Heimatlose Eisbären

Autor: Tanja Krämer  —  Bilder: Florian Schulz

Dicht aneinandergeschmiegt sitzen sie da, auf einer Eisscholle, umringt vom Meer. Die Eisbärenmutter hat ihren Kopf gesenkt, die Vorderpfoten abgespreizt und bietet ihren zwei Jungtieren Platz an ihrer Brust, um sie zu säugen. «Es wirkte wie eine Art Trance», erinnert sich der Fotograf Florian Schulz, der dieses Idyll auf einer Arktisreise ganz in der Nähe des Gletschers Austfonna auf dem norwegischen Archipel Spitzbergen entdeckte. «Ganz deutlich konnte ich die Sauggeräusche der Jungen hören.»

Es war ein mystischer Moment. Die Eisbärin ließ ihren Kopf zur Seite sinken, das Licht des Tages entschwand, das Treibeis wirkte, als verschmelze es mit dem Horizont. «Hier habe ich erst wirklich begriffen, warum das Tier den Namen Ursus maritimus trägt – Meeresbär.»

Der friedliche Schein jedoch trügt. Die Eisbären leben heute auf dünnem Eis. Stichproben ergaben, dass Umfang und Dicke des Eises in der Arktis abnehmen. Seit 1978 wird die Ausdehnung des arktischen Meereises mit Satelliten regelmäßig gemessen. Im September 2012, am Ende des arktischen Sommers, dokumentierten Forscher die bislang geringste Ausdehnung. Das schwimmende Eis bedeckte nur noch etwa 3,4 Millionen Quadratkilometer. Anfang der achtziger Jahre war es noch doppelt so groß. «Der Abwärtstrend der vergangenen Jahrzehnte hat sich beschleunigt«, konstatiert Christian Melsheimer vom Institut für Umweltphysik der Universität Bremen, das seit zehn Jahren täglich Eiskarten der Arktis erstellt. «Geht die Entwicklung so weiter, könnte die Arktis schon in 15 Jahren im Sommer eisfrei sein.»

Für die Eisbären ist das eine fatale Entwicklung. Die schwimmenden Plattformen sind ihre Lebensgrundlage. Auf Eisschollen reißen sie ruhende Ringel- und Bartrobben sowie junge Walrösser. Von dort tauchen sie nach Beluga- und Narwalen. Auf Eisschollen paaren sie sich, ziehen ihre Jungtiere groß, wandern umher, immer auf der Suche nach der nächsten Beute. «Der Eisbär ist ein Spezialist», sagt Frank Hailer vom „Biodiversität und Klima Forschungszentrum“ in Frankfurt am Main. Mit seinem weißen Fell ist Ursus maritimus auf Beutezügen optimal getarnt, spezielle Fettschichten schützen ihn vor der beißenden Kälte. Schmilzt das Meereis, müssen die Tiere aufs Festland. Dort jedoch gibt es weniger Nahrung, oft müssen die Eisbären mit Seevögeln und Kadavern vorliebnehmen. Mehrere Monate können sie dies gut überstehen, doch bei längeren Phasen droht ihnen Hunger. «Die Eisbären können sich nicht genug Fettreserven anfressen», sagt Hailer. «Je mehr Zeit sie an Land verbringen, umso schlechter wird ihr Gesundheitszustand.» In der kanadischen Hudson Bay, wo das Seeeis zunehmend früher schmilzt, bekommen Eisbären inzwischen weniger Nachwuchs. Taut das Meereis im Sommer komplett ab, befürchten Forscher, könnte dies bis zu zwei Drittel aller Eisbären das Leben kosten.

Derzeit gibt es Schätzungen zufolge bis zu 25000 Eisbären, verteilt auf 19 Populationen in Kanada, Alaska, Grönland und der Arktis. Sie stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Sie zu beobachten ist wegen ihrer unwirtlichen Lebenswelt schwierig, viele Daten sind lückenhaft. So fand man etwa bislang keine Fossilien, die älter sind als 150000 Jahre. Wissenschaftler dachten darum lange, der Eisbär sei eine relativ junge Art, die sich vom Braunbären abgespalten hat. Gen-Analysen schienen dies zu bestätigen. Im April dieses Jahres aber ermittelte ein Team um Frank Hailer mithilfe von aufwendigeren Untersuchungen des Erbguts, dass sich der Eisbär vermutlich bereits vor 600000 Jahren entwickelte, etwa zeitgleich mit dem Braunbären. Was auf den ersten Blick nur für Biologen interessant zu sein scheint, könnte sich angesichts des Klimawandels als letzter Hoffnungsschimmer für den Eisbären erweisen. Da er offenbar einer so alten Art angehört, müssen seine Vorfahren bereits mehrere Warmzeiten in der Arktis überstanden haben. «Das könnte ihm auch diesmal gelingen», vermutet Hailer.

