechsmal wieder scheiden. Auf Ceylon (heute Sri Lanka) besteigt Ibn Battuta den 2243 Meter hohen Adam’s Peak, auf dessen Gipfel Christen und Muslime, Hindus und Buddhisten einen heiligen Fußabdruck verehren; je nach Glaube soll er von Adam, Schiwa oder Buddha stammen. Nach einer langen Schifffahrt landet Ibn Battuta in Quanzhou an der chinesischen Südostküste. Er bewundert das Porzellan und das Ausmaß der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in China. Aber er fühlt sich abgestoßen von den Sitten der Ungläubigen, die Götzen anbeten, ihre Toten verbrennen, Schweine- und Hundefleisch essen.

Über seine dreijährige Rückreise nach Marokko schreibt Ibn Battuta nur wenig. 1349 ist er wieder in Tanger. Doch es hält ihn nicht lange zu Hause. Schon bald setzt er mit einem Regiment von Freiwilligen ins islamische Reich Granada auf der Iberischen Halbinsel über, um Gibraltar gegen die Christen zu verteidigen. 1352 zieht Ibn Battuta mit einer Handelskarawane durch die Sahara. Er kommt nach Timbuktu, «wo Kamel auf Kanu trifft», und stattet dem Herrscher von Mali, Mansa Sulayman, einen Besuch ab. Ibn Battuta fährt auf dem Niger Richtung Sudan und hält den Fluss irrtümlicherweise für den Nil. Der Rückweg führt durch das Hoggar-Gebirge nach Fes, wo Ibn Battuta 1353 eintrifft.

Insgesamt 29 Jahre ist der Mann aus Tanger gereist. Er hat dabei rund 120000 Kilometer zurückgelegt – dreimal so viel wie Marco Polo . Er hat an die 50 Länder gesehen, die sich auf dem Atlas von heute finden. Er ist zum größten arabischen Weltreisenden geworden, freilich fast immer innerhalb der islamischen Welt geblieben, deren Expansion ihn mit Stolz erfüllt. Der Sultan von Marokko trägt ihm auf, seine Erlebnisse in Form einer rihla festzuhalten – dem populären Typ eines Reiseberichts, mit besonderem Akzent auf religiösen Themen. Der andalusische Schriftsteller Ibn Jusayy bringt den Stoff in die entsprechende Form. 1355 ist das Werk abgeschlossen.

Lange Zeit bleibt das Dokument im christlichen Abendland unbekannt – als Folge des mangelnden Austauschs zwischen den beiden Kulturen. Erst der Schweizer Orientforscher Johann L. Burckhardt stößt Anfang des 19. Jahrhunderts in Kairo auf das Schriftstück. Durch den Orientalisten Ulrich Jasper Seetzen gelangt eine Fassung in die Bibliothek des Herzogs von Gotha. 1853 bis 1858 entsteht eine komplette französische Übersetzung. Das brüchige arabische Originalmanuskript liegt heute in der Pariser Nationalbibliothek.

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