Marihuana als Heilmittel - Ein Tabu fällt

Autor: Hampton Sides, Jürgen Nakott  —  Bilder: Lynn Johnson
Marihuana_Main

Zusammenfassung: Für schwer kranke Menschen ist Cannabis ein Segen. Die Pflanze lindere Schmerzen und fördere ihren Appetit – das berichten Patienten aus aller Welt. Auch immer mehr Ärzte und Wissenschaftler erkennen das medizinische Potential der Pflanze. Doch es gibt auch Risiken, Marihuana ist kein harmloser Stoff. Mit viel Leidenschaft wird daher um die Legalisierung von Cannabis gestritten.

Natürlich ist an Cannabis nichts Neues. Hanf begleitet die Menschen seit sehr langer Zeit. In 5.000 Jahre alten Grabhügeln in Sibirien fan­den Archäologen Cannabissamen. Die Chinesen nutzten die Pflanze schon vor Jahrtausenden als Grundlage für Arzneimittel. Der erste ameri­kanische Präsident, George Washington, baute am Mount Vernon Hanf an. In der ganzen langen Geschichte der Menschheit waren Canna­bisprodukte zumeist legal, sie waren ein Be­standteil vieler medizinischer Tinkturen und Extrakte – auch in Deutschland.

Dann kam das 20. Jahrhundert. 1930 lief der Film „Reefer Madness“ („Kiffer-­Wahnsinn“) in den Kinos, ein von der Kirche finanzierter Streifen über Marihuana als Mörder der Jugend. Das Killergras. Die Einstiegsdroge. Das war der Beginn der Kriminalisierung von Cannabis. Bald war die Nutzung der Pflanze weltweit verpönt, auch Forscher beschäftigten sich kaum noch mit ihr. 1961 trat das sogenannte Einheitsabkommen der Vereinten Nationen in Kraft, in dem sich die unterzeichnenden Länder verpflichteten, illegale Drogen zu bekämpfen, auch Cannabis. Deutschland schloss sich an – nicht zuletzt auf Drängen seiner großen Pharmakonzerne Bayer und Merck. 1971 wurde der Stoff in das deutsche Betäubungsmittelgesetz aufgenommen. Seither waren die meisten Menschen, die wissenschaft­liche Kenntnisse über Cannabis gewinnen woll­ten, per Definition Kriminelle.

Doch nun naht die Befreiung. Seit einigen Jah­ren wird die Cannabisforschung in Amerika und Europa wieder vorangetrieben. Immer mehr Menschen behandeln – legal oder illegal – ihre Krankheiten mit Hanfwirkstoffen. In 23 Bundes­staaten der USA ist der Einsatz von Cannabis zu bestimmten medizinischen Zwecken wieder er­laubt. In Uruguay wurde es freigegeben, in Por­tugal wird beim Besitz kleiner Mengen von einer Strafverfolgung abgesehen. Israel, Kanada, die Niederlande und zahlreiche andere Länder haben in den vergangenen Jahren ihre Gesetze gelockert. Im Bundestag legten die Grünen im Frühjahr einen Gesetzentwurf zur Legalisierung kleinerer Mengen vor, und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe plant, den Einsatz von Cannabis als Schmerzmittel zu erleichtern.

Der unverkennbare Duft des Indischen Hanf schockiert die meisten Menschen heute ohnehin nicht mehr, wenn er ihnen irgendwo in die Nase steigt. Sicher, wer das Kraut raucht, neigt vielleicht vorübergehend zu unmotiviertem Lachen, schaut Löcher in die Luft, hat Gedächtnisaussetzer oder plötzlich Heißhunger auf fettige Pommes. Unbestritten ist, dass Marihuana in seinen wirkungsstarken Varianten eine mächtige und unter Umständen gefährliche Droge sein kann. Obwohl – anders als etwa bei Alkohol – bisher nie über einen Todesfall durch eine Überdosis Marihuana berichtet wurde.

