Marokko - Und plötzlich wieder Licht

Autor: Lisa Srikiow  —  Quelle: portraid.org  —  Bilder: Ilyas Triba, Thomas Rusch

Video: Grauer Star ist ein großes Problem für die Handwerker Marokkos. Früher oder später sind sie nicht mehr in der Lage zu arbeiten und ihre Familien zu ernähren.

Zusammenfassung: Gesundheit ist in Marokko ein Luxusgut: Viele Handwerker leiden hier am grauen Star, eine Operation ist für sie jedoch unbezahlbar. Ihre Existenzgrundlage ist bedroht – ein Augenarzt bringt jetzt neue Hoffnung. Abderrahman Raiss ist Augenchirurg aus Casablanca. Er reist durch ganz Marokko und untersucht Menschen mit Augenproblemen. Wer am grauen Star leidet, bekommt einen Stempel in seine Krankenakte und wird operiert – auch wenn er kein Geld hat. Der Eingriff selbst dauert nur zwanzig Minuten – oftmals verändert er für die Patienten aber alles.

Amina Jarah hofft auf einen Stempel. Ein Stempel heißt „Operation“. Ein Stempel bedeutet für sie, wieder richtig sehen zu können. Denn das Augenlicht der Marokkanerin wird seit zwei Jahren immer schlechter. Das ist fatal, schließlich verdient die 52-Jährige ihren Lebensunterhalt als Schneiderin.

Amina Jarah gehört zu den etwa 20 Millionen Menschen weltweit, die am grauen Star leiden. Die Krankheit, auch Katarakt genannt, ist die Hauptursache für Blindheit. Gerade in ärmeren Ländern ist der graue Star weitverbreitet – nicht nur als bloße Alterserscheinung. Aufgrund von Mangelernährung und starker Sonneneinstrahlung erkranken hier auch viele Jüngere.

Für Handwerker wie Amina Jarah sind auch die schlechten Arbeitsbedingungen ein Problem. Ihre Augen leiden, über Jahrzehnte. In der Altstadt von Marrakesch, der Medina, reiht sich eine Werkstatt an die nächste, es wird gehämmert, gesägt oder genäht. Staub liegt in der Luft, im Gerberviertel der Stadt lässt sich der Gestank kaum ertragen. Hier arbeiten die Menschen unter einfachsten Bedingungen, meist ohne Handschuhe oder Schutzbrillen, oft in dunklen Räumen ohne Fenster.

Und zugleich müssen die Handwerker bis ins hohe Alter schuften, es gibt kein funktionierendes Rentensystem in Marokko. Durch den grauen Star verlieren sie somit nicht nur ihr Augenlicht, sondern ihre Existenzgrundlage. Die notwendige Operation kostet mehrere Hundert Euro, in Europa wäre es ein Standardeingriff. Für Menschen wie Amina Jarah ist er unerschwinglich.

Ihr Nähzimmer ist klein und schlecht beleuchtet, nur durch zwei kleine Fensterchen dringt Licht hinein. Es riecht nach Putzmitteln und marokkanischem Minztee. In der Ecke steht eine alte Singer-Nähmaschine. Von ihrer Arbeit muss Amina Jarah nicht nur sich, sondern auch ihre alte Mutter und ihre 14-jährige Tochter ernähren. Ihr Mann hat die Familie verlassen. „Wir führen ein einfaches Leben und brauchen nicht viel“, sagt sie. „Aber ich will die Schule für meine Tochter bezahlen, damit sie es später besser hat.“

Ein Stempel würde bedeuten, dass Amina Jarah bald wieder richtig sehen kann. Der Mann, der sie verteilt, heißt Abderrahman Raiss. Der Augenchirurg aus Casablanca reist durch ganz Marokko und untersucht Menschen mit Augenproblemen. Wer am grauen Star leidet, bekommt einen Stempel in seine Krankenakte und wird einige Wochen später operiert – auch wenn er kein Geld hat. Denn Raiss hat es sich zum Ziel gemacht, so viele Menschen wie möglich zu versorgen – auch wenn sie ihn nicht bezahlen können.

