Madagaskar: Alles auf Rot

Autor: Robert Draper  —  Bilder: Pascal Maitre

Remon heißt der junge Mann, der sein Einbaumkanu mit einer langen Bambusstange flussaufwärts stakt. Der Onive ist seicht, die Strömung aber heftig. Über Remons Kopf entlädt sich ein Regenschwall, dann scheint wieder die Sonne. Bis zum nächsten Schauer. Das Wetter macht dem Jungen ebensowenig aus wie den Krokodilen, die ausgestreckt am Ufer liegen. Etwa alle drei Minuten kommen ihm Männer in fluss­abwärtsfahrenden Pirogen entgegen. Remon ruft ihnen einen Gruß zu, sie grüßen zurück. Es sind seine Flusskameraden. Jeder transportiert einen schweren dunklen, illegal gefällten Rosenholzstamm hinab zu den Holzlagern der Stadt Antalaha im Nordosten Madagaskars. Dort holen sie ihren Lohn ab. Sobald uns Remon am Waldrand abgesetzt hat, wird auch er einen Stamm den Onive hinabflößen.

Gefallen tut ihm die Arbeit nicht. Der Holzhändler, der Remon bezahlt – dessen Namen kennt er nicht –, habe ihm gesagt, er müsse den ganzen Tag ohne Pause paddeln. Die Forstaufseher seien nur für einen bestimmten Zeitraum bestochen worden, in dem sie wegsehen würden. Danach würde neues Schmiergeld fällig. Immerhin ist es besser, die Stämme zu flößen als sie zu fällen. Das hat Remon aufgegeben. Zu gefährlich. Zwar wird seit Jahren illegal Holz geschlagen, doch neuerdings hat sich das Tempo verschärft. Es gibt kaum noch Polizei, der Wald wird von organisierten Gangs kontrolliert. Der Sturz der madagassischen Regierung im März 2009 und der unersättliche Appetit chinesischer Holzmakler haben die Entwaldung noch einmal beschleunigt. Innerhalb weniger Monate haben sie Rosenholz im Wert von 200 Millionen Dollar aus den Wäldern des Landes importiert.

Der Name „Rosenholz“ steht nicht für einen bestimmten Baum, sondern für mehrere Arten der Gattung Dalbergia. Das harte Kernholz der Stämme ist Rot­violett und duftet nach Rosen. Es lässt sich gut polieren, die Hersteller von Luxusmöbeln und Musikinstrumenten schätzen es deswegen sehr. Doch für jene, die es beschaffen, wird das Geschäft immer härter. Remon kennt einen Holzfäller, den Waldgangster um seine Ernte gebracht haben. «Wir sind 30 gegen einen», drohten sie ihm. Und erst wenige Tage zuvor sollen zwei Männer beim Streit um einen wertvollen Stamm mit einer Machete enthauptet worden sein. Jetzt lässt die Strömung nach und Remon zündet sich einen Joint an. Er erzählt von den fady, von den Tabus, die den Wald jahrhun­dertelang geschützt haben. Selbst unter den Holzdieben gibt es heute noch ängstliches Geraune, wenn ein fallender Stamm einen Schädel zertrümmert hat oder sich jemand in einer Stromschnelle ein Bein gebrochen hat: «Das ist der Zorn unserer Ahnen. Sie strafen uns.»

Einige Stammesältere haben auch Remon schon Vorhaltungen gemacht, weil er heiligen Boden plündere. «Und?», entgegnet er dann. «Versucht doch mal, euren Familien Bäume zu essen zu geben.» Mit der Arbeit auf den Vanillefeldern am Rand der Küstenstadt Antalaha bekommt er Frau und Kinder nicht mehr satt. Bis vor 20 Jahren durfte sich Antalaha die Vanillehauptstadt der Welt nennen, doch seither haben mehrere Zyklone an der Küste zu großen Einbußen bei der Ernte geführt, gleichzeitig sanken weltweit die Preise für Vanille. Antalaha ist arm, zwischen Fußgängern, Hühnern und Ziegen fuhren auf den Straßen höchstens ein paar klapprige Taxis und rostige Fahrräder. Jedenfalls bis zum Frühjahr 2009.

Dann knatterten plötzlich Motorräder durch die Straßen. Im einzigen Geschäft, das diese Fahrzeuge führte, waren sie schnell ausverkauft. Die Nachfrage hielt an, und ein zweiter Laden öffnete. Die Käufer waren schlaksige junge ­Männer, und in Antalaha wusste jeder, woher ihr plötzlicher Reichtum kam. Von den Vanillefeldern jedenfalls nicht. Man sah die Männer, wie sie auf Ladeflächen von Kleinlastern breitbeinig auf illegal geschlagenem Holz saßen. Sie fällten die kostbaren madagassischen Rosenholzbäume.

Madagaskar ist eine Insel – mit einer Fläche von 585000 Quadratkilometern die viertgrößte der Welt, aber doch eine Insel. Und unter allen Inseln mit ihrer jeweils einzigartigen Biosphäre ist Madagaskar wiederum ein spezieller Fall. Vor etwa 165 Millionen Jahren riss sie sich vom ­afrikanischen Kontinent los. Seitdem ging die Evolution hier eigene Wege, und 90 Prozent ­aller heimischen Tier- und Pflanzenarten – von den außerirdisch anmutenden Affenbrotbäumen bis hin zu den geisterhaften Lemuren – kommen nirgendwo sonst auf der Erde vor.

Den Alltag der Menschen bestimmt aber nicht die Schönheit ihrer Insel, sondern Verzweiflung. Die Malagasy, die größte Volks­gruppe hier, haben ein Sprichwort, das den Fatalismus in schöne Worte kleidet. Sie sagen: «Aleo maty rahampitso toy izay maty androany», zu Deutsch: «Es ist besser, morgen zu sterben als heute.» Der durchschnittliche Madagasse lebt von knapp einem Euro am Tag. Die Menschen sind arm, obwohl ihre Insel reich ist – an Natur- und Bodenschätzen. 20 Millionen Menschen zählt die Bevölkerung, und sie wächst jährlich um drei Prozent. Immer mehr Wälder werden durch Brandrodung in Reisfelder umgewandelt. Besorgte Ökologen jubelten deshalb, als im Jahr 2002 Marc Ravalomanana seine Präsidentschaft mit einem „grünen“ Programm antrat. Doch im März 2009 drängte ihn das Militär aus dem Amt und erklärte Andry Rajoelina, einen ehemaligen Diskjockey, zum Präsidenten. Sofort danach begann die Plünderung der Natur.

Unsere Reisetipps: Auf nach Madagaskar!

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(NG, Heft 9 / 2010, Seite(n) 98)

Im Redwood Forest stehen Rotholzriesen, die so alt sind wie die Bibel. In den Zeiten des großen Trecks nach Kalifornien wurden sie zu den meistbegehrten Objekten der Holzindustrie. Zwei Biologen erkundeten die Wälder der größten Bäume der Erde - um sie künftig besser schützen zu können. mehr...

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