Die Zähne von Papageifischen knirschen am Kalk, Krebse knacken mit ihren Scheren, ein Zackenbarsch von 270 Kilo erzeugt mit pulsierender Schwimmblase ein dumpfes Knurren. Haie und silberne Stachelmakrelen schießen vorüber. Seeanemonen schwenken ihre Arme, winzige Fische und Krabben scheinen zu tanzen. Dabei bewachen sie nur ihre Schlupfwinkel. Dicht unter der Meeresoberfläche wimmelt das Great Barrier Reef von buntem Leben.
Allein schon die Artenvielfalt macht das Riff zu etwas Besonderem. Doch der eigentliche Grund für das Prädikat Weltnaturerbe ist die riesige Korallenfläche: Stämme von Steinkorallen wechseln sich ab mit tischförmigen Platten und faustgroßen Blöcken, besetzt mit braunen, genoppten Korallen. Weichkorallen wachsen auf harten Korallen, Algen und Schwämme bilden bunte Flecken auf den Felsen, und in jeder Ritze lebt ein Tier. Diese Lebensgemeinschaft hat auf der ganzen Welt nicht ihresgleichen.
Zeit, Gezeiten und ein Planet im ewigen Wandel – das waren die Kräfte, die das Great Barrier Reef vor Jahrmillionen hervorbrachten, die es abbauten und neu wachsen ließen, immer wieder. Heute jedoch geschehen die Veränderungen so schnell wie nie zuvor. Dieses Mal könnte das System aus Stein und Leben so weit zerfallen, dass eine kritische Schwelle überschritten wird. Erstmals in seiner Geschichte droht die Gefahr, dass sich das Riff nicht wieder erholen kann.
Besuch aus dem Westen
Die Europäer machten mit dem Riff erstmals durch einen Unfall Bekanntschaft. An einem Abend im Juni 1770 hörte der britische Entdecker und Kapitän James Cook, wie sein Schiff, die H.M.S. „Endeavour“, über Gestein schabte. Was er noch nicht wusste: Er war auf das größte lebende Gebilde der Erde aufgelaufen, eine Struktur aus Korallenbändern und Inseln, die sich über eine Länge von 2300 Kilometern und eine Fläche von mehr als 26000 Quadratkilometern erstreckt.
Cooks Mannschaft hatte die Gewässer vor dem heutigen australischen Bundesstaat Queensland erkundet, als sich ihr Schiff in dem Labyrinth festfuhr. Dicht unter der Wasseroberfläche zerrissen scharfkantige Türme aus Korallen den Rumpf. Das Holz splitterte, Wasser drang ins Schiff. Cook und seine Mannschaft konnten sich aber noch in eine Flussmündung retten und die „Endeavour“ reparieren.
Zu der Zeit war die Region schon seit Jahrtausenden von den australischen Ureinwohnern, den Aborigines, bewohnt. Für sie und die Bewohner der Inseln in der Torresstraße zwischen dem Kontinent und Papua-Neuguinea war das Riff ein Teil ihres Lebens: Seit Generationen befuhren sie es mit Kanus, fingen Fische und erzählten sich traditionelle Geschichten über seine Tierwelt. Im Westen erhielt es erst einige Jahrzehnte nachdem Cook hier aufgelaufen war, seinen Namen: Der englische Kartograf Matthew Flinders, dem beim Manövrieren zwischen den Riffen ebenfalls das eine oder andere Missgeschick passiert war, ließ sich von der Größe des Systems inspirieren: Würde man das Hauptmassiv des Riffs aus dem Meer holen und auf dem Trockenen ausbreiten, könnte man mit den Korallen eine Fläche so groß wie das Land Hessen bedecken – und noch etwas mehr.
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