Markus Lanz: Die letzten Jäger

Autor: Markus Lanz  —  Bilder: Markus Lanz

Huuggaq, huuggaq, schneller, schneller.» Paulus Simigaq ist un­geduldig. Seine Hunde fliegen über das Eis. «Huugguaq, huugguaq!» Er ist nicht allein an diesem Morgen. Von allen Seiten hört man die Jäger: «Harru, harru! Links, links!» Oder: «Atsuk! Nach rechts!» Mal klingt es drohend und hart, mal scheinen sie die Hunde zu locken. Dann dringen ihre Stimmen fast liebevoll durch den Kältenebel und gehen in einen seltsamen Singsang über, so dass die Tiere in einen wilden, galoppierenden Rhythmus ver­fallen. Die Schlitten sind vier Meter lang und bis zu 400 Kilo schwer, doch die Hunde ziehen sie scheinbar mühelos über das Eis. Die Tiere sind fächerförmig angespannt, 13 an der Zahl. Der Leithund läuft als Einziger ganz vorn. Er gibt die Richtung vor. «Meine Hunde spüren, wenn ich krank bin. Dann ducken sie sich weg. Und wenn mein Leithund leidet, leide ich auch.»

Paulus steht nicht im Verdacht, ein Romantiker zu sein. Er öffnet sich nur widerwillig. Und dennoch gehen ihm diese Worte wie selbstverständlich über die Lippen, als ich mehr über die rätsel­hafte Verbindung zwischen ihm und seinen Tieren wissen will. Ich habe unzählige Male erlebt, wie intensiv sie ist. Selbst in tiefster Dunkelheit erkennt Paulus, wenn einer seiner ­Hunde lahmt oder erschöpft ist. Dann springt er vom Schlitten und löst blitzschnell den Wirrwarr aus Leinen und Knoten. Er packt das Tier und spannt es mit einem anderen zusammen, von dem er annimmt, dass es noch stark genug sein wird, dem Artgenossen zu helfen.

An diesem Tag ist Paulus glücklich, man sieht es ihm an. Auch deshalb, weil er endlich wieder ein ganzer Jäger sein kann. Hinter ihm liegt eine harte Zeit. Vor zwei Jahren hat er fast das ge­samte Gespann durch eine Krankheit verloren, ein Tier nach dem anderen. Um überhaupt noch jagen zu können, musste er fremde Hunde kaufen. Es war ein Elend, eine Plackerei! Sie verstanden ihn nicht, genauso wenig wie er sie. Die Inuit züchten immer schnellere, nervösere Hunde. Mit einem guten Gespann kann ein Jäger leicht hundert Kilometer pro Tag zurücklegen, selbst wenn der Schlitten schwer mit Robben- oder Walrossfleisch beladen ist. Aber nur, wenn Jäger und Hunde wie ein Organismus zusammenspielen. Dann ist die Summe all dieser Teile plötzlich weit mehr als ein Ganzes. Eine rasende, dampfende, vibrierende Einheit, fein aufein­ander abgestimmt und getrieben von einer unbändigen Kraft.

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(NG, Heft 9 / 2010, Seite(n) 138-149)


Extras

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