Cannabis wird neuerdings auch keineswegs mehr nur als Kifferdroge wahrgenommen, sondern als eine Arznei, die Schmerzen und Depressionen lindert, den Schlaf fördert, den Appetit anregt. Seine Wirkstoffe unterdrücken den Brechreiz bei Chemotherapien, erweitern die Bronchien und hemmen Entzündungen. Manche Wissenschaftler sind überzeugt, Inhaltsstoffe der Pflanze könnten das Gehirn vor seelischen Verletzungen schützen, das Immunsystem stärken und nach Katastrophen helfen, schmerzhafte Erinnerungen zu löschen. Sie setzen Cannabis zur Therapie Posttraumatischer Belastungsstörungen ein.

Und je lauter die Stimmen werden, dass Gras wieder gesellschaftsfähig werden soll, desto mehr Aufmerksamkeit widmet auch die Forschung dem alten Stoff. Denn es gibt noch viele offene Fragen. Wie genau wirkt sich eigentlich Marihuana auf Körper und Gehirn aus? Und wie kann die Pharmazie auf dieser Grundlage neue Medikamente entwickeln?

Der Chemiker - Die ungeöffnete Schatzkiste
Bis weit ins 20. Jahrhunderts hatte die Wissenschaft noch nicht einmal die grundlegende Frage über Marihuana beantwortet: Was sind seine Inhaltsstoffe? Da es sich um eine verpönte Droge handelte, waren nur wenige seriöse Wissenschaftler bereit, sie zu erforschen und damit ihren Ruf aufs Spiel zu setzen.

1963 jedoch beschloss ein junger Israeli, der Chemiker Raphael Mechoulam in Tel Aviv, sich die chemische Zusammensetzung der Pflanze genauer anzusehen. Über die heilsame Wirkung von Cannabis konnte man schon einiges nachlesen. In der Deutschen Medizinischen Wochenschrift hatte 1890 der Arzt G. See einen Artikel über die wohltuende Wirkung von Cannabis bei Schwindel, Migräne, Depressionen und Magenbeschwerden veröffentlicht. Nur was genau da wirkte, wusste niemand.

NG-Video: Marihuana in der Medizin

Bereits 1805 hatte man aus Opium das Morphium und 1855 aus Kokablättern das Kokain gewonnen. Und Marihuana? „War nur eine Pflanze, ein Mischmasch unidentifizierter Verbindungen“, sagt Mechoulam heute in seinem Büro in Jerusalem. Er war damals in den Sechzigern auf einen Artikel des deutschen Pharmakologen Siegfried Walter Loewe gestoßen. Loewe hatte 1950 die schmerzhemmende und krampflösende Wirkung von Cannabis beschrieben – und erste Hinweise auf die Wirkstoffe geliefert.

Mechoulam besorgte sich bei der israelischen Polizei fünf Kilo beschlagnahmtes Haschisch aus dem Libanon. Er isolierte daraus eine Reihe von Substanzen und spritzte sie Rhesusaffen. Nur ein Extrakt löste eine erkennbare Wirkung aus. „Normalerweise sind Rhesusaffen ziemlich aggressiv“, sagt Mechoulam. Wenn er ihnen aber diese Verbindung injizierte, wurden die Affen erkennbar ruhiger.

Wie sich herausstellte, war diese Verbindung der wichtigste aktive Inhaltsstoff der Pflanze. Sie verändert den Geist, sie ist das Zeug, das einen high macht. Mechoulam ermittelte die exakte chemische Struktur dieser Verbindung, die man heute Tetrahydrocannabinol (THC) nennt. Er entdeckte auch die chemische Struktur einer weiteren Verbindung, Cannabidiol (CBD). Dieser Inhaltsstoff von Marihuana wirkt medizinisch, erzeugt aber keinen Rausch.

Seither gilt Mechoulam als Vater der Cannabisforschung. Der 84-Jährige ist Mitglied der israelischen Akademie der Wissenschaften und emeritierter Professor an der Hadassah Medical School, an der er bis heute ein Labor leitet. Er ist Autor von mehr als 400 wissenschaftlichen Veröffentlichungen, hält rund 25 Patente und hat sein ganzes Leben der Erforschung von Cannabis gewidmet. „Cannabis“, sagt er „ist eine medizinische Schatzkiste, deren Inhalt wir noch gar nicht richtig kennen.“ Obwohl er selbst nie Gras geraucht hat, ist er ein Star in der Pot-Welt und wird mit Bergen von Fanpost überschüttet.

