Grundrechte für Menschenaffen

Autor: Jürgen Nakott

Gerade noch hat Banjo gelangweilt auf dem Boden gesessen, seinen breiten Rücken den Menschen zugewandt, die sich im Stuttgarter Zoo Wilhelma vor seinem Gehege drängeln. Er scheint sich für nichts zu interessieren als für ein Endchen Hornhaut am Nagelbett seines linken Daumens. «Wie öde», murrt ein junger Mann. Er stellt sich dicht hinter den Gorilla und versucht durch Herumfuchteln und Grimassieren, die Aufmerksamkeit des Affen zu erregen. Mit Erfolg: Der 300-Kilo-Koloss wirbelt herum und hämmert mit der flachen Hand gegen das trennende Panzerglas. Es dröhnt, als hätte er einen gigantischen Gong geschlagen. Die Besucher schreien auf und springen zurück. Während sie sich langsam fassen, sitzt Banjo schon wieder mit dem Rücken an der Scheibe und inspiziert seine schwarzen Fingernägel. Jetzt hat er Ruhe. «Hast ja recht», sage ich mir.

Das Ereignis liegt einige Jahre zurück. An den Blick, den Banjo den Besuchern über die Schulter zuwarf, erinnere ich mich aber, als wäre es gestern gewesen. «Wieso müsst ihr da draußen euch immer so zum Affen machen?», schien er zu fragen. Mir kam dazu – leicht verändert – der Schlusssatz aus George Orwells „Farm der Tiere“ in den Sinn: «Ich schaute vom Affen zum Menschen und vom Menschen zum Affen und konnte kaum sagen, wer was ist.»

Tatsächlich ist es ja so: Je genauer Genetiker und Verhaltensforscher die Großen Menschenaffen untersuchen – Gorillas, Orang-Utans, Schimpansen und Bonobos – umso mehr schwinden die Unterschiede zwischen ihnen und uns. Das Erbgut von Mensch und Schimpanse, unserem nächsten Verwandten, ist – je nach Analysemethode – zu 93,5 bis 99,4 Prozent gleich. Volker Sommer, Professor für Evolutionäre Anthropologie in London, schreibt in seinem Buch „Menschenaffen wie wir“: «Die meisten Forscher nennen eine Übereinstimmung von 98,5 Prozent.» Anders ausgedrückt: Im Durchschnitt bleibt ein Unterschied zwischen Schimpanse und Mensch von 1,5 Prozent. Der Unterschied im Erbgut von Menschenfrauen und Menschenmännern kann zwei bis vier Prozent betragen. Es gibt also Paare, bei denen der Mann einem Schimpansenmann genetisch ähnlicher ist als seiner Frau.

Warum machen wir uns trotzdem so gern über unsere Verwandten lustig? Über den bebrillten Trigema-Schimpansen in der T-Shirt- Werbung. Über den Latzhosenträger „Charly“ in der unsäglichen ZDF-Serie gleichen Namens (seit Mai übrigens abgesetzt). Oder im Schwabenpark Gmeinweiler östlich von Stuttgart. Dort wird eine Gruppe von Schimpansen vorgeführt, denen man beigebracht hat, im Indianerkostüm zu chargieren oder Schuhplattl-Tänze zu imitieren. Rund 200000 Besucher lachen jedes Jahr darüber. Allerdings wohl nicht mehr lange. Denn es formiert sich Widerstand gegen diese Show. Eine wachsende Zahl von Tierrechtlern will nicht länger hinnehmen, dass die Affen «lediglich zur Bespaßung des Menschen dienen», wie es Reinhold Pix, ein Landtagsabgeordneter der Grünen, formuliert.

Aus naturwissenschaftlicher Sicht lässt sich heute zwischen Menschen und Menschenaffen keine eindeutige Grenze mehr ziehen. Trotzdem gibt es Menschen, die das nicht gern hören. Daran hat sich wenig geändert, seit Charles Darwin 1871 in seinem Werk „Über die Abstammung des Menschen“ postulierte, dass unsere Arten einen gemeinsamen Ahnen haben müssen. Volk und Kirche verwehrten sich lautstark dagegen, «vom Affen abzustammen».

Tun wir ja auch nicht. Doch die Verwandtschaft lässt sich nicht leugnen. Seit 50 Jahren haben drei große Forscherinnen – unterstützt von der National Geographic Society – Belege dafür gesammelt: Jane Goodall bei den Schimpansen, Dian Fossey bei den Gorillas, Biruté Galdikas bei den Orang-Utans. Alles, was die drei an Beobachtungen zusammengetragen haben, wird neuerdings von Genetikern und Hirnforschern bestätigt: Sie sind wie wir.

