Megabauten: Monumente für die Ewigkeit

Autor: Susanne Gaschke  —  Bilder: Colourbox
One World Trade Center-Main

Zusammenfassung: Die Cheops-Pyramide in Ägypten , der Kölner Dom, das Tadsch Mahal in Indien – schon immer schufen Menschen auf der ganzen Welt architektonische Wunder. Susanne Gaschke beschäftigt sich mit der Frage, was Städteplaner und politische Entscheidungsträger an Großbauprojekten fasziniert, welchen Stellenwert sie für das Selbstverständnis einer Gesellschaft haben und warum solche Unternehmungen gerade in Europa immer kritischer wahrgenommen werden.

Es ist einer dieser Tage, wie sie hier oft vorkommen. Nebel wabert über der Elbe. Auf der Großbaustelle in der Hambur­ger Hafencity ragen die Schwenkarme riesiger Kräne über der geschwungenen Silhouette der Elbphilharmonie auf. Ein Gletscher, ein Eiskristall, der Palast der Schneekönigin?

Spötter mögen bei der wellenförmigen Dachkonstruktion an die steile Kurve der Kostenent­wicklung denken. Hamburgs Prestigeobjekt ist zu einem der zehn teuersten Hochhäuser der Welt geworden. Die öffentlich bekannten Bau­kosten haben sich seit 2006 fast verfünffacht: von den in der Machbarkeitsstudie veranschlag­ten 182 auf 865 Millionen Euro. Von der ersten Projektskizze bis heute sind zwölf Jahre vergan­gen, immer wieder wurde der Fertigstellungs­termin verschoben.

Auf dem ehemaligen Kaispeicher A, einem kompromisslosen norddeutschen Ziegelbau, schwingt sich die wilde Fantasie des Schweizer Architekturbüros Herzog & de Meuron 110 Me­ter in die Höhe und gipfelt in einem Dach, das mit 6.000 runden Pailletten besetzt ist, 8.000 Tonnen wiegt und trotz dieses Gewichts zu wo­gen scheint, wie die Elbe es glücklicherweise nur bei Sturmflut tut. Einzelne Sonnenstrahlen brechen jetzt durch den Nebel. Sie lassen die Glasfassade aus mehr als tausend gebogenen Fensterscheiben funkeln wie eine hie und da beschienene Wasseroberfläche.

Im Innern des Prachtbaus mit der konflikt­ reichen Geschichte setzt sich das Motiv der Welle, des Funkeln und Schimmerns bewegten Wassers fort: Eine 80 Meter lange Rolltreppe führt in kühner Krümmung hinauf in ein Foyer, dessen Panoramaausblick über Stadt und Hafen der Besucher an ihrem Fuße noch nicht einmal erahnen kann. Auch hier schillern Pailletten an den Wänden. Die sogenannte Plaza wird später für alle zugänglich sein, ein öffentlicher Raum: Jeder soll hier sitzen können, vielleicht einen Kaffee trinken und sich gehoben fühlen durch Aussicht und Überblick. Wie es ja auch erklärtes Ziel der Stadt Hamburg ist, die Veranstaltungen und Konzerte in der Elbphilharmonie für jeden erschwinglich zu machen.

Über die Baustelle schreitet der Architekt Ascan Mergenthaler, als Senior Partner bei Herzog & de Meuron verantwortlich für das gigantisch komplizierte Hamburger Projekt. Er passiert eine Sicherheitsschleuse. Drinnen herrscht das Gewusel, das man bei der Errich­tung eines Monumentalbaus erwarten würde: Hunderte von Arbeitern sind damit beschäftigt, Gerüste abzubauen, Stahlseile zu spannen, Lei­tungen zu verlegen und die sogenannte „weiße Haut“ im Konzertsaal zu montieren. Sie besteht aus 10.000 grob gefrästen Gipsplatten, die fast wie handgeschnitzt aussehen und eine optimale Akustik garantieren sollen. Noch aber hallt der riesige Raum wider von Hammerschlägen, dem nervenzerfetzenden Dröhnen von Bohrmaschinen, dem Klirren von zu Boden fallenden Metallteilen. Zwischen den Innengerüsten atem- raubende Blicke in die Tiefe; in einer Ecke dudelt Popmusik aus einem Radio, gegenüber hängen Pin-up-Poster an einem Holzverschlag. Das Leben auf einer Großbaustelle ist immer ein bisschen rau, ein bisschen gefährlich. Das war nicht anders, als sie über Jahrhunderte den Kölner Dom errichteten, den Turm von Babel oder die Pyramiden.


NG-Video: So entstand der Florentiner Dom

Was hier in Hamburg entsteht, ist vielleicht kein architektonisches Weltwunder, aber doch etwas Herausragendes. Der Große Konzertsaal in 60 Meter Höhe über dem Hafenwasser ist ein ingenieurtechnischer Geniestreich. Oben im Gebäudekomplex entstehen auch – unglaublich teure – Wohnungen und Hotelzimmer; damit diese nicht durch musikalische Darbietungen mitbeschallt werden, ist die 12.500 Tonnen schwere Konzertsaalkugel mit ihren 2.100 Sitzplätzen frei aufgehängt. 362 Federpakete halten sie an ihrem Platz und gleichen die Schwingungen aus. Das Eröffnungskonzert ist für den 11. Januar 2017 geplant.