Wenn man so will, ist der Professor an allem schuld, an all den großen gesundheits- und drogenpolitischen Diskussionen weltweit. Er grinst, wenn man ihm das in seinem Büro sagt, mit Regalen, deren Bretter sich unter Büchern biegen, und Wänden, die man vor lauter Auszeichnungsurkunden kaum mehr sieht. „Mea culpa“, antwortet er. In Israel hat er eines der ehrgeizigsten Programme für den medizinischen Einsatz von Marihuana mit aufgebaut. Mehr als 20.000 Patienten haben dort derzeit die Genehmigung, Cannabis zu konsumieren: gegen Krankheiten wie den Grünen Star (Glaukom), die Darmentzündung Morbus Crohn, Appetitlosigkeit, Tourette-Syndrom und Asthma.

Und trotzdem kämpft der Chemiker nicht dafür, Cannabis als Genussmittel freizugeben. Nein, niemand solle wegen des Besitzes eingesperrt werden, sagt er, „aber Marihuana ist kein harmloser Stoff“. Vor allem nicht für junge Menschen. Er zitiert Studien, in denen nachgewiesen wurde, dass der langfristige Gebrauch von Marihuana mit hohem THC-Gehalt die Entwicklung des Gehirns schädigen könne. Cannabis könne Panikattacken verursachen. Und bei Personen mit der genetischen Veranlagung eine Schizophrenie auslösen.

Mechoulam plädiert für die Freigabe, aber nur als Arzneimittel, das strengen Vorschriften unterliegt – und noch viel genauer erforscht werden müsse: „Die Menschen wissen noch gar nicht, was sie da eigentlich nehmen“, sagt er. „Wenn es in der Medizin akzeptiert werden soll, müssen wir seine Wirkstoffe genau kennen und auch in welchen Dosierungen welche Substanz wirkt. Was man nicht messen und zählen kann, ist keine Wissenschaft.“

Er selbst leistete 1992 einen weiteren bedeutenden Beitrag dazu. Zusammen mit einigen Kollegen isolierte er eine vom menschlichen Organismus produzierte Substanz, die im Gehirn an den gleichen Rezeptor andockt wie das Rauschmittel THC. Weil der Körper diesen Wirkstoff selbst herstellt, heißt diese Stofflasse heute Endocannabinoide, im Gegensatz zu den von außen – „exo“ – zugeführten Wirksubstanzen. Mechoulam nannte das erste entdeckte körpereigene Rauschmittel Anandamid – von dem Sanskrit-Wort für „erhabene Freude“.

Seither wurden etliche weitere Endocannabinoide entdeckt. Sie wirken ähnlich wie andere „Glückshormone“: Endorphine, Serotonin und Dopamin. Körperliche Anstrengung lässt den Endocannabinoidspiegel im Gehirn ansteigen. Das erklärt wohl auch das „Runner’s High“, wie Langstreckenläufer es kennen. Diese Verbindungen, sagt Mechoulam, spielen offenbar eine wichtige Rolle für grundlegende Körperfunktionen wie unser Gedächtnis, den Gleichgewichtssinn, die Immunabwehr und den Schutz des Nervensystems.

Wie üblich begannen Pharmaunternehmen bald, einzelne Wirkstoffe aus der Pflanze zu isolieren. Mechoulam vermutet aber, dass die Substanzen in Kombination mit anderen Inhaltsstoffen des Marihuanas oft viel besser wirken würden als allein. Der entourage effect, der „Kombinationseffekt“, bezeichnet eines der vielen Geheimnisse, die Cannabis noch birgt. „Bisher haben wir nur an der Oberfläche gekratzt“, sagt Mechoulam. Er hält kurz inne. „Ich finde es sehr schade, dass ich nicht noch einmal ein ganzes Leben dieser Pflanze widmen kann.“

Seite 1 von 4

(NG, Heft 8 / 2015, Seite(n) 36 bis 65)
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus