Meine Reise zum tiefsten Punkt der Erde

Autor: James Cameron  —  Bilder: Mark Thiessen

Jahrelang hatte er davon geträumt, auf den Boden des Marianengrabens zu tauchen, zum tiefsten Punkt der Erde . Eigens dafür entwarf der Entdecker und Filmemacher James Cameron das futuristische Unterwasserfahrzeug „DeepSea Challenger“. Sieben Jahre dauerten Planung, Konstruktion und Erprobung. Schließlich war nur noch eine Frage offen: Würde das Fahrzeug dem gewaltigen Druck in 11000 Metern Tiefe standhalten? Cameron hatte nur eine Möglichkeit, das herauszufinden: Er musste hinab.

6. MÄRZ 2012, 5:15 UHR 11° 22’ NORD, 142° 35’ OST (WESTPAZIFIK, WESTSÜDWEST VON GUAM)
Es ist die Stunde vor der Morgendämmerung, das Meer ist pechschwarz. Mein Tauchboot „DeepSea Challenger“ hebt und senkt sich mit den Pazifikwellen, die über mich hinwegrollen. Wir sind alle seit Mitternacht auf den Beinen. Nach ein paar Stunden unruhigen Schlafs hatten wir begonnen, alles für den Tauchgang vorzubereiten und zu überprüfen. Die ganze Mannschaft steht unter Adrenalin. So schlecht war das Wetter bei früheren Testfahrten auf dieser Expedition noch nie. Über meine Außenkameras sehe ich zwei Taucher vor meinem winzigen Cockpit. Sie werden wie Korken herumgeschleudert, während sie sich bemühen, das Tauchboot für den Abstieg zu präparieren.

Mein Steuerstand ist eine Stahlkugel mit 109 Zentimetern Durchmesser. Ich sitze darin wie ein Walnusskern in der Schale: Die Knie angezogen, mein Kopf durch die Rundung der Außenwand abwärts gedrückt. In dieser Position muss ich die nächsten acht Stunden verharren. Meine nackten Füße ruhen auf der 180 Kilo schweren Luke, die von außen verriegelt wurde. Ich bin beinahe bis zur Bewegungslosigkeit eingekeilt. Die Leute fragen mich oft, ob ich in dem Tauchboot keine klaustrophobischen Anfälle bekomme. Doch ich fühle mich bequem eingekuschelt. Vier Monitore füllen mein Gesichtsfeld aus. Drei zeigen Bilder der Außenkameras, der vierte ist ein Touchscreen, über den ich die Instrumente bediene.

Das neongrün gestrichene Tauchboot hängt senkrecht in den Wellen wie ein Torpedo, der zum Erdmittelpunkt zielt. Ich drehe die 3­D­ Kamera am Ende ihres 1,80 Meter langen Auslegers so, dass sie an der Außenseite der „DeepSea Challenger“ aufwärtsschaut. Die Taucher nehmen ihre Positionen ein, um den luftgefüllten Sack zu lösen, der das Fahrzeug noch an der Oberfläche hält.

Jahrelang habe ich mir diesen Augenblick vorgestellt, und ich will nicht behaupten, dass ich in den letzten Wochen nicht manchmal Angst gehabt hätte, wenn ich daran dachte, was alles schiefgehen könnte. Aber jetzt bin ich ruhig. Das Tauchboot umhüllt mich, ich bin ein Teil von ihm, es ist ein Teil von mir, eine Erweiterung meiner Ideen und Träume. Als Mitkonstrukteur bin ich mit all seinen Funktionen und Eigenarten bestens vertraut. Nach der wochenlangen Pilotenausbildung kann ich alle Steuerelemente und Schalter bedienen, ohne darüber nachzudenken. Jetzt ist in mir keine Furcht mehr, sondern nur noch die Entschlossenheit, das zu tun, wofür ich hier bin. Und eine kindliche Freude auf alles, was vor mir liegt.

Also los. Ich hole tief Luft und drücke auf die Mikrofontaste. «Okay, fertig zum Abstieg. Leinen los, Leinen los, Leinen los!»

Einer der beiden Taucher zieht an einer Schnur und löst den Schwimmer. Das Tauchboot sinkt wie ein Stein. Schon nach wenigen Sekunden sind die Taucher nur noch winzige Gestalten weit oben an der wogenden Oberfläche. Sie verschwinden und verblassen, dann herrscht nur noch Dunkelheit. Ein Blick auf die Instrumente: Ich sinke mit rund 150 Metern pro Minute. Ein Leben lang habe ich davon ge- träumt, aber nun, nach sieben Jahren Entwicklungsarbeit und anstrengenden Monaten des Baus, nach einer stress- und emotionsreichen Reise bin ich auf dem Weg zum Challengertief, der tiefsten Stelle in den Ozeanen der Erde.

Im Video spricht James Cameron über die Entdeckungen am Meeresboden:


Sehen Sie Cameron kurz nach seinem Rekordtauchgang:


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(NG, Heft 6 / 2013, Seite(n) 60 bis 74)

Am 15. April 1912 sank die „Titanic“, das größte Schiff seiner Zeit. Jetzt, 100 Jahre später, erlauben uns neue Techniken erstmals einen vollständigen Blick auf das Wrack - mit spektakulären Bildern aus der Tiefsee und einem Exklusiv-Video über James Cameron, wie er das Wrack erforscht. mehr...

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