„Laut der Weltgesundheitsorganisation müssten wir in Marokko jährlich 90000 Operationen durchführen, um alle zu behandeln, die am grauen Star erkrankt sind. Doch davon schaffen wir derzeit nur etwas mehr als die Hälfte“, sagt Abderrahman Raiss. „Es ist meine Pflicht als Arzt, so vielen Patienten wie möglich zu helfen.“ Also fährt der 49-Jährige drei- bis viermal im Jahr durch Marokko, sowohl für die Voruntersuchungen als auch für die Operationen. „Diese Touren sind notwendig, denn es gibt immer noch entlegene Dörfer ohne ausreichende gesundheitliche Versorgung“, sagt er.

An diesem Samstag sind Abderrahman Raiss und sein Team nach Marrakesch gekommen, um den Handwerkern der Stadt zu helfen. Sie werden jeden untersuchen, der Beschwerden an den Augen hat. Dann entscheidet sich, wer ein geeigneter Kandidat für eine OP ist und einen Stempel bekommt. Seine Krankenschwestern haben die Ausrüstung – zwei Mikroskope zur Augenuntersuchung, ein Biometrie-Gerät zur Vermessung der Dioptrien sowie diverse Medikamente – in die Altstadt Marrakeschs gebracht, wo sie von Maha Elmadi empfangen wurden.

Die 40-Jährige leitet die Stiftung Dar Bellarj und arbeitet mit Handwerkern und Schülern in gemeinnützigen Projekten zusammen. Maha Elmadi ist gut in Marrakesch vernetzt, die Leute vertrauen ihr. In den vergangenen Monaten ist Elmadi oft durch die Medina gezogen, um die Menschen, aber auch die örtlichen Gesundheitsbehörden über die Voruntersuchung zu informieren. So viele Handwerker wie möglich sollten von dieser Chance erfahren. Auch wer nicht am grauen Star leidet, kann die Gelegenheit nutzen, sich kostenlos untersuchen zu lassen oder Medikamente zu bekommen.

Maha Elmadi und Abderrahman Raiss investieren viel Zeit und Expertise, doch sie sind auf zusätzliches Geld angewiesen. Denn die Medikamente, das OP-Material sowie die künstlichen Linsen sind teuer. Hilfe bekommen sie dabei von der Abury Foundation mit Sitz in Berlin. Die Stiftung setzt sich seit fünf Jahren für den Erhalt des marokkanischen Kunsthandwerks ein, das bedroht ist, weil gerade junge Menschen in den alten Berufen keine Zukunft mehr sehen. Sie verdienen dort zu wenig.

Der Nachwuchsmangel könnte zu einer anderen Form der Armut führen, einer kulturellen, fürchtet Maha Elmadi: „Diese Handwerker sind der ganze Reichtum Marokkos, ihre Produkte erzählen einzigartige Geschichten.“ Sie zeigt auf ihren schwarzen, kunstvoll bestickten Umhang. „Wenn ich damit in Europa unterwegs bin, werde ich gleich als Marokkanerin erkannt. Das Handwerk ist Teil unserer Identität.“

Amina Jarah ist die Einzige in ihrer Familie, die noch auf traditionelle Weise weben kann, gelernt hat sie es von ihrem Vater. „Früher habe ich mit meinen Brüdern darum gewetteifert, wer am meisten weben kann“, sagt sie. „Doch mittlerweile haben meine Geschwister alles vergessen.“

Die kleine rundliche Frau hat sich auf den Weg zur Stiftung Dar Bellarj gemacht, wo die Voruntersuchungen stattfinden. Sie trägt ein beigefarbenes Kopftuch und ein dunkles Kleid, etwas nervös knetet sie ihre Hände. Amina Jarah hofft, dass sie für die Operation infrage kommt. Noch ist nicht viel los. Etwa 50 Männer und Frauen haben sich im Innenhof des Gebäudes versammelt oder nehmen auf den Klappstühlen Platz. Die meisten sind zwischen 50 und 70 Jahre alt. Doch auch jüngere Handwerker sind gekommen, sogar einige Kinder.

