Kanadas Wildnis wird geopfert

Artikel vom 01.06.2009  —  Autor: Robert Kunzig  —  Bilder: Peter Essick
Kanadas Wildnis

Jim Boucher war sieben Jahre alt, als seine Welt sich zu ändern begann. Eines Tages, im Jahr 1963, ging er mit seinem Großvater eine Trapperroute entlang. Sie verlief am Fluss Athabasca im Norden von Alberta, einige Kilometer südlich des Fort-McKay-Reservats. Das wellige Sumpfland ist hier mit Seen durchsetzt, von Flüssen durchschnitten, der Baumbestand eher mager. Das Gebiet gehört zum nördlichen Nadelwald, der sich quer über Kanada erstreckt und mehr als ein Drittel der riesigen Landfläche bedeckt.

1963 war der Wald zum größten Teil noch unberührt. Man erreichte Fort McKay mit dem Boot, im Winter mit dem Hundeschlitten. Die dort ansässigen Chipewyan - zu denen auch Boucher gehört - und die Cree hatten kaum Kontakt zur Außenwelt.

Milennium-Grube

Bild: Peter Essick Vergrößern

Für das tägliche Essen jagten sie Elche und Bisons, fingen Barsche und Heringsmaränen aus dem Athabasca, sammelten Moos- und Blaubeeren. Brauchten sie Geld, erlegten sie Biber und Nerze. Fort McKay war ein kleiner Pelzhandelsposten ohne Erdgas­anschluss, ohne Strom, Telefon und fließendes Wasser. Das gibt es alles erst seit den siebziger und achtziger Jahren. Doch in Bouchers Erinnerung beginnt die Veränderung an jenem Tag im Jahr 1963 in der Nähe des Mildred Lake, dort, wo sein Großvater Fallen stellte. Generationen von Vorfahren hatten dort als Trapper gearbeitet. "Auf einmal stoßen wir auf einen riesigen Kahlschlag", erzählt Boucher. "Niemand hatte vorher etwas gesagt. In den Siebzigern kamen sie dann und rissen die Hütte meines Großvaters ab - ebenfalls ohne Vorwarnung oder Diskussion." Das war Bouchers erster Kontakt mit der Ölsandindustrie. Binnen weniger Jahre hat sie diese Region in Nordostalberta von Grund auf verändert. Heute ist Boucher selber Teil dieser Industrie.

Wo einst die Trapperroute und die Hütte und der Wald waren, frisst sich jetzt ein Tagebau ins Gelände. Hier baggert Syncrude, der größte Ölproduzent Kanadas, bitumenhaltigen Sand aus der Erde.Die stählernen Schaufeln sind 18 Meter lang, so hoch wie ein fünfstöckiges Haus. Anschließend wird das Bitumen mit heißem Wasser, manchmal auch mit Ätznatron, aus dem Sand gewaschen.

In der Nähe schießen Flammen aus den Schornsteinen einer Anlage, in der das teerhaltige Bitumen in "Syncrude Sweet Blend" umgewandelt wird. Dieses synthetische Rohöl fließt dann durch eine Pipeline zu Raffinerien in Edmonton in der Provinz Alberta, in Ontario und in den USA. Der idyllische Mildred Lake hat inzwischen einen hässlichen Nachbarn bekommen: das Mildred-Lake-Absetzbecken. Es ist zehn Quadrat­kilometer groß, voller giftiger Abbaurückstände. Der Sanddamm, der ihn staut, zählt zu den größten seiner Art in der Welt. Und Syncrude ist nicht allein. In einem Umkreis von 35 Kilometern von Bouchers Büro liegen sechs Tagebaue. Zusammen produzieren sie täglich fast eine Dreiviertelmillion Barrel synthetisches Rohöl. Weitere Abbaubetriebe sind geplant. Dort, wo die Bitumenschicht für den Tagebau zu tief liegt, wird sie unterirdisch - "in situ" - mit viel heißem Dampf geschmolzen und dann an die Erdoberfläche gepumpt. In den vergangenen zehn Jahren hat die Industrie mehr als 60 Milliarden Kanadische Dollar investiert (umgerechnet rund 40 Milliarden Euro), allein 2008 waren es 25 Milliarden Dollar.

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(NG, Heft 6 / 2009)
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