Vasco da Gama

Der Portugiese Vasco da Gama führt eine Flotte von vier Schiffen um das Kap der Guten Hoffnung. Als erster Europäer gelangt er auf dem Seeweg nach Indien. Er bricht das Monopol arabischer Händler. Portugal wird so zur Weltmacht.

Über Vasco da Gamas Leben vor seiner ersten großen Indienfahrt ist nicht viel bekannt. Sein Vater war Gouverneur von Sines, die Mutter englischer Herkunft. Da Gama junior dient vermutlich schon mit jungen Jahren in der portugiesischen Flotte. Seine Navigationskenntnisse sind ausgezeichnet. 1492 führt er einen Sonderauftrag für Portugals König Johann II. aus – zu dessen großer Zufriedenheit.

Die geographischen Entdeckungen im 14. Jahrhundert haben den Osten mit seinen sagenhaften Reichtümern in Europa bekannt gemacht. Italienische Stadtstaaten profitieren vom Orienthandel über das Mittelmeer. Seit Jahren ist es daher Portugals Bestreben, mit Schiffen über den Atlantik nach Indien zu gelangen – auch um die Zölle des Osmanischen Reichs zu umgehen, die den Landweg praktisch blockieren.

Technische Fortschritte haben den Kompass verbessert, die Küstenschifffahrt hat sich zur Seeschifffahrt gewandelt. Bartolomëu Diaz umsegelte bereits 1487 das Kap der Guten Hoffnung. Interne politische Querelen sowie der Konflikt mit dem Dauerkonkurrenten Spanien haben seither eine neue Expedition verhindert. Doch Kolumbus’ Erfolge von 1492 bis 1493 setzen Portugal unter Zugzwang – zumal der Vertrag von Tordesillas (1494) dem Land auch noch Vorherrschaft über die östliche Seeroute nach Indien gewährt.

Ein Jahr später wird Emanuel I. König von Portugal. Er gibt das Indienunternehmen in Auftrag – unter dem Kommando von Vasco da Gama. Diaz überwacht den Bau der vier Karavellen. Da Gamas Flaggschiff ist die „São Gabriel“, sein Bruder Paulo kommandiert die „São Raphael“, dazu kommen die „Berrio“ und ein Versorgungsschiff.

Am 8. Juli 1497 sticht da Gama mit ungefähr 160 Leuten vom Tejo aus in See. Mit an Bord sind auch einige Strafgefangene – für besonders gefährliche Aufgaben. Diaz befehligt die Flotte bis zu den Kapverden. Sie schlagen einen weiten Bogen, zuerst nach Südwesten, dann nach Süden. Weit draußen auf dem Meer herrschen günstigere Windbedingungen als entlang der Küste. Dennoch befinden sich da Gama und seine Leute 13 Wochen auf offener See – länger als jemals ein europäisches Schiff vor ihnen, auch länger als Kolumbus bei seiner Atlantiküberquerung. 3000 Kilometer sind sie vom afrikanischen Festland entfernt, einmal nur 1000 Kilometer von Brasiliens Küste.

Anfang November landen sie in der St. Helena Bay vor dem Kapland. Die Aufzeichnungen – der roteiro – eines anonymen Mitreisenden berichten vom gemäßigten Klima, das dort herrscht. Das erste Mal treffen Europäer auf die Buschmänner der Region. Nach mehreren vergeblichen Anläufen gelingt es da Gama, am 22. November das Kap zu umrunden. In Mossel Bay – die Bucht wurde von Diaz entdeckt – gehen die Schiffe vor Anker. Die Portugiesen errichten einen padrao, eine Steinsäule – die traditionelle Art, Land für ihre Krone in Anspruch zu nehmen. Erst nach einer Woche zeigen sich die Eingeborenen. Die Seeleute treiben Handel mit ihnen und frischen die Vorräte auf.

Weiter geht es nach Norden, der Küste entlang. Am 25. Dezember liegen sie vor einem Landstrich, den da Gama „Terra do Natal“ nennt – Weihnachtsland. Eine südafrikanische Provinz wird später ihren Namen daher haben. Andernorts treffen die Portugiesen auf Afrikaner, die sich mit Kupferarmbändern schmücken. Sie nennen den Fluss, an dem diese leben, „Kupferfluss“.

Ende Januar 1498 erreichen Vasco da Gama und seine Männer die Mündung des Sambesi – dort sehen sie die ersten Menschen mit Turbanen. Gut einen Monat später besuchen sie in Mosambik die Handelsstadt des Scheichs von Quiloa. Die Portugiesen sind in der südlichsten arabischen Einflusssphäre in Afrika angekommen. Als die Araber merken, dass die Ankömmlinge keine Muslime sind, brechen Feindseligkeiten aus. Sie fürchten das Eindringen der Fremden in ihr Handelsgebiet.

Die Portugiesen segeln weiter über Mombasa – wo sie ihre Kanonen einsetzen – nach Malindi ins heutige Kenia. Dort ist die arabische Bevölkerung freundlicher. Ihrerseits verfeindet mit den Arabern im Süden, hofft sie auf neue Bündnispartner. So gewinnt da Gama den erfahrensten Navigator des Indischen Ozeans für sein Vorhaben: Ahmdibn Mˆajid begleitet die Portugiesen auf der Überfahrt nach Indien. Es weht ein günstiger Monsun. Nach 23 Tagen – am 20. Mai 1498 – erreichen sie das indische Calicut.

Hier gestaltet sich die Kontaktaufnahme wieder schwierig. Die bescheidenen Handelsgüter der Portugiesen ließen sich zwar in Afrika eintauschen, in Indien aber werden sie belächelt. Schließlich gelingt es da Gama doch noch, Pfeffer zu erstehen und das erste portugiesisch-indische Handelsabkommen abzuschließen.

Der Rückweg nach Afrika dauert dreimal so lange wie der Hinweg. Die Winde sind ungünstig, oft herrscht Flaute. Auf der dreimonatigen Überfahrt erliegt ein Großteil der Mannschaft dem Skorbut. Zurück an der afrikanischen Küste – es ist bereits Januar – sind zu wenig Männer übrig, um alle drei Schiffe in die Heimat zu bringen. Da Gama lässt daher die „São Raphael“ verbrennen.

Am 20. März 1499 umsegelt Vasco da Gama das Kap der Guten Hoffnung, wieder ein schwieriges Unterfangen. Zwei Schiffe fahren direkt zurück nach Portugal. Er selber macht einen Umweg über die Azoren, da er sich dort Hilfe für seinen erkrankten Bruder erhofft. Dieser stirbt jedoch nach kurzer Zeit.

Da Gama trifft Anfang September in Lissabon ein, wo er von Emanuel I. ehrenvoll empfangen wird. Nur 55 Männer der ursprünglichen Besatzung haben die entbehrungsreiche Fahrt überstanden. Doch da Gama hat es geschafft. Er hat bewiesen, dass der Indische mit dem Atlantischen Ozean verbunden ist. Er hat die ersten Kontakte zum zukünftigen Handelspartner geknüpft. Für seine Verdienste wird Vasco da Gama zum Admiral des Indischen Ozeans ernannt.

Für Portugal gilt es, den Anspruch auf die neue Route zu festigen. Schnell rüstet der König eine neue Flotte aus. Im März 1500 sticht sie unter dem Kommando von Pedro Cabral in See. Noch vor seiner Rückkehr werden weitere Schiffe – befehligt von Jo˜ao da Nova – hinterhergeschickt. Doch erst da Gama kann auf seiner zweiten Indienfahrt das portugiesische Handelsmonopol endgültig sichern. Am 10. Februar 1502 legt der Großteil der Flotte von der Tejo-Mündung ab. Sie besteht diesmal aus ungefähr 20 mit Kanonen bestückten Schiffen. Entdeckung, Handel, Krieg und Unterwerfung – schon zu Beginn der Kolonialzeit gehen sie oft nahtlos ineinander über.

Es locken die verführerischen Gewürze – Zimt, Ingwer, Pfeffer – und kostbare Edelsteine. Kein Land will diese Güter mit einer anderen Macht teilen, keines hat vor, viel dafür zu bezahlen. Da Gama unterwirft auf seiner zweiten Indienfahrt bereits in Afrika die Herrscher von Mosambik und verpflichtet sie zu Tributzahlungen. Arabische Stützpunkte werden geplündert, Handelsschiffe vernichtet. Auch die Stadt Cochin an Indiens Westküste muss sich der Oberhoheit Portugals unterwerfen und in Zukunft Tribut leisten.

Diesmal überquert da Gama den Indischen Ozean weiter südlich, entdeckt dabei die Seychellen und die Komoren. 1503 ist er wieder in der Heimat. Der Grundstein zu Portugals künftigem Reichtum ist gelegt. Der Gewinn gehört der Krone. Und die kann sich nun leisten, gleich wieder eine – noch stärkere – Flotte loszuschicken. Als Belohnung für seine Taten wird da Gama zum Grafen von Vidigueira erhoben.

Im Jahr 1524 schickt ihn die Krone zum dritten Mal nach Indien. Dort soll Vasco da Gama als Vizekönig Portugals Macht vertreten. Seine Landsleute Francisco de Almeida und Affonso de Albuquerque haben die arabische Handelsmacht endgültig gebrochen. Portugal hat auf Ceylon – dem heutigen Sri Lanka – und Malakka neue Besitzungen erlangt. Da Gama stirbt jedoch schon nach kurzer Zeit in Cochin. Seine sterblichen Überreste werden 1538 in die Heimat überführt.

Vasco da Gama war nicht nur der erste Europäer, der Indien auf dem Seeweg erreichte. Er hinterließ nach seiner zweiten Fahrt auch die erste europäische Flotte im Indischen Ozean. Er leitete den Wandel im damaligen Welthandel ein – und damit eine Verschiebung der Mächte. Genua, Pisa, und Venedig verloren langfristig ihren Einfluss. Lissabon entwickelte sich zum Zentrum des Gewürzhandels und damit zur größten Hafenstadt Europas. Die Heldentaten des Vasco da Gama wurden zum Nationalepos. Der Dichter Luís Vaz de Camoes setzte ihm in seinem Werk „Die Lasiaden“ 1572 ein angemessenes Denkmal.

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