Geklont ins Leben zurück

Autor: Carl Zimmer  —  Bilder: Robb Kendrick

Am 30. Juli 2003 drehten Forscher die Zeit zurück. Sie ließen erstmals eine ausgestorbene Tierart auferstehen – und mussten hilflos zusehen, wie sie gleich wieder starb.

Bei dem Tier handelte es sich um den Pyrenäensteinbock: Capra pyrenaica pyrenaica. Er war eine prächtige Kreatur, die Böcke dieser wilden Bergziegenart hatten lange, sanft geschwungene Hörner und wogen bis zu hundert Kilo. Tausende von Jahren lebte das Tier – von den Einheimischen bucardo genannt – hoch oben in den Pyrenäen, dem Gebirgszug zwischen Frankreich und Spanien, kletterte über Felsen, knabberte Blätter und Stängel und überstand auch raue Winter. So lange, bis Menschen begannen, den bucardo mit Gewehren zu jagen

Das Ende kam rasch. Spanische Biologen zählten im Jahr 1989 die überlebenden Pyrenäensteinböcke und stellten fest: Es waren gerade mal etwa ein Dutzend. 1999 lebte nur noch ein einziges Tier dieser Art, eine Geiß. Die Wissenschaftler nannten sie „Celia“. Mitarbeiter des Ordesa-Nationalparks unter der Leitung von Wildtierarzt Alberto Fernández-Arias fingen sie ein, legten ihr ein Halsband mit Peilsender an und ließen sie wieder frei. Neun Monate später empfingen die Wildhüter nur noch einen langen, gleichmäßigen Piepton, das Zeichen dafür, dass „Celia“ nicht mehr lebte. Man fand sie erschlagen unter einem umgestürzten Baum.

Mit ihrem Tod galt der Pyrenäensteinbock offiziell als ausgestorben. Aber einige von „Celias“ Zellen lebten weiter, aufbewahrt in Labors in Saragossa und Madrid. In den folgenden Jahren schleuste José Folch, ein Experte für Fortpflanzung, Kerne aus diesen Zellen in die Eizellen von Hausziegen ein und implantierte diese Klone in Leihmütter. Nach 57 Versuchen waren sieben Ziegen trächtig geworden, bei sechs endete das Experiment allerdings mit einer Fehlgeburt. Nur ein Muttertier – eine Kreuzung aus einem Spanischen Stein- bock und einer Hausziege – trug einen von „Celias“ Klonen aus. Folch und seine Kollegen brachten ihn per Kaiserschnitt zur Welt.

Das bucardo-Kitz wog etwa zwei Kilo. Es sah äußerlich gesund aus, rang aber heftig um Atem. Trotz aller Bemühungen der menschlichen Geburtshelfer starb es nach zehn Minuten. Bei der Obduktion stellten die Forscher fest, dass ein Lungenflügel missgebildet war. Er hatte einen riesigen zusätzlichen Lappen entwickelt, kompakt wie ein Stück Leber. Niemand hätte etwas tun können, der einzige geburtsreife Klon „Celias“ war nicht lebensfähig gewesen.

Der Pyrenäensteinbock ist nur eine von vielen Arten auf der Liste der Tiere, die der Mensch ausgerottet hat, manchmal absichtlich. Die Dronte zählt dazu, der Riesenalk, der Beutelwolf, der Chinesische Flussdelfin, die Wandertaube, der Kaiserspecht. Und da heute viele Arten gefährdet sind, wird die Liste wohl noch länger werden. Einer, der sich damit nicht abfinden mag, ist Alberto Fernández­Arias. Trotz des Fehlschlags mit „Celia“ gehört er zu den Forschern, die über­ zeugt sind, dass ausgestorbene Arten durch Klonen zu neuem Leben erweckt werden können.

Premiere: Im vergangen Herbst trafen sich zum ersten Mal in der Geschichte Genetiker, Wildtierbiologen, Naturschützer und Ethiker in Washington, um über die Möglichkeit der Wiedererweckung ausgestorbener Arten zu diskutieren. Hier finden Sie mehr Informationen zu diesem Kongress!

Außerdem: Kann man es tun? Sollte man es tun? Die Philosophin Ursula Wolf und der Biotechniker Günter Fuhr diskutieren über die ethische Dimension des Themas - hören Sie hier Auszüge aus dem Interview!

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(NG, Heft 5 / 2013, Seite(n) 64 bis 81)
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