Robert O’Hara Burke

Bessere Bedingungen für eine Reise ins Unbekannte gibt es nur selten. Robert O’Hara Burke nutzt sie nicht. Am Ende kostet ihn die erste Durchquerung Australiens vom Süden nach dem Norden das eigene Leben.

Ein treffenderer Name ließe sich kaum finden für einen Berg, auf den sich an diesem 21. April 1861 alle Zuversicht richtet. Der Mount Hopeless muss irgendwo im Süden liegen – zwei, drei Wochen, vielleicht auch fünf oder doch nur eine Tagesreise entfernt. Doch Robert O’Hara Burke, John King und William John Wills haben entschieden zu wenig Wasser und Nahrung auf ihrem Weg zu einer Erhebung, die, obwohl ihr Name für das Gegenteil spricht, ihre ganze Hoffnung verkörpert. Hätten sie noch die Kraft, würden sie jetzt, von Luftspiegelungen getäuscht und von Halluzinationen gejagt, Berge versetzen. Am liebsten den Mount Hopeless, weil dort eine Handelsstation liegt. Aber zwischen ihnen und diesem Ort, der ihr Überleben sichern könnte, gibt es nichts als vegetationslose Trockenheit.

Einer, Charles Gray, ist schon vor Wochen an Entkräftung gestorben. Da hatte es noch wirkliche Hoffnung gegeben, an einem Fluss, der eine Verbindung zum Meer aufweisen musste. Es war, wie sich später herausstellte, die Mündung des Flinders River gewesen. Vor ihrem Ziel, dem Carpentariagolf, waren sie aber auf einen unüberwindbaren, vom Auf und Ab der Gezeiten bewegten Mangrovensumpf gestoßen. Bitterer hätte, nach den Strapazen ihrer siebenmonatigen Reise von Melbourne an diesen letztlich unerreichbaren Ort, ihre Niederlage nicht ausfallen können. Ein paar hundert Meter, die ihnen für immer fehlen würden an der ersten vollständigen Durchquerung des australischen Kontinents von Süden nach Norden. Wie zum Hohn hatte sie das Rauschen des Meeres begleitet, als sie zu ihrem Basislager am Cooper Creek nördlich der Sturt Desert zurückgekehrt waren.

Gray, schreibt Burke in einer Notiz, die er am Cooper Creek deponiert, habe der Erschöpfung nicht standhalten können. Das ist nicht gelogen, aber auf wenig überzeugende Weise geschönt. Das Unternehmen, großzügig aus öffentlichen Mitteln finanziert und bestens ausgerüstet, gleicht seit langem einem Desaster. 2000 englische Pfund hatte die Kolonie Victoria für die erste Süd-Nord-Querung des Kontinents ausgelobt. Aber Burke, ein Polizeioffizier irischer Abstammung, war bis dahin nicht als Hasardeur in Erscheinung getreten. Seine Ausbildung hatte er in Belgien erhalten. Danach war er in den Dienst der österreichisch-ungarischen Armee getreten. Auf keiner der weiteren Stationen seiner Karriere findet sich ein Hinweis darauf, dass er einmal in den Kreis der großen Entdeckungsreisenden eintreten würde. Robert O’Hara Burke diente als Kommandant einer Konstabler-Brigade in Dublin. 1853 verließ er, wie viele Iren in diesen Jahren, das Land, um sein Glück in Australien zu suchen. Er erhält den Posten eines Polizeiinspektors in Melbourne. 1858 befördert man Burke zum Polizeichef des Distrikts Castlemaine. Als die Kolonie daran geht, eine Expedition auszurüsten, fällt die Wahl des Anführers auf ihn. Nennenswerten Widerstand gegen diese Entscheidung leistet er nicht.

Selten sind Erfolg und Scheitern eines Vorhabens so ununterscheidbar ineinander verwoben. Einerseits ist es Burke tatsächlich gelungen, einen Landweg an Australiens nördliche Küste zu finden. Das ist auch deswegen von Bedeutung, weil aus dem Kontinent in diesen Jahren ein klassisches Einwanderungsland wird. Der Siedlungsdruck, der von der prosperierenden Kolonie Victoria ausgeht, richtet sich auf die entweder unbekannten oder unbewohnten Regionen des Erdteils. Burke kehrt aus dem Norden mit der Botschaft zurück, dass die Sturt Desert sich jenseits vom Wendekreis des Steinbocks in ein wasserreiches Grasland verwandelt. Den Kolonisten, in deren Auftrag er handelt, kommt diese Nachricht gelegen.

Andererseits bleiben Fragen über Fragen. Das Unternehmen beginnt, am 20. August 1860, als öffentliches Spektakel. Aus Peshawar sind 25 eigens herbeigeschaffte Kamele und die dazugehörigen Treiber gekommen. Man zieht, einem Festzug ähnlicher als einer Überlandexpedition, durch die von Schaulustigen gesäumten Straßen der Siedlungen Victorias nach Menindee am Darling River. Dort entsteht das erste Depot. Aus unerfindlichen Gründen teilt Burke danach die Expedition. Am 11. November erreicht das von ihm geführte Vorauskommando den Cooper Creek. Die Zurückgebliebenen haben die Anweisung, in angemessenem Abstand zu folgen. Seltsam an dieser Entscheidung ist, dass Burke bei seinem isolierten Vorstoß ausgerechnet auf einen wesentlichen Teil des qualifizierten wissenschaftlichen Personals in seinen Reihen verzichtet. Als die Nachhut sich verspätet, zieht Burke weiter durch die Rinne des Cooper Creek bis zu der Stelle, an der er am 20. November das später für ihn so schicksalhafte Basislager anlegen lässt. Von dem von ihm abgetrennten Teil der Expedition fehlt immer noch jede Spur.

