Mongolische Momente

Autor: Markus Lanz  —  Bilder: Markus Lanz
Rachmid mit Adler-Main

Ich fuhr hoch und starrte in die Dunkelheit. Was hatte mich so jäh aus dem Schlaf geholt? Am Bettende erahnte ich die Umrisse eines Mannes. Er hielt seine rechte Hand hoch, in der etwas Längliches baumelte. Der merkwürdige Gegenstand pendelte hin und her und berührte fast mein Gesicht. Im selben Augenblick stieg ein fauliger Geruch nach Verwesung in meine Nase. Es schien etwas Haariges zu sein. Aber was?

Die Nacht war kalt und klar. Minus 35 Grad vielleicht. Kurz vor Mitternacht hatte Rosa noch einmal getrockneten Kuhdung in den alten, gusseisernen Ofen geworfen. Doch dann war das Feuer ausgegangen, und der Reif hatte sich Zentimeter um Zentimeter der kargen Behausung geholt. Hatte sich wie eine eisige Decke über den Tisch, die Stühle und die schlafenden Menschen gelegt. Doch sie hatten sich vorbereitet, den älteren Sohn zum Großvater unter die Felle gesteckt, die Tochter zur Mutter, den Jüngsten zum Vater. So machten sie es immer, wenn die Nächte besonders kalt waren: Jeder Erwachsene wärmte ein Kind. Wenn sie morgens aufwachten und die ersten Sonnenstrahlen durch die schmalen Fenster blinzelten, dauerte es noch mehr als zwei Stunden, bis die Eisblumen an den Scheiben kleiner wurden und schließlich schmolzen.

Es waren meine letzten Stunden in der engen Hütte. Ich dachte an zu Hause. Bald würde Weihnachten sein. Ich dachte an die vielen Lichter in den Straßen, an das, was sie versprachen: Ruhe, Frieden, Innehalten für einen kurzen Moment. Es würde auch in diesem Jahr nur wenige Tage dauern, bis die Illusion platzt. Weil sich Ruhe und Frieden und das Innehalten mit unserer Art zu leben nur schwer vertragen. Und ich fragte mich, ob es das, wonach ich mich sehnte, überhaupt noch gab: ein Leben, das mehr Zustand war als hektisches Treiben.

Endlich Freiheit atmen

Der mongolische Schriftsteller Galsan Tschinag hat einmal beschrieben, wie es ihm ergeht, wenn er Europa besucht: «Ich versuche zu denken, aber ich komme niemals bis zum Ende. Da muss ich zurück in die Steppe, mich auf die Erde setzen, am besten auf der Erde liegen, den Himmel über mir sehen und diese große Ruhe um mich herum auf mich wirken lassen. Dann komme ich vielleicht zu einem Ende.»

Galsan Tschinags Heimat ist der äußerste Westen der Mongolei, der Hochaltai. Damit meint er «fünf große Flüsse und die Flusstäler und die hohen Berge, das sind 33 Schneegipfel. Dann noch sehr, sehr viele schneelose Berge und die Steppen; und dazwischen drei große Seen, die wir alle Meere nennen». Wer diese karge Bergwelt betritt, atmet Freiheit, er kann gar nicht anders, denn sie ist von grandioser Weite und Schönheit – immer noch. Der Altai ist die Heimat der Berkutschi, einer kasachischen Minderheit unter den Nomaden, die eine jahrhundertealte Tradition pflegen: die Jagd mit Adlern.

Ein weiter Weg von Berlin-Tegel bis in das eisige Steinhaus der Adlerjäger am Ende der Welt. Ich war über Moskau nach Ulan-Bator geflogen. Hatte stundenlang in der Blechlawine gestanden, die sich vom Flughafen Dschingis Khan ins Zentrum quält. War vorbeigekommen an dem stinkenden Kohlekraftwerk, das die Luft so sehr verschmutzt, dass sie bereits mit dem ersten Atemzug in den Bronchien brennt. Hatte die traditionellen weißen Jurten der Nomaden im Schatten moderner Hochhäuser gesehen, längst nicht mehr weiß, sondern überzogen vom tristen Grau.