Vorausgegangen ist diesem ersehnten Termin eine unendliche Geschichte von Baustillstand, Streit zwischen den Verantwortlichen, Kompetenzwirrwarr, medialer Skandalisierung, politischer Schuldzuweisung und allgemeiner Empörung. Das ist nicht weiter überraschend. Die politischen Entscheidungsprozesse in Deutschland hängen eng an den Legislaturperioden; für einen Politiker hat es daher nur begrenzten Nutzen, in langfristigen Zusammenhängen zu denken.

Außerdem hat sich die Bundesrepublik nach dem mörderischen Größenwahnsinn des Dritten Reichs eine Bescheidenheit und Zurückhaltung auferlegt, der jede Art von Muskelspiel suspekt ist. Vielleicht aber kann die Elbphilharmonie mit der Zeit ein Symbol dafür werden, wie selbst mühsame demokratische Aushandlungsprozesse mit all ihren Irr- und Umwegen etwas Schönes und Dauerhaftes schaffen – um den Preis großer Geduld und großer Summen Geld.

„Städte brauchen heute mehr als je zuvor ein Wahrzeichen. Sie brauchen Wow!-Gebäude, und die sollten auf der Höhe ihrer Zeit sein.“

Aber wer braucht so einen Bau? Gibt es in Hamburg nicht genug Konzertsäle und Theater? Wären mehr Lehrer an den Schulen und bessere Deutschkurse für Flüchtlinge nicht wichtigere Themen, derer sich eine großstädtische Politik annehmen müsste?

Wer so fragt, stellt auch die Pyramiden von Giseh infrage, den Parthenon in Athen, das Kolosseum in Rom oder das Tadsch Mahal in Indien. Der Kölner Dom, die Chinesische Mauer, das Empire State Building, die Oper in Sydney, der überkuppelte Reichstag in Berlin: Menschen bauen seit je Monumente, weil sie es können, nicht weil sie sie brauchen.

„Architektur ist Sprache“, sagt Adrian von Buttlar, ein emeritierter Professor für Kunstgeschichte an der Technischen Universität Berlin: „Ob es die mittelalterlichen Kathedralen waren, die auf die Existenz des Jenseitigen verwiesen; die utopischen Städte der Renaissance; der bedrohliche Ewigkeitsanspruch der Nationalsozialisten, die hofften, dass selbst die Ruinen ihrer Bauwerke noch in tausend Jahren von ihrer Größe künden würden; oder auch die Vorzeigebauten der Nachkriegsmoderne im geteilten Berlin, wo Ost und West mit ihren Bauwerken um die Überlegenheit von Demokratie oder Kommunismus wetteiferten: Immer ging es um mehr als um bloße Funktionsbauten wie Büros, Wohnhäuser, Gebetsräume, Grabstätten.“

Man könnte sagen: Immer ging es um den Versuch, den Nachgeborenen etwas über das Selbstbild eines Herrschers oder einer Gesellschaft zu erzählen, über politische und philosophische Ideen und Werte einer Zeit. Und über Träume.

Das hat sich bis heute nicht geändert. Ohne diesen Anspruch der Architekten, Stadtplaner und politisch Verantwortlichen wäre alles nur Markt. Eine fantasielose Investorenarchitektur, die nur auf höchste Quadratmeterpreise setzt, würde ein trauriges Bild unserer Gesellschaft hinterlassen. Sie würde von intellektueller Ermattung und Verzagtheit künden.

Verändert hat sich, verglichen mit Bronzezeit, Antike und Mittelalter, dass die Menschen heute in ganz anderer Weise miteinander verbunden sind: durch weltweiten Handel, durch billige Flugreisen, durchs Internet. Jeder kann selbst schauen und entscheiden, wovon er sich verzaubern lassen will. Im Zeitalter der Globalisierung konkurrieren Orte auf der ganzen Welt um Aufmerksamkeit und um Touristen. „Städte brauchen deshalb heute mehr als je zuvor ein Wahrzeichen“, sagt Hans-Dieter Nägelke, Leiter des Architekturmuseums der TU Berlin: „Sie brauchen Wow!- Gebäude, und die sollen auf der Höhe ihrer Zeit sein.“

So sind Megabauten wie die künstlichen Palm Islands und die Hoteltürme von Dubai zu verstehen, die gigantischen Wolkenkratzer Taiwans oder die 310 Meter hohe Shard in London. Und so interpretiert Nägelke auch das Projekt Elbphilharmonie: „Das ist sozusagen die Krönung der Hinwendung zum Hafen“, sagt er. „Das Bild von Hamburg könnten Sie niemals auf der grünen Wiese neu entwerfen. Die Hafencity mit der Elbphilharmonie greift Hamburgs alten Anspruch, Tor zur Welt zu sein, auf und bekräftigt ihn. Sie verbindet die wirtschaftliche Nutzung des Wassers – den Hafen – mit Hochkultur für alle.“

Dass Megaprojekte Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte auf ihre Vollendung warten, hat eine lange Tradition; schon immer gab es Kostenexplosionen, verlorene Baupläne, Kriege und andere unvorhergesehene Ereignisse, die die Konstrukteure aufhielten.

Es sei in jedem Fall hilfreich, das Thema Großprojekte aus dieser weiten historischen Perspektive zu betrachten. Das mache deutlich, welche Verantwortung und welchen Mut Entscheider immer schon aufbringen mussten, um außergewöhnliche Vorhaben anzugehen. Mit diesem Argument tröstet Martin Bork von PricewaterhouseCoopers seine Kunden. Der Managementberater und seine Kollegen gehören zu den renommiertesten Spezialisten für Großprojekte in Europa; in Deutschland kennt Bork alle aktuellen Megabauten aus der Nähe. Er beobachte, dass es immer schwerer werde, Politiker und Unternehmer zu finden, die eine so gewaltige Verantwortung übernehmen wollen, sagt er. Denn der Imageschaden, wenn es zu politischen Querelen kommt, ist immens.

„Vielleicht muss sich die Demokratie selbst überlisten, um gewaltig bauen zu können. Welcher Wähler stimmt schon für ein Milliardenprojekt?“

Pannen ereignen sich heute unter den Augen einer Öffentlichkeit, die manchmal dazu neigt, den Skandal zu suchen, wo sie ihn nur finden kann. Und wenn der Staat Bauherr ist, muss in der Demokratie ja auch darüber diskutiert werden, ob Steuergelder vernünftig verbaut, durch Korruption aufgesogen oder zum Fenster hinausgeworfen werden.

Eva Cancik-Kirschbaum, Professorin für Altorientalistik an der Freien Universität Berlin, sitzt in der gemütlichen Dahlemer Villa, die ihr Institut bisher beherbergt hat, mitten im Umzugschaos. Bald geht es in einen neuen Großbau, in dem 24 Institutsbibliotheken der FU untergebracht werden. Obwohl Cancik-Kirschbaum über XXL-Bauwerke forscht, hätte ihr persönlich der etwas intimere Maßstab der alten Räumlichkeiten gereicht.

„Wir wissen nicht viel darüber, was normale Menschen über die Monumentalbauten zum Beispiel in Ägypten oder Babylon dachten“, sagt sie. Aber natürlich habe sich die öffentliche Meinung nach ganz anderen Prinzipien gebildet und auch geäußert als heute. Was der Herrscher wollte, war göttliches Gesetz, daran gab es keine Medienkritik, und darüber gab es keinen Meinungsstreit. „Vielleicht ist das wirkliche ‚Monument‘ in der Demokratie deshalb gar kein Bauwerk. Vielleicht ist es die Beteiligung aller in der Gesellschaft, das Wahlrecht, vielleicht wird das unser ‚Denk-Mal‘ sein.“

Und gerade weil alle mitreden dürften, müsse sich die Demokratie vielleicht selbst überlisten, um heute noch gewaltig bauen zu können: Denn welche Mehrheit hätte, bitte schön, von Anfang an für ein Fast-Milliarden-Projekt Elbphilharmonie gestimmt?

Cancik-Kirschbaum tummelt sich auf einer ganz besonderen Großbaustelle der Antike: Ihr Spezialgebiet ist der Turmbau zu Babel. Und wenn sie spricht, dann meint man dieses Wow!- und Weltwundergebäude am Euphrat in die Höhe wachsen zu sehen. Heute wüten dort – im Herzen eines uralten Kulturraums – die Barbaren der IS-Milizen und zerstören die Überreste vieler Zivilisationen, unersetzliches Kulturgut, das Tausende Jahre überdauert hatte.

Der neubabylonische König Nebukadnezar II. (604 bis 562 v. Chr.) war es, der den Bau der Stufenpyramide vorantrieb. Dem biblischen Mythos zufolge war es eine gigantische Konstruktion, errichtet auf einer Grundfläche von 90 mal 90 Metern, aus mehr als 65 Millionen Lehmziegeln, die zu Backsteinen gebrannt und aufeinandergeschichtet wurden, sieben oder acht Plateaus hoch, außen mit kostbaren bunten Glasuren überzogen. Das kühne Projekt wird in der Bibel beschrieben als Versuch, Gott gleichzukommen. Diesen Hochmut bestrafte der Allmächtige damit, dass er die Sprachverwirrung unter die Menschen brachte. Plötzlich verstanden die Baumeister einander nicht mehr, und der Turm blieb unvollendet.

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(NG, Heft 6 / 2015, Seite(n) 88 bis 109 )

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