Die genetische Ähnlichkeit, das nachgewiesene Selbstbewusstsein, die Fähigkeit zu denken, zu planen und zu fühlen – das alles sind Gründe, warum immer mehr Biologen, Philosophen und Tierrechtler fordern, den vier Großen Menschenaffen endlich (über)lebenswichtige Grundrechte zu geben.

Den Anfang machten zwei Philosophen mit dem „Great Ape Project“: 1993 – etwa zu der Zeit, als ich in Stuttgart erlebte, wie Gorilla Banjo die übermütigen Zoobesucher in ihre Schranken wies – forderten die Italienerin Paola Cavalieri und der Neuseeländer Peter Singer in einem Buch, zu dem auch Jane Goodall ein Kapitel beitrug, dass Gorillas, Bonobos, Orang-Utans und Schimpansen einige jener Privilegien erhalten, die bisher nur für Menschen gelten: das gesetzlich verankerte Recht auf Leben, Freiheit und körperliche wie psychische Unversehrtheit. Es soll strafbar werden, schädigende Tierversuche mit Großen Menschenaffen zu machen, sie unter unwürdigen Bedingungen zu halten, sie zu jagen oder ihren Lebensraum zu zerstören. Außerdem sollen ihre Rechte durch Sachwalter eingeklagt werden können – wie bei Menschen, die nicht für sich selber sprechen können.


«Seht ihr», rufen die Skeptiker, «wie sollen sie menschenähnlich sein? Sie können ja nicht einmal sprechen.»

Wohl wahr. Kein Menschenaffe besitzt dieses entscheidende Gen – FOXP2 –, das beim Menschen die Muskeln von Lippen und Zunge steuert und hilft, die Grammatik längerer Sätze zu verstehen. Das heißt aber nicht, dass sie sich nicht mit uns verständigen können. Wie der berühmte Dialog aus den achtziger Jahren beweist, den wir an den Beginn dieser Geschichte gestellt haben: Die Gorillafrau Koko neckt die Forscherin Barbara Hiller.

Mensch und Gorilla verständigten sich dabei in der American Sign Language (ASL), einer Taubstummensprache. Menschenaffen können einige hundert solcher Gesten und Zeichen lernen. Am Chimpanzee and Human Communication Institute (CHCI), einem Forschungszentrum im amerikanischen Bundesstaat Washington, dürfen Besucher das auch selber erleben. Die haarigen Schüler verwenden in der Unterhaltung nicht nur erlernte Begriffe, sie kombinieren selber neue Zeichen, etwa „Trink- frucht“ für Melone, oder „Zuckerbaum“ für die weihnachtlich geschmückte Tanne. Und wenn ihnen danach ist, nehmen sie ihre menschlichen Gesprächspartner, wie gelesen, humorvoll auf die Schippe.

In Deutschland wird zum Thema der Sprach- und Erkenntnisfähigkeit der Menschenaffen auf höchstem Niveau geforscht, etwa am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Christophe Boesch, der Leiter des Instituts für Primatologie, rät bei der Interpretation solcher Gespräche freilich zur Vorsicht: «Der Forscher muss aufpassen, dass nicht die Phantasie mit ihm durchgeht.» Manche der aufgezeichneten „Dialoge“ könne man auch als zwei Monologe auffassen, die erst in der Auswertung zu Rede und Gegenrede werden.

Als wir uns an einem Abend im Februar treffen, steht zwischen uns ein niedriger Tisch, vollgepackt mit Holzstäben: Es sind Werkzeuge, mit denen Schimpansen Honig aus Baumstämmen angeln. Boesch hat sie aus Zentralafrika mitgebracht, wo er und seine Mitarbeiter seit Jahrzehnten die Fähigkeiten von Schimpansen untersuchen. Der 60-Jährige – graue Locken, grauer Schnauzbart, grauer Schal und grauer Pullover – wirkt nach einem langen Arbeitstag am Institut anfangs noch müde und reserviert. Doch es dauert keine halbe Stunde, da erlebe ich ihn ganz anders.

Zunächst einmal sind wir aber bei der Sprache. Bei aller gebotenen Sorgfalt in der zwischenartlichen Gesprächsauswertung sei es immerhin unstrittig, dass Menschenaffen die Gestensprache oder Wortsymbole, sogenannte Lexigramme, nutzen, um Fragen zu beantworten oder Wünsche zu äußern. Auch andere Einwände von Skeptikern, die auf dem Unterschied von Mensch und Menschenaffe beharren, lässt Boesch nicht gelten. «Es wird gern gesagt, dass Schimpansen keine Opern komponieren. Na und? Ich auch nicht. Sie etwa?» Ich schüttle den Kopf, und Boesch setzt nach: «Die allermeisten Menschen komponieren oder malen nicht. In dieser Hinsicht überschätzen wir unsere Art gern.»


Der große Zoo-Check!
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(NG, Heft 07 / 2012, Seite(n) 38 bis 71)

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