Markus Lanz: Eine Liebe im Eis

Autor: Markus Lanz  —  Bilder: Markus Lanz
Markus Lanz-Main

Seit langem zieht es den Fernsehmoderator und Autor Markus Lanz immer wieder nach Grönland. In einer Serie – Auszügen seines dem­nächst bei NATIONAL GEOGRAPHIC erscheinenden neuen Buchs –, beschreibt und fotografiert er die Lebenswelt des hohen Nordens, in der ersten Folge ein Paar mit einem ganz besonderen Namen.

Irgendwann, weit nach Mitternacht, ist Talilanguaq plötzlich wach geworden. Die Nacht erscheint ihm noch dunkler als sonst. Doch diesmal liegt es nicht an den schwe­ren Gedanken, die sich manchmal in seinen Kopf schleichen, wenn er schon zu lange hier draußen in dieser Einsamkeit ist. Diesmal ist der Generator ausgefallen, wie so oft in diesem Winter. Während er die elende Maschine mit leisen Flüchen verwünscht, greift er nach der Stirnlampe, die er stets in der Nähe des Betts ablegt, und fängt an, in seinem dicken Buch zu lesen. Wie durch einen schönen Zufall trifft der warme Schein seiner Lampe nicht nur die alten, vergilbten Seiten, sondern auch Savfak, seine Frau. Ihre hohen Wangenknochen malen lange Schatten in ihr Gesicht, und trotz des Lichts schläft sie wunderbar friedlich, fast wie ein Kind. Draußen heult der Sturm.

Der Schnee ist spät gekommen in diesem Jahr. Davor war es so mild, dass die beiden Alten wochenlang nicht mit ihrem Schlitten über den gewaltigen Fjord nach Qaanaaq fahren konnten, der einzigen nennenswerten Siedlung in dieser verlorenen Gegend. Dort kaufen sie ein: Lebensmittel, Tabak, Futter für die Hunde. Für ihre Grönland-Huskys, die sie immer wieder sicher nach Hause bringen. Nur gelegentlich weigern sie sich weiterzulaufen: ein sicheres Zeichen dafür, dass das Eis bedrohlich dünn ist. Dann schimpft Talilanguaq, aber er schlägt sie nie.

Ich beobachte die beiden aus meinem Schlaf­sack heraus. Wie sie da nebeneinander in ihrem viel zu kleinen Bett liegen, wirkt es, als klam­merten sie sich aneinander, um nicht herauszufallen. Es gibt in dem engen Raum noch ein weiteres Lager, genau gegenüber. Wie das klapp­rige Gestell an der Wand lehnt, ist unklar, ob es eher das Bett ist, das die Wand hält, oder umgekehrt. Diese Hütte würde jeden deutschen Statiker in den Wahnsinn treiben. Ich hielt die paar Meter zwischen den beiden Betten zu­nächst für einen kleinen Sicherheitsabstand: 40 Jahre Ehe, da braucht man das vielleicht. Doch auf Nachfrage stellte sich das zweite Lager als Schlafstätte für Gäste heraus. Die beiden Alten schlafen seit vier Jahrzehnten gemeinsam in ih­rem weniger als einen Meter breiten Bett.

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(NG, Heft 7 / 2010)

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