Höhlen am Himmel

Autor: Michael Finkel  —  Bilder: Cory Richards

Mustang, ein ehemaliges Königreich im nördlichen Zentralnepal, beherbergt eines der großen archäologischen Rätsel der Welt.

Der Schädel, ein menschlicher Schädel, liegt auf einem bröckligen Felsen in der abgelegenen Nordregion des nepalesischen Distrikts Mustang. Pete Athans steigt in sein Klettergeschirr und hakt sich in das Seil ein. Gesichert von einem seiner Kollegen erklimmt Athans, der Leiter eines interdisziplinären Teams von Archäologen und Bergsteigern, den sechs Meter hohen Felsblock.

Oben angekommen, zieht er sich Latexhandschuhe über: Seine eigene DNA soll die des Schädels nicht kontaminieren, nach und nach befreit ihn Athans aus dem Geröll. Der Forscher ist wohl der erste Mensch in 1500 Jahren, der diesen Schädel in Händen hält. Sand rieselt aus den Augenhöhlen. Athans legt den Fund in eine gepolsterte Tasche und lässt sie zu den drei Wissenschaftlern hinab, die unten warten: Mark Aldenderfer von der Universität von Kalifornien in Merced, Jacqueline Eng von der Western­Michigan­Universität und Mohan Singh Lama von der nepalesischen Archäologiebehörde.

Aldenderfer begeistert sich sogleich für die zwei Backenzähne im Kiefer. Sie können Aufschluss über Ernährung, Gesundheit und auch über den ungefähren Geburtsort eines Menschen geben. Die Bioarchäologin Eng schließt aus einem raschen Blick auf den Schädel, dass er zu einem jungen männlichen Erwachsenen gehörte. Sie entdeckt drei geheilte Brüche der Schädeldecke und einen des rechten Kiefers. «Anzeichen von Gewalt», murmelt sie. «Vielleicht auch vom Tritt eines Pferdes.»

Mehr noch als der Schädel selbst beschäftigt das Team aber die Frage, von wo er herabgefallen ist. Der Felsen, den Athans hinaufgeklettert ist, befindet sich genau unterhalb einer hoch aufragenden Wand aus braunem Fels, von rosafarbenen und weißen Bändern durchzogen. Kurz vor der oberen Kante sind mehrere kleine Höhlen, von Hand in den brüchigen Fels gehauen. Durch Erosion haben sich Teile der Wand gelöst und sind herabgestürzt. Mit ihnen vermutlich auch der Schädel. Nun fragen sich die Forscher: Was ist sonst noch da oben?

Mustang, ein ehemaliges Königreich im nördlichen Zentralnepal, beherbergt eines der großen archäologischen Rätsel der Welt. Es ist eine staubige und windumtoste Gegend, tief im Himalaja versteckt und von der Schlucht des Flusses Kali Gandaki durchzogen, die manchenorts tiefer ist als der Grand Canyon. Es gibt dort außerordentlich viele Höhlen, die von Menschen geschaffen wurden.Manche liegen allein, wie ein einzelner geöffneter Mund im zerfurchten Gesicht wettergegerbten Felsgesteins. Andere bilden Gruppen, einen großen Chor von Löchern, bisweilen acht oder neun übereinander, sozusagen ein vertikales Dorf. Einige wurden in die Felswände hin­ eingegraben, zu anderen führen senkrechte Tunnel von oben herab. Viele sind Tausende Jahre alt. Insgesamt soll es in Mustang vorsichtigen Schätzungen zufolge etwa 10.000 Höhlen geben.

Niemand weiß, wer sie angelegt hat. Oder war­ um. Oder auch nur, wie die Menschen hinein­ gelangten. Seile? Gerüste? In den Fels gehauene Stufen? Nahezu alle Hinweise sind ausgelöscht.

Video-Porträt: Pete Athens, der Bergsteiger:


Video-Porträt: Mark Aldenderfer, der Wissenschaftler:


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(NG, Heft 6 / 2013, Seite(n) 130 bis 149)

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