Ganz schön tödlich

Autor: Carl Zimmer  —  Bilder: Helene Schmitz

Eine hungrige Fliege surrt im Zickzack über den Waldboden. Dann wird sie von einem vermeintlichen Nektarduft angelockt, den ein blütenähnlicher roter Fleck dicht über der Erde verströmt. Sie landet auf dem dicken Polster eines rötlichen Blatts, dem ein süßlicher Tropfen entquillt. Die Fliege tunkt ihren Rüssel hinein. Mit einem Bein streift sie ein winziges Haar auf der Blattoberfläche, dann ein zweites. Plötzlich ist sie gefangen. Die Blatthälften sind zusammengeklappt, Stacheln an ihren Kanten greifen ineinander wie die Zähne einer Bügelfalle. Noch versucht die Fliege sich zu befreien, doch das Blatt umschließt sie enger und enger. Jetzt gibt es auch keinen süßen Nektar mehr ab, sondern Verdauungsenzyme. Sie töten das Insekt, verflüssigen seine Innereien und verwandeln es in eine Nährstofflösung. Die Fliege wird von einer Pflanze gefressen.

Die sumpfige Kiefernsavanne in der Nähe von Wilmington im US-Bundesstaat North Carolina ist die einzige Region der Erde, in der die Venusfliegenfalle von Natur aus vorkommt. Außerdem wachsen hier viele andere Arten fleischfressender Pflanzen. Da sind Schlauchpflanzen mit Blättern wie Champagnergläser. Insekten – und manchmal auch größere Tiere – fallen hinein und ertrinken. Der Sonnentau umarmt seine Opfer mit klebrigen Tentakeln. In Teichen und Bächen wächst der Wasserschlauch, eine Pflanze, die ihre Beute verschluckt wie ein Unterwasserstaubsauger.

Pflanzen, die Tiere fressen – das überrascht nicht nur viele Laien. Sogar der große schwedische Naturforscher Carl von Linné, der im 18. Jahrhundert das bis heute gültige System für die Einteilung der Lebewesen entwickelte, zeigte sich verstört. Würden Venusfliegenfallen tatsächlich Fliegen fressen, erklärte er, verstoße das doch „gegen die gottgewollte Ordnung der Natur“. Wahrscheinlich würden die Pflanzen aber nur zufällig Insekten einfangen und sie sicher wieder freilassen.

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(NG, Heft 3 / 2010)


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