Lag Darwin falsch?

Artikel vom 01.11.2004  —  Autor: David Quammen  —  Bilder: Robert Clark

Evolution durch natürliche Auslese ist eine Theorie. Die Theorie beschreibt die Entstehung der Arten, ihre Anpassungsfähigkeit und die Vielfalt des Lebens auf der Erde. In jüngster Zeit wurden Stimmen lauter - in den USA wie in Europa und in der islamischen Welt -, die "nur" von einer Theorie sprechen. Auch die Relativität, wie sie Albert Einstein beschrieben hat, ist "nur" eine Theorie. Die Vorstellung, dass sich die Erde um die Sonne dreht, ist eine Theorie. Die Kontinentalverschiebung ist eine Theorie. Die Atomtheorie beschreibt Existenz, Struktur und Dynamik von Atomen. Elektrizität ist ein theoretisches Konstrukt, in dem es um winzige Einheiten geladener Masse geht, die kein Mensch je gesehen hat. Jede dieser Theorien stellt eine Erklärung dar, die durch Beobachtungen und Experimente so weit bewiesen ist, dass Experten sie als Tatsache akzeptieren.

Das meinen Wissenschaftler, wenn sie von einer Theorie reden: Sie ist keine spekulative Überlegung, sondern ein gut begründetes System von Aussagen, das uns die Welt und ihre Erscheinungen logisch erklärt. Im Vertrauen darauf stöpseln wir das Kabel des Fernsehers in die Steckdose - und die Elektrizität liefert uns Bilder. Wir messen unser Jahr vertrauensvoll an der Dauer des Erdumlaufs um die Sonne. Wieso ist das mit der Evolutions-"Theorie" für so viele Menschen anders? Und warum erscheint sie so vielen Angehörigen der Art Homo sapiens als bedrohlich? Fundamentalistische Christen und ultraorthodoxe Juden wollen es nicht hinnehmen, dass der Mensch von affenähnlichen Ahnen abstammt, da dies im Widerspruch zum ersten Buch Mose stehe. Ihr Unbehagen findet ein Gegenstück in radikalislamischen Kreationisten wie Harun Yahya, Autor des Buchs Der Evolutionsschwindel.

Kreationisten sind Anhänger einer göttlichen Schöpfungslehre. Für Yahya ist die sechstägige Schöpfungsgeschichte im Koran wörtliche Wahrheit, die Evolutionstheorie hingegen "nichts als eine uns von den Beherrschern des Weltsystems aufgezwungene Täuschung". Srila Prabhupada von der hinduistischen Hare-Krishna-Bewegung erklärte, Gott habe "die 8 400 000 Arten des Lebens ganz am Anfang" erschaffen, um viele Stufen der Wiedergeburt für aufsteigende Seelen festzulegen. Zwar könnte die Seele eines Lebewesens aufsteigen, doch die Arten selber veränderten sich nicht, betonte er. Auch andere Menschen, nicht nur solche, die das Alte Testament wörtlich auslegen, sind von der Evolution nicht überzeugt. Die Dinosaurier seien vor 65 Millionen Jahren ausgestorben? Die Vorfahren des Menschen vor sieben Millionen Jahren in Afrika von den Bäumen gestiegen? Die ersten anatomisch modernen Menschen vor 150 000 Jahren von dort aus nach Europa eingewandert?

Alles Unsinn. Das Universum, die Erde und das Leben wurden von Gott erschaffen, vor 10 000 Jahren. So steht es in der Bibel, und so glaubt es - nach einer Umfrage im November 2002 - jeder Fünfte in Deutschland, der Schweiz und in Österreich. In Italien wollte in diesem Frühjahr die Bildungsministerin Letizia Moratti die von Darwin begründete Evolutionslehre vom Lehrplan der 13- bis 14-jährigen Schüler streichen und stattdessen die Schöpfungsgeschichte der Bibel unterrichten lassen. Erst nach massiven Protesten gab sie ihr Vorhaben auf. In den USA sind die Kreationisten erfolgreicher. In 31 von 50 Bundesstaaten gibt es zur Zeit juristischen Streit darüber, wie man in der Schule die Entwicklungsgeschichte lehrt. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup im Februar 2001 ergab, dass in den USA rund 45 Prozent der Erwachsenen der Aussage zustimmen, "Gott hat die Menschen weitgehend in ihrer heutigen Gestalt innerhalb der vergangenen etwa 10 000 Jahre erschaffen". Evolution habe bei der Entwicklung unserer Art keine Rolle gespielt.

37 Prozent der befragten Amerikaner können mit dem Glauben leben, dass göttliche Initiative am Anfang allen Seins war und dass seither die Evolution wirkt - eine Meinung, die das Oberhaupt der katholischen Kirche, der konservative Papst Johannes Paul II., im Oktober 1996 offiziell bekräftigte. Nur eine Minderheit der Amerikaner - zwölf Prozent - glaubt, dass sich die Menschheit ohne das Zutun eines Gottes aus anderen Lebensformen entwickelt hat.


(NG, Heft 11 / 2004)
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