Burke ist kein geduldiger Mann. Er hat, vom Cooper Creek ausgehend, ein paar Vorstöße nach Norden unternommen, aber keine brauchbare Route gefunden. Probeläufe sozusagen, denen er jetzt, im Zustand einer wenig produktiven Unruhe, das Meisterstück nachfolgen lässt. Dafür trennt er sich noch einmal von einem Teil seiner Männer und Ausrüstung. Nur Robert O’Hara Burke, Wills, King und Gray bleiben für den Marsch zum Carpentariagolf übrig. Mit sechs Kamelen, zwei Pferden und Vorräten für drei Monate macht man sich auf den Weg. Die zweite Nachhut soll wenigstens drei Monate oder, sollten genügend Vorräte vorhanden sein, auch länger am Cooper Creek ausharren. Ihr Befehlshaber, William Brahe, dürfte sich das Pionierleben eines Landreisenden in Australien deutlich anders vorgestellt haben. Ratlos schaut er den vier Auserwählten nach, deren Umrisse sich nach und nach in der zerklüfteten Landschaft am Cooper Creek verlieren.

Irgendwie nach vorn, erst in Richtung Nordwesten, dann dem 140. Längengrad folgend, kämpfen sich Burke, King, Wills und Gray durch noch nie von Europäern betretenes Gebiet. Wills hat als Assistent für Georg von Neumayer gearbeitet. Der, ein Deutscher aus dem pfälzischen Kirchheimbolanden, leitet in Melbourne das 1857 dort gegründete Observatorium für Geophysik. Später wird er als Direktor der Deutschen Seewarte in Hamburg Weltruhm erwerben. Auf Wills, seinen einstigen Assistenten, der von Astronomie und Geodäsie mehr versteht als sein Anführer, wartet am Cooper Creek schon der Tod. Burke, in der Rolle des entdeckenden Autodidakten durch nichts zu beeindrucken, betreibt Navigation nach einem simplen Prinzip: Immer dem eigenen Kopf folgen, in annähernd nördlicher Richtung, denn dort liegt das Meer. Dass sich in diesem Kopf auch die Routen einiger Vorläufer befinden, vereinfacht die Sache nicht. Es kompliziert sie noch mehr, weil Burke kein Systematiker ist. Er entscheidet intuitiv.

Das Naturell des irischen Polizisten, der seinem Dickschädel folgt, treibt die Gruppe tatsächlich bis an den Flinders River. Da Burke glaubt, am über 100 Meilen entfernten Albert River zu sein, befiehlt er die Umkehr. Für die Operation, die in Melbourne als Festzug begann, wird der Flinders River zum Point of no return. Die Vorräte, für drei Monate kalkuliert, sind nach dem dreimonatigen Marsch in der Tat aufgebraucht. Proviant für den nicht ins Kalkül gezogenen Rückweg ist so gut wie keiner vorhanden. Auf dem Hungermarsch vom Flinders River zum Depot am Coopers Creek verliert Gray als Erster sein Leben.

Am Ende fehlen Burke fürs eigene Überleben und das seiner ihm verbliebenen Männer nur wenige Stunden. Am Abend des 21. April 1861 treffen er, Wills und King am Cooper Creek ein. Die Nachricht, die sie dort vorfinden, könnte schlechter nicht sein: Brahe hat das Lager am Morgen dieses Tages, wie von Burke angewiesen, nach mehr als dreimonatigem Warten verlassen. Die Vorräte, die noch im Depot lagern, könnten den Weitermarsch der Rückkehrer durchaus sichern. Nur befinden sich die Kamele und Pferde in keinem besseren Zustand als die Mannschaft, der sie als Transportmittel dienen. Als Burke sich für den Marsch zum Mount Hopeless entscheidet, ist sein Schicksal besiegelt. Er verspielt die letzte Chance, der Logistik des von ihm selbst geleiteten Unternehmens habhaft zu werden. Der Durchbruch misslingt. Es hätte der bitteren Pointe wahrlich nicht bedurft, die darin besteht, dass am 28. Mai 1861 noch einmal eine Abordnung aus der zurückgelassenen Nachhut das Depot am Cooper Creek inspiziert und wieder verlässt. Burke, Wills und King treffen erneut nur wenige Stunden später dort ein. Wills ist der Nächste, der stirbt. Burke, der sich mit King auf die Suche nach Aborigines macht, um von diesen Nahrung zu erhalten, folgt ihm nach wenigen Tagen. John King überlebt in der Obhut von hilfsbereiten Eingeborenen, in deren Lager ihn eine Hilfsexpedition, der auch William Brahe angehört, am 15. September 1861 aufspürt.

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