Jane Goodall - Blick ins Familienalbum

Autor: David Quammen  —  Bilder: Anup Shah und Fiona Rogers

Die junge Miss Goodall hatte keinerlei wissenschaftliche Ausbildung, als sie am 14. Juli 1960 am Ostufer des Tanganjikasees begann, Schimpansen zu erforschen. Noch am Abend folgte sie einem der Tiere – und entdeckte in einem Baum eine Plattform: ein Schimpansennest. So begann eine der wichtigsten Studien der biologischen Feldforschung: die Beobachtung der Menschenaffen im Naturreservat Gombe Stream, heute ein Nationalpark in Tansania .


Ihre Arbeit, die lange Zeit von NATIONAL GEOGRAPHIC unterstützt wurde, hat unser Bild von Schimpansen grundlegend verändert. Die Verhaltensforscherin (Ethologin) fand heraus, dass diese Tiere Gefühle zeigen – das hatte bis dahin als unzulässige Übertragung menschlicher Eigenschaften auf Affen gegolten. Sie beobachtete, dass Schimpansen in komplexen Sozialverbänden agieren, die Weibchen polygam sind und zudem in eigenen Hierarchien leben. Dass sie manchmal fleischfressende Raubtiere sind. Und dass sie Werkzeuge fertigen und benutzen, zum Beispiel, um mit Pflanzenstängeln Termiten zu fangen.

«Wer sein Leben mit Tieren teilt, die hoch entwickelte Gehirne haben, erkennt zwangsläufig, dass sie eine Persönlichkeit besitzen», sagt Goodall. Kürzlich ist die Forscherin 80 Jahre alt geworden. Ihr bekannter blonder Pferdeschwanz ist grau geworden, aber noch immer strahlt sie Intelligenz, Witz und Passion aus. Im folgenden Gespräch mit dem NATIONAL GEOGRAPHIC­Autor David Quammen erzählt sie von ihrer Arbeit mit den Schimpansen und aus dem Leben dieser höchst individuellen Wesen.

Quammen Welche Rolle spielte die Verhaltensforschung zu Beginn Ihrer Karriere?

Goodall Damals versuchte sie, ihre Daseinsberechtigung als eine der „harten“ Naturwissenschaften zu beweisen. Aber natürlich ist sie das nicht, außer, die Forscher verhalten sich sehr invasiv und stören die Tiere. Obwohl bestimmte individuelle Unterschiede zwischen Tieren schon damals bekannt waren, ging man ihnen nicht nach.

Quammen In der akademischen Ethologie sprach man also nur ungern über individuelle Unterschiede? Es ging mehr um Muster?

Goodall Alles wurde sehr isoliert betrachtet.

Quammen Individuen und ihr Verhalten wurden auf Daten und Schemata reduziert.

Goodall Genau. Und Anekdoten zu erzählen, galt als Todsünde.

Quammen Dann kamen Sie und wollten plötzlich über einzelne Tiere, über deren Persönlichkeit und Charakter sprechen.

Goodall Mir ging es in der Tat um Gefühle, um die Seele und um Gedanken.

Quammen Was hielt man an der Universität in Cambridge von diesem Ansatz?

Nicht viel, erzählt mir Goodall. Ihre Professoren hätten nichts davon wissen wollen.

Goodall Es ist ein Schock, wenn man gesagt bekommt, dass man alles falsch gemacht hat. Alles. Ich hätte ihnen wohl nicht von den Namen erzählen sollen, die ich den Schimpansen gegeben hatte. Ich durfte weder über ihre Persönlichkeiten noch über ihre Seelen und Gefühle sprechen, denn die hätten ja nur wir Menschen. Zum Glück fiel mir mein Hund Rusty ein, mit dem ich meine Kindheit verbracht hatte. Er war mein erster Lehrer, und er zeigte mir, dass die überkommene Meinung nicht mehr gültig war. Wer ein Tier mit einem hoch entwickelten Gehirn hat, weiß, dass es eine Persönlichkeit besitzt.

Wir kommen ins Gespräch über die individuellen Eigenschaften der Schimpansen in Gombe. Auch über einige der auf diesen Seiten abgebildeten Tiere.

NG-Video: Jane Goodall - A Retrospective


Quammen Wie würden Sie David Greybeard beschreiben?


Goodall Er war sehr ruhig und zielstrebig. Wenn er zu etwas entschlossen war, schob er immer die Unterlippe vor. Etwa so.

Sie macht einen Schmollmund. Ich frage nach Goliath. In den ersten Jahren ihres Aufenthalts war er das Alphamännchen der Gruppe.