In einem Nebenraum der Stiftung hat das Ärzteteam einen improvisierten Untersuchungsraum aufgebaut. In den kommenden Stunden werden Abderrahman Raiss und seine Kollegen Dutzende Menschen untersuchen, sie bitten, ihr Kinn in die Stütze vor dem Optiker-Mikroskop zu legen, sie werden immer wieder dieselben Fragen stellen, auch an Amina Jarah.

„Haben Sie noch andere Beschwerden außer an Ihren Augen?“

„Nein, sonst bin ich gesund.“

„Auf welchem Auge haben Sie Probleme?“

„Auf beiden Augen. Ich sehe wie durch einen Schleier.“

Auch Ahmed Dourabis Sicht ist getrübt, sein rechtes Auge ist vom grauen Star befallen. Der 65-jährige Schreiner wohnt mitten in der Medina, sein Heim teilt er mit seinen Geschwistern und Schwägerinnen, insgesamt sind sie zu acht. Die Küche ist in den Gang gezwängt, der Herd steht draußen auf dem Innenhof unter einem Vordach. „Wir haben nicht viel, aber ich bin froh, dass ich noch mein eigenes Geld verdienen kann. Ich bin sehr gern Schreiner“, sagt Ahmed Dourabi. Er betreibt eine Werkstatt in der Nähe seiner Wohnung. Auch sie ist klein und dunkel, ein Lüftungssystem oder Fenster gibt es nicht. Hier baut er Türen, Rahmen und Möbel. Das Handwerk hat er von seinem Onkel gelernt. Und er will weiter arbeiten. Doktor Raiss hat bereits sein linkes Auge erfolgreich operiert, und den Moment, als der Arzt ihm den Verband abnahm, wird Dourabi nicht vergessen. „Es war unglaublich, wieder richtig sehen zu können! Ich habe mich gefühlt, als wäre ich wieder 20 Jahre alt“, erzählt er und strahlt.

Fotostrecke: Und plötzlich wieder Licht

Der Eingriff selbst dauert nicht länger als 20 Minuten. Mit einer kleinen Schablone markiert Abderrahman Raiss drei Stellen, rechts, links und unterhalb der Iris. Dort ritzt er mit einem kleinen Skalpell die Hornhaut ein. Dann folge der schwierigste Teil: „Ich muss die Linse in vier Teile schneiden. Erst dann kann ich sie absaugen und durch ein Implantat ersetzen“, sagt Raiss. Schon am folgenden Tag kann der Augenarzt den Patienten den Verband abnehmen und sie nach Hause entlassen – sehend.

Ohne Hilfe hätte sich Ahmed Dourabi die wichtige Operation nicht leisten können. Dabei gilt Marokko nicht als Entwicklungsland. Doch laut der Weltbank wird die Kluft zwischen Arm und Reich größer. Über sechs Millionen Menschen leben unterhalb oder nur knapp über der Armutsgrenze. Gesundheit ist ein Luxusgut.

Es ist später Nachmittag, mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass im Dar Bellarj ein Ärzteteam die Menschen kostenlos untersucht. Die Helfer von Maha Elmadi kommen kaum noch damit nach, Anmeldebögen zu reichen – so viele Menschen sind gekommen.

Am Abend wird Doktor Raiss 89 Stempel verteilt haben, auch an Amina Jarah und Ahmed Dourabi. Bei ihnen allen hat Raiss den grauen Star diagnostiziert, im Juni wird er operieren. Es werden anstrengende Tage werden. „Ich operiere gern und bin mit ganzem Herzen Chirurg“, sagt Abderrahman Raiss. „Und am schönsten ist dieser Augenblick, der Moment, wenn wir die Verbände abnehmen und die Menschen auf einmal wieder sehen.“

Sie möchten helfen? Alle Bilder finden Sie auf portraid.org und facebook.com/portraid. Dort können Sie die Porträts auch erwerben. Darüber hinaus sind sie vom 27. März bis zum 13. April in der Botschaft des Königreichs Marokko in Berlin zu sehen. Die Ausstellung ist werktags von 10 bis 16 Uhr geöffnet, NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND ist Medienpartner.

Video: PORTRAID - Die Dokumentation



(NG, Heft 4 / 2015, Seite(n) 66 bis 73)
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