Einfach jedoch wird dies nicht: Müssen die Tiere wegen des Mangels an Eis enger zusammenrücken, konkurrieren sie stärker miteinander – und mit ihren Vettern, den Braunbären. Treffen der Arten verlaufen oft aggressiv. Mitunter aber finden sie als ungleiche Paare zusammen. Schon öfter haben Jäger ungewöhnliche Eisbärenmischlinge geschossen. Zum Beispiel 2006 einen weißen Bären mit braunen Flecken im Fell: eine Kreuzung aus Eisbär und Grizzly. Vier Jahre später erlegte ein Jäger in Kanada einen Hybriden der zweiten Generation – bereits die Mutter war ein Mischling gewesen.

«Hybriden an sich sind nichts Unnatürliches», sagt Hailer. Schon früh scheint es zu Kreuzungen der Arten gekommen zu sein. Genetische Spuren hierfür finden sich in Zellbestandteilen der Tiere. «Bislang kamen Mischlinge selten vor. Doch ob es nun mehr werden, ist noch nicht klar.» Ebenso wenig, ob dies gut oder schlecht wäre. Manche Forscher befürchten, die Eisbären könnten wichtige Eigenschaften verlieren, etwa ihre Fähigkeiten als Ausdauerschwimmer. Andere glauben, dass sich die Gene ihrer Verwandten in der sich wandelnden Welt auch positiv auf ihr Überleben auswirken könnten.

Die größere Gefahr für die Eisbären ist indes der Mensch. Ziehen sich die Tiere immer mehr aufs Festland zurück, werden ungewollte Zusammenstöße zunehmen. Dabei verliert zumeist der Bär sein Leben. Hailer plädiert darum für Schutzzonen oder Vorrangräume, in denen Menschen auf Siedlungen verzichten, damit Konflikte gar nicht erst entstehen. «Wenn der Eisbär ausstirbt», sagt Hailer, «liegt das nicht allein am Klima, sondern auch daran, dass wir Menschen falsch mit ihm umgegangen sind.»

Florian Schulz folgt seit mehr als zehn Jahren seiner Leidenschaft: der Naturfotografie zum Schutz der Wildnis. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Emil begibt er sich oft monatelang auf abenteuerliche Expeditionen, um Ökosysteme zu dokumentieren und die einzigartige Ausstrahlung eines Ortes einzufangen. Sehen Sie hier einen kurzen Film über die Entstehung des Covers zu seinem Bildband "Ein Jahr in der Arktis":


Der renommierte Naturfotograf Norbert Rosing hat auf seiner DVD "Eisbären" eine spannende Fotosafari in der Arktis festgehalten. Einen kurzen Bericht seiner Erlebnisse finden Sie hier .


(NG, Heft 12 / 2012, Seite(n) 126 bis 135)

Die Extreme der Natur erlebte in diesem Spätsommer NATIONAL GEOGRAPHIC-Fotograf Norbert Rosing. Der Eisbärenexperte war auf einem Expeditionsschiff im hohen Norden unterwegs. Anfang September passierte die "Origo" die Nordküste von Spitzbergen, unweit der "Sieben Inseln". "Das Wetter war übel", berichtet Rosing. mehr...
An einem kalten Nachmittag im Mai lasse ich mich durch einen Spalt im Meereis ins Nordpolarmeer fallen. Das Wasser an meinem ungeschützten Gesicht ist so kalt, dass ich knapp davor bin, mich zu übergeben - minus 1,6 Grad. Sehr viel kälter wird salziges Meerwasser nicht mehr, ehe es gefriert. Meine Zähne krampfen sich um das Mundstück des Lungenautomaten, während ich gegen die Übelkeit kämpfe. mehr...

Extras

Buchtipp: Ein Jahr in der Arktis
Der Naturfotograf Florian Schulz nimmt die Leser mit auf eine faszinierende Reise in die Arktis. In außergewöhnlichen Bildern dokumentiert er das Leben der Tiere, die sich perfekt an ihre frostige Umgebung angepasst haben. mehr...

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