Goodall Goliath hatte ein stürmisches Temperament. Er war sehr mutig und stellte sich wirklich jedem Herausforderer, selbst wenn der größer war oder wenn es zwei Angreifer gab. Er war ganz anders als David.


Quammen Was für eine Beziehung verband die beiden?


Goodall Ich vermute, dass sie Geschwister waren. Sie verbrachten sehr viel Zeit miteinander. David versuchte Goliath immer zu beruhigen, wenn der herausgefordert wurde. Es war schrecklich, dass Goliath von den anderen Männchen umgebracht wurde, als sich die Gruppe teilte.

1964 eroberte das Männchen Mike die Führung, und zwar mit Intelligenz statt Kraft.

Quammen Mike fand einen neuen Weg, um ganz nach oben zu kommen, oder?

Goodall Allerdings

Quammen Erzählen Sie mir doch davon.

Goodall Na ja, er war hoch motiviert – auch darüber durfte ich in Wissenschaftlerkreisen nicht sprechen.

Quammen Was heißt motiviert?


Goodall Er hatte großen Ehrgeiz, in der Hierarchie aufzusteigen. Am Anfang gab es elf andere Männchen, die alle in der Rangfolge weiter oben waren. Er war nicht mehr jung, vermutlich ein bisschen älter als David. Und er hatte zwei Eckzähne verloren, konnte also nicht mehr so imponieren und zubeißen wie zuvor. Dann fand er einen leeren 15-Liter- Kanister, den er als Hilfsmittel benutzte. Er konnte nun herrlich Lärm machen, worauf alle anderen Schimpansen das Weite suchten. Mike erkannte offenbar, dass er das zu seinem Vorteil einsetzen konnte. Er lernte, diesen
und zwei weitere Kanister gleichzeitig vor sich herzukicken und auf ihnen zu trommeln. Ich erinnere mich an eine Gruppe mit fünf Männchen, darunter der Anführer Goliath. Mike hatte immer große Angst vor ihnen gehabt. Jetzt rannten sie weg. Und was passierte dann? Mike setzte sich hin (Goodall macht ein hechelndes Geräusch), und plötzlich kamen sie alle zurück und lausten ihn.


Quammen Das war der Anfang seiner Alphastellung?


Goodall Ja. Es dauerte gerade mal vier Monate, dann war er an der Spitze.

Ich zeige Goodall ein Foto aus den frühen Jahren. Darauf hält sie ein Notizbuch. Ein Schimpanse umklammert mit beiden Händen ihre rechte Hand.

Goodall Das ist Figan, der intelligenteste Schimpanse von allen.


Quammen Wie äußerte sich das?

Sie erzählt eine detailreiche Anekdote darüber, wie Figan lernte, einen Kasten mit Bananen zu öffnen. Figan und sein Gefährte Evered meisterten die Aufgabe, aber Figan erkannte als Einziger, dass er die Bananen sofort den mächtigeren Männchen würde geben müssen, wenn sie mitbekamen, dass er an die Früchte gelangt war. Das gefiel ihm nicht.


Goodall Ich beobachtete ihn. Er saß da und tat ganz unschuldig. Ringsherum waren die anderen Männchen. Und er hockte da, einmal mehr als eine halbe Stunde lang, bis die Männchen verschwunden waren. Erst dann holte er sich die Bananen.

Als Nächstes sehen wir uns die große Fotoserie von Frodo an.


Goodall Er war ein echter Tyrann. Er griff andere Leute und sogar mich an. Schon als Kind hatte er die anderen Jungtiere schikaniert. Wenn zwei miteinander spielten, und sie sahen ihn kommen, hörten sie sofort auf. Sie wussten, dass er einem von ihnen wehtun würde, sobald sie ihn mitmachen ließen.

Als Erwachsener verdrängte Frodo seinen eigenen Bruder als Alphamännchen und markierte den Starken. Er konnte sich aber auch zurückhalten, wie Goodall und der Videofilmer Bill Wallauer einmal erlebten.

Goodall Wir wussten beide, dass Frodo uns nicht töten oder ernsthaft verletzen wollte. Er wollte nur seine Stärke zeigen. Ich wiederholte deshalb immer wieder: «Frodo, schon klar, dass du dominant bist. Das brauchst du nicht zu beweisen. Ich bin nur ein schwaches Weibchen.» Wenn Frodo sich uns gegenüber genauso verhalten hätte wie bei Schimpansen üblich, also uns gestoßen hätte, wären wir einen Abhang hinabgestürzt und ziemlich sicher gestorben. Aber dann hörte er tatsächlich auf.

Quammen Er hielt inne?

Goodall Allerdings. Säuglingen gegenüber war er übrigens zärtlich und vorsichtig. Es war bezaubernd, ihm beim Spielen mit den Kleinen zuzusehen.

Frodo war eine komplizierte Persönlichkeit
 – aber das waren sie alle. Ich ziehe ein Foto von Gremlin hervor.


Goodall Sie ist seit Ewigkeiten mein Lieblingsaffe. Eine wunderbare Mutter. Und sie hat sich sehr bemüht, ihrer eigenen Mutter Melissa zu helfen, nachdem diese Zwillinge zur Welt gebracht hatte.

Zwillinge kommen bei Schimpansen ausgesprochen selten vor. Ihre Pflege ist für die Mütter sehr schwierig, Melissa verlor einen. Gremlin zog später ein eigenes Zwillingspaar auf – eine bemerkenswerte Leistung. Als ihr nächstes Kind noch nicht abgestillt war, raubte sie ihrer ältesten Tochter Gaia einen Säugling.

Goodall Das war seltsam. Wir verstehen noch so vieles nicht richtig. Es schien fast so, als sei sie an zwei Babys gewöhnt gewesen, nachdem sie ihre Zwillinge aufgezogen hatte. Sie hatte ein zweieinhalbjähriges Kind, aber das reichte ihr offenbar nicht. Sie wollte unbedingt noch eins. Es war schrecklich anzusehen, was anschließend passierte. Sie pflegte und säugte ihn und tat, was sie konnte. Sie ging wundervoll mit ihm um.

Aber Gremlin hatte zu wenig Muttermilch für zwei Säuglinge. Gaias Sohn ging es bei seiner Großmutter immer schlechter. Schließlich starb er.

Quammen Erzählen Sie mir von Sparrow.

Goodall Das ist eine Schimpansin mit besonders großem Lebenswillen. Sie hat viele Kinder und gehört für mich zu den großen Matriarchinnen von Gombe.


Quammen Lebt sie noch?

Goodall Ja. Das ist erstaunlich.

Sparrow hat sieben Kinder und ist mehrfache Groß- und Urgroßmutter. In den 54 Jahren, die Goodall in Gombe verbracht hat, anfangs als Forscherin, später auch als Artenschützerin und Sprecherin für den Schutz von Schimpansen, hat es viel mehr freudvolle als traurige Augenblicke gegeben. Aber auch die guten Dinge finden ihr Ende. So wird es auch bei Sparrow sein. David Greybeard, Goliath und Mike leben längst nicht mehr, und auch Frodo ist tot.

Gegen Ende unseres Gesprächs erinnert sich Goodall an Flos Tod. Die Schimpansin hatte mindestens fünf Kinder und viele Enkel. Sie war die mächtigste Matriarchin in Gombe.

Quammen Wie ist Flo gestorben?

Goodall Beim Überqueren eines Bachs. Sie war sehr alt. Flint war bei ihr. Er war damals acht Jahre alt, aber immer noch sehr von ihr abhängig. Und ja, ich habe geweint.

Quammen Haben Sie sie gefunden?

Goodall Nein, aber ich habe sie gesehen. Am traurigsten war es, Flint bei der Leiche zu beobachten. Er verstand nicht, was passiert war. Er zog sie an der Hand, genau wie er es zu ihren Lebzeiten getan hatte, als wollte er sagen: «Bitte lause mich, Mama.» Irgendwann ließ er sie allein und ging zu einem Baum, in dem sie einige Nächte zuvor übernachtet hatten. Ganz, ganz langsam kletterte er hinauf und ging auf dem Ast entlang zu einem Nest. Er stand da und betrachtete es. Dann drehte er sich um und kletterte hinunter. Es war sehr bewegend.

Flint starb etwa drei Wochen nach Flo. Das acht Jahre alte Waisenkind konnte den Tod der Mutter nicht verwinden. Wie hatte Jane Goodall schon lange beobachtet? Schimpansen haben nicht nur eigene Persönlichkeiten, sondern sind auch zu tiefen Emotionen fähig

Mehr über Affen erfahren Sie auf unserer Themenseite.


(NG, Heft 8 / 2014, Seite(n) 140 bis 155 )

Vor 50 Jahren zog die Engländerin Jane Goodall nach Tansania, um Schimpansen zu beobachten. Die Geschichte der leidenschaftlichen Forscherin – und wie sie uns lehrte, die Affen zu lieben. mehr...
Sie lachen und trauern. Sie lügen und morden. Sie kämpfen und lieben. Sie sind wie wir. Doch wir sperren sie in Zoos. Höchste Zeit, das zu ändern. mehr...

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