Der Daisetsuzan-Nationalpark, aus Feuer geboren, ist ein Land des Wassers. Zwei mächtige Vulkane geben dem Schutzgebiet auf Japans nördlichster Insel Hokkaido sein Gesicht. Dampf steigt aus ihren Flanken, die je nach Jahreszeit grün oder weiß, orange und rot leuchten.
Es ist der Winter, der Daisetsuzan den Namen gab: „Große verschneite Berge“. Der Schnee wird zu Wasser, das zu Tal fließt und eine üppige Vegetation nährt, die einen großen Teil des Nationalparks zu unzugänglicher Wildnis macht. Dieses sich selber schützende Schutzgebiet blieb unberührt bis auf wenige ausgewiesene Wege. Japan entstand durch seismische Aktivität. Tektonische Platten hoben und senkten sich, Mantelgestein schmolz und sammelte sich in Kammern, Vulkane entstanden. Daisetsuzan ist etwa so groß wie das Saarland. Der Asahi-dake im Norden, Hokkaidos höchster Gipfel, schläft seit Jahrhunderten. Der Tokachi-dake im Süden brach zuletzt 2004 aus. Im dicht bevölkerten Inselreich Japan, einem der am stärksten besiedelten Länder der Welt, bildet dieser Park heute eine der wenigen verbliebenen Ruhezonen der Natur. Seine Berge und Wälder sind von akkurat bestellten Feldern umfasst, aber Daisetsuzan selbst ist ein Rückzugsort für Hirsche und Bären, für Hasen und viele Vogelarten, für Bäume und Blumen.
Wanderer ziehen in respektvollem Schweigen durch die Landschaft. Wie Michiko Aoki, die Tochter eines buddhistischen Priesters. Im Sommer und Herbst nimmt sie manchmal einen achtstündigen Marsch auf sich, um ihren Freund zu besuchen, der die Hokkaido-Braunbären erforscht: den Asahi-dake hinauf, über einen windigen Grat, dann in ein abgeschiedenes Tal. An einem warmen Herbsttag schließe ich mich ihr an. Der Asahi-dake ist in Wolken gehüllt, aber wir hören das Atmen seiner Vulkanschlote. Auf dem See Sugatami-ike spiegeln sich Schnee und Dampf. Der Überlieferung zufolge verbinden solche Schwaden den Berg mit den kamui, den Geistern der Ainu. Auf dem Höhepunkt der Eiszeit vor 18000 Jahren war Hokkaido mit dem asiatischen Festland verbunden. Über Landbrücken besiedelten die Ahnen der Ainu die Insel. Heute gibt es nur noch wenige Menschen dieses Volks, dessen Vorfahren verdrängt und assimiliert wurden. Aber man kann sich vorstellen, weshalb diese Landschaft für sie heilig war.
Die Ainu teilten ihr Land in dörfliche Jagd- und Sammelgebiete (iwor), wo sie Lachse fischten, Bären jagten und Holz und Beeren sammelten. Die Lebewesen, von denen sie sich ernährten, waren für sie Geister, die in anderer Gestalt die irdische Welt besuchten. Die kamui traten auch als Objekte wie Jagdmesser oder Bambushäuser auf. Um ihnen zurück in die Geisterwelt zu verhelfen, veranstalteten die Ainu Rituale mit Speiseopfern und Gebeten. Bei ihrer wichtigsten Zeremonie ehrten sie den Bären, der ihnen Nahrung, Felle und Knochen für Werkzeuge lieferte. Der Asahi-dake hieß bei ihnen Nutap-kamui-shir: „Der Götterberg, der das Innere der Flussbiegung enthält“. Bis zu einer lange zurückliegenden Eruption, bei der seine Flanke explodierte, war der Asahi-dake ein perfekter Kegel. Unser Weg führt an einer tiefen Schlucht mit acht dampfenden, schwefelbedeckten Schloten vorbei. Ein 80-jähriger Mann, auf dem Weg nach unten, erzählt uns, dass das gelbe Mineral im Zweiten Weltkrieg für Schießpulver gesammelt wurde.
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