Hundezucht - Des Pudels Kern

Autor: Evan Ratliff  —  Bilder: Robert Clark

Ein Winternachmittag in New York, ungewöhnlich mild für Februar. Dennoch wimmelt es im Hotel Pennsylvania von Pelzträgern. Sie nehmen an der exklusivsten Hundeschau der Welt teil, die alljährlich vom Westminster Kennel Club ausgerichtet wird. Der Club gilt in dieser Szene als so nobel wie der Veranstalter des Tennisturniers von Wimbledon. Morgen werden die schönsten Hunde des Landes, Vertreter von 173 Rassen, im Madison Square Garden darum konkurrieren, wer der allerschönste ist. Heute geht es für die Vierbeiner noch locker zu. Während ihre Besitzer an der Rezeption Schlange stehen, riskiert ein Bassett einen schwermütigen Blick zu einem hektischen Terrier. Zwei muskelbepackte Rhodesian Ridgebacks begrüßen einen flauschigen Pyrenäenschäferhund. Vor dem Andenkenladen steht ein Tibetischer Mastiff mit Pfoten groß wie Menschenhände, Nase an Nase mit einem schnüffelnden Boxer.

Die Vielfalt von Größen, Ohrformen, Nasenlängen und Bellverhalten ist kaum zu fassen. Dabei gibt es die meisten der 350 bis 400 Hunderassen erst seit wenigen hundert Jahren. Menschen haben ihren besten Freund zur vielgestal­tigsten Art der Welt gemacht – aus praktischen Gründen, aber auch aus Launen heraus.

Die Züchter beschleunigen das normale Tempo der Evolution , indem sie ganz verschiedene Hunde gezielt kombinieren. Weitergezüchtet werden dann nur noch solche Tiere, bei denen die gewünschten Merkmale am stärksten aus­geprägt sind. Im 18. und 19. Jahrhundert zum Beispiel wollten deutsche Züchter einen Hund für die Jagd auf Dachse. Sie paarten Hunde ganz bestimmter Rassen – vermutlich Bassetts und Terrier. So entstand über mehrere Generationen hinweg ein Tier mit kurzen Beinen und schlan­kem Körper, das seine Beute bis unter die Erde verfolgen kann – der Dackel. Seine locker sit­zende Haut kann von spitzen Zähnen kaum durchdrungen werden. Hat der Dackel sich an einem Dachs festgebissen, kann ihn der Jäger an seinem langen Schwanz mitsamt der Beute im Maul aus dem Bau ziehen.

Dass sie bei der Kreation neuer Formen auch mit den Genen hantierten, die für die Anatomie maßgeblich sind, daran verschwendeten die Züchter natürlich keinen Gedanken.

Biologen dachten lange, dass ein Grund für die äußerliche Vielgestaltigkeit der Hunde eine große Vielfalt ihrer Gene sein müsse. Seit jüngs­tem aber weiß man: Entscheidend für das breite Spektrum von Körperbau, Farben und Größe der Hunde sind Veränderungen in nur wenigen Teilen des Erbguts. Den Größenunterschied zwischen einem Dackel und einem Rottweiler etwa regelt die Abfolge, die Sequenz der Bau­steine in einem einzigen Gen . Veränderungen in einem anderen Gen programmieren den Unterschied zwischen krummen Teckel- und langen, schlanken Windhundbeinen.

Ähnliches gilt für sämtliche Rassen und na­hezu alle körperlichen Merkmale der Hunde. Wissenschaftler der Cornell-Universität in New York, der Universität von Kalifornien in Los Angeles und von der amerikanischen Gesund­heitsbehörde National Institutes of Health haben DNA von mehr als 900 Hunden aus 80 Rassen gesammelt, außerdem von wilden Verwandten wie Grauwölfen und Kojoten. Was sie heraus­fanden, ist verblüffend: Es scheinen nur rund 50 molekulare Schalter auf wenigen Genen zu sein, die Körpergröße, Felllänge, Felltyp, Nasenform, Stellung der Ohren, Fellfarbe und andere Merk­male eines Hundes bestimmen. Der Unterschied zwischen hängenden und aufrecht stehenden Ohren geht auf eine einzige genetische Region auf dem Hundechromosom 10 (CFA10) zurück. Die Runzelhaut eines chinesischen Shar Pei wird durch eine Veränderung in der Region HAS2 bewirkt. Der hochstehende Fellstreifen eines Rhodesian Ridgeback entsteht durch eine Mu­tation im Bereich CFA18. Nur wenige umgelegte Schalter bewirken die Unterschiede zwischen Dackel und Dobermann.

Dieser simple Schaltplan ist in der Natur außergewöhnlich. Zwar vermitteln Berichte über Gene für rote Haare, Alkoholismus oder Brust­krebs oft den falschen Eindruck, die meisten körperlichen Eigenschaften seien jeweils durch ein spezielles Gen festgelegt. In den allermeisten Fällen reguliert aber ein komplexes Wechselspiel vieler Gene und Genzustände, wie ein Organis­mus aussieht oder wie anfällig für Krankheiten er ist. Beim Menschen zum Beispiel ergibt sich die Körpergröße durch das Zusammenspiel von rund 200 Genabschnitten.

Sie interessieren sich für Hunde? Dann lesen Sie hier ein Interview mit dem „Hundeflüsterer“ Cesar Millan!

Außerdem finden Sie hier einen Bericht über die Entwicklung der DNA bei Straßenhunden in Afrika .

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(NG, Heft 02 / 2012, Seite(n) 42 bis 57)


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