Vor 37 Millionen Jahren verendete im urzeitlichen Tethysmeer ein 15 Meter langes, schlangenförmiges Säugetier mit gezackten Zähnen im klaffenden Maul und sank auf den Grund. Im Lauf der Jahrtausende bildete sich eine Sedimenthülle um sein Skelett. Der Ozean wich zurück, der Meeresboden wurde zur Wüste , und die Welt veränderte sich. Verschiebungen in der Erdkruste drückten Indien Richtung Asien und falteten den Himalaja auf. In Afrika stiegen die Urahnen der Menschen von den Bäumen. Die Pharaonen bauten die Pyramiden. Rom stieg auf. Rom ging unter. Und unablässig trug der Wind den Sandstein wieder ab, der die Knochen aus dem Tethysmeer umgab – eine Ausgrabungsarbeit durch die Äonen.
Eines Tages erscheint Philip Gingerich – und vollendet sie. An einem Abend im November 2009 beugt sich der Wirbeltierpaläontologe von der Universität Michigan im Wadi Hitan in der ägyptischen Wüste bei Sonnenuntergang über die Wirbelsäule eines Basilosaurus. Rund um Gingerich verstreut liegen fossile Haifischzähne im Sand, daneben Seeigelstacheln und die Knochen riesiger Katzenwelse. «Ich verbringe so viel Zeit in Gesellschaft dieser Unterwasserwesen, dass ich bald selber in ihrer Welt lebe», sagt er und bürstet mit einem Pinsel über holzklotzgroße Wirbel. «Wenn ich diese Wüste betrachte, sehe ich das Meer.» Gingerich ist in Eile. Er sucht ein entscheidendes anatomisches Fragment, aber es wird dunkel, und er muss zurück ins Camp. Das Wadi Hitan ist schön, aber gnadenlos. Gingerich hat hier nicht nur Knochen von urzeitlichen Meeresmonstern gefunden, sondern auch die von verunglückten Menschen.
Er arbeitet sich längs der Wirbelsäule vor bis zum Schwanz und untersucht jeden Wirbel mit dem Pinselstiel. Dann hält er inne und legt das Werkzeug hin. «Na, wer sagt’s denn.» Sachte entfernt er den Sand mit den Fingern und legt ein knapp 20 Zentimeter langes, schmales Knochenstück frei. «Das Bein eines Wals sieht man nicht alle Tage», sagt er und hebt den Knochen ehrfürchtig mit beiden Händen hoch.
Der Basilosaurus war in der Tat ein Wal – aber einer mit zwei zierlichen Beinen! Sie wuchsen ihm aus den Flanken heraus und waren etwa so groß wie die eines dreijährigen Mädchens. Perfekt ausgeformt, aber zum Gehen nutzlos, gaben sie den Wissenschaftlern wichtige Hinweise darauf, wie sich die neuzeitlichen Wale aus vierbeinigen Landsäugern entwickelt haben.
Gingerich hat fast seine gesamte Karriere der Evolutionsgeschichte der Wale gewidmet – einer der wohl umfassendsten und erstaunlichsten Wandlungen im Tierreich. Dabei hat er gezeigt, dass die Wale, die früher von Kreationisten als bester Beleg gegen die Evolutionstheorie angeführt wurden, womöglich die elegantesten Beweise dafür darstellen.
Das Wadi Hitan – übersetzt bedeutet der Name „Tal der Wale“ – hat sich als wahre Schatzkammer solcher Beweise für die Evolution erwiesen. In den vergangenen 27 Jahren haben Gingerich und seine Kollegen hier die Reste von mehr als 1000 Walen geortet. Zahllose weitere gilt es noch zu entdecken. Bei unserer Ankunft im Lager treffen wir auf einige seiner Mitarbeiter, die soeben von den Grabungen zurückkehren. Mohammed Sameh, der Leiter des Schutzgebiets Wadi Hitan, berichtet von neuen Knochenfunden, die zur Lösung des großen Rätsels um die Evolution der Wale beitragen könnten. Der Forscher Iyad Zalmout und der Doktorand Ryan Bebej arbeiten an der Freilegung eines Walskeletts, das ein Stück weit aus einer Felswand ragt. «Wir nehmen an, dass der Rest im Felsen steckt», sagt Zalmout.
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