Grönland: Das große Tauen

Autor: Mark Jenkins  —  Bilder: James Balog

Auf den ersten Blick ist Grönland eine riesige, weiße Fläche. Doch als unser Hubschrauber tiefer geht, sehe ich die Farben. Kilometerweit ziehen sich blaue Schmelzwasserstreifen über die Eiskappe. Weiße Felder sind von Flüssen unterbrochen, von Schluchten gefurcht, von Seen gesprenkelt. An manchen Stellen ist das Eis braun oder sogar schwarz. Das kommt vom Kryokonit.

Dieses schmutzig aussehende Zeug ist ein wichtiges Untersuchungsobjekt für meine Begleiter: den Geophysiker Marco Tedesco und seinen Doktoranden Nick Steiner, beide vom New Yorker City College, sowie den Fotografen James Balog und seinen Assistenten Adam LeWinter Balog fotografiert Eis – und Stellen, wo es fehlt. Er hat 2006 das Projekt Extreme Ice Survey (EIS) gegründet, „um Erinnerungen an Dinge festzuhalten, die verschwinden“. EIS hat mehr als 35 solarbetriebene, sturmsichere Zeitrafferkameras auf Gletschern in Alaska, Montana, Island und Grönland platziert. Bei allen klicken die Verschlüsse Tag und Nacht. Sie nehmen 4000 bis 12000 Bilder pro Jahr auf. Kontinuierlich „beobachten sie wie kleine Ersatzaugen in unserem Auftrag die Welt“, erklärt Balog.

Wir schlagen unser Lager an der Westküste auf, unweit der Ortschaft Ilulissat. Hier geben die abtauenden obersten Eisschichten das sogenannte blaue Eis frei. Es ist uralt und so stark verdichtet, dass die Luftbläschen, die sonst das Licht brechen und das Eis weiß aussehen lassen, zum größten Teil herausgepresst wurden. Dieses bläschenarme Eis absorbiert Licht vom roten Ende des Spektrums, so dass nur die blauen Anteile reflektiert werden. Unser Lager liegt an einem riesigen Schmelzwassersee. Tedesco und Steiner messen seine Tiefe. Sie wollen die Ergebnisse mit Satellitendaten über grönländische Gletscherseen vergleichen. Jeden Morgen lassen sie dafür ein kleines Boot zu Wasser, ein Modellboot, das mit Fernsteuerung, Sonar, einem Spektrometer, GPS, einem Thermometer und einer Unterwasserkamera ausgerüstet wurde.

Sehen Sie sich auf unserer interaktiven Karte an, wie schnell Grönlands Eiskappe abtaut.

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(NG, Heft 7 / 2010)


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