Ich hatte gespürt, dass diese einfachen Zelte Not und Verheißung zugleich waren. Wenn es darauf ankam, brauchten die Nomaden nur wenige Stunden, um ihr Zelt abzubauen und kurze Zeit später wieder dort zu sein, wo es kein Grau mehr gab, sondern nur noch Farben, genau drei, aus denen ihre Welt besteht: das satte Grün der Steppe, das tiefe Blau des Himmels und dazwischen das Weiß der großen Schafherden.

Und ich hatte ein Gefühl dafür bekommen, was der mongolische Historiker Baabar meint, wenn er über die Nomaden, die ihr Glück in der Hauptstadt suchen, sagt: «Diese Leute tun, was sie wollen und wann sie es wollen. Schauen Sie nur, wie sie die Straße überqueren. Nie kämen sie darauf, auf andere Leute oder sich nähernde Autos Rücksicht zu nehmen.»

Die Umwelt und Flüsse der Mongolei sind durch den starken Goldabbau stark verschmutz. Sehen sie hier ein Video über die neuste Entwicklung:


Heimat – das ist Erde, Wasser und die Luft darüber

Noch einmal fliegen, mehr als 2.000 Kilometer, von Ulan-Bator nach Ölgii, tief im Westen, eingekeilt zwischen Russland, China und Kasachstan und dennoch isoliert, weil die Berge des Altai, die einst eine kaum überwindbare Barriere waren, zu einer schützenden Wagenburg für uraltes nomadisches Leben geworden sind. Nach der Landung: fahren, rumpeln, schlittern, stundenlang, durch eine tiefgefrorene Landschaft, über steile Pässe und teilweise vereiste Flüsse, die an manchen Stellen dampfen, weil die Luft so kalt ist. Kein Baum, kaum ein Strauch, nur ein paar Grashalme: Wie können Menschen, Tiere in so viel Unwirtlichkeit überleben, wenn es nicht einmal die Pflanzen schaffen?

Wir wurden bereits erwartet. «Ich heiße Rachmid.» Der Alte glaubte, dass er etwa 65 Jahre alt war, genau wusste er es nicht.
«Hier geboren?»
«Ja, natürlich!»
«Hier an diesem Ort?»
«Nein, das war oben im Sommerlager.»

Der Alte beschämte mich. Nach 9.000 Kilometern Reise schrumpfte die Welt plötzlich auf zwei Orte: Sommerlager und Winterlager. Das Sommerlager mit den leichten Zelten, in denen die Sippe den Herden folgte, war sein düschgen dsher, seine „Fall-Erde“, jener Ort, an dem er aus dem Mutterleib gefallen war. Und der Fluss am Lager sein dshungan sug, sein „Wasch-Wasser“. Hier war er nach der Geburt gereinigt worden. Vor mir standen Menschen, für die „Heimat“ kein abstrakter, philosophischer Begriff war. Sondern Erde, Wasser und die Luft darüber.

Aus Rachmids Sätzen sprach jene Ehrfurcht, die haben muss, wer einer so rauen, harten Landschaft eine Existenz abtrotzen will. Nicht viele sind dabei so findig wie die Berkutschi, die junge Adlerküken aus dem Horst nehmen, um sie für die Jagd abzurichten. Es ist eine Tradition, die sie von ihren Vorfahren, den Turkvölkern, geerbt haben, und die viele Jahrhunderte weit zurückreicht.

Gekürzte Version! Den kompletten Artikel lesen Sie in der aktuellen Dezember-Ausgabe von NATIONAL GEOGRAPHIC.


(NG, Heft 12 / 2012)

80 Millionen Menschen in Indien führen ein Leben auf Wanderschaft. Sie hängen an ihrer Herkunft und an ihren Traditionen, doch in der modernen Welt finden sie keinen Platz. Und so ziehen sie – im wahrsten Sinn des Wortes – einem ungewissen Schicksal entgegen. mehr...

Extras

Buch-Tipp: Grönland - Meine Reisen ans Ende der Welt
Den Fernsehmoderator Markus Lanz zieht es seit Jahren immer wieder nach Grönland, eines der extremsten Länder unserer Erde. In diesem Bildband hat er die Erlebnisse seiner Expeditionen festgehalten. mehr...

  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus