Die Geschichte der Besiedlung Montanas begann mit einem Versprechen, das an eine Lüge grenzte: «Land gratis, genug, um deine Familie zu ernähren!» Weder das eine noch das andere war wahr.
«Hier oben in Montana ist Landwirtschaft wie Krieg», sagt Lloyd Kanning. Der 76-Jährige strahlt mit seiner dichten weißen Mähne und seinen hellblauen Augen eine robuste Gesundheit aus. Seit er zehn Jahre alt war, ist er Traktor gefahren. Nun sitzt er in seinem Wohnzimmer in Shelby. Bis zur kanadischen Grenze sind es nur rund hundert Kilometer. Die Liste der Widrigkeiten, gegen die man hier als Farmer zu kämpfen hat, ist lang.
«Da ist zunächst einmal das Wetter», beginnt er. Man versucht, den richtigen Moment für die Aussaat zu erwischen, aber dann kämpft man darum, den alten Traktor in Gang zu halten. Krankheiten und Ungeziefer bedrohen den Weizen. Wenn man die alle besiegt hat und der Weizen endlich hoch und golden steht, «schlägt ein Hagel die Halme zu Boden. Oder ein Sturm peitscht die Körner aus den Ähren», fährt Kanning fort. Doch vielleicht hat man auch die Saison über Glück und bleibt von Hagel, Wind und Heuschrecken verschont. Aber kaum beginnt man zu ernten, «da kommt eine Reihe von Regentagen, und das zwingt dich, feuchten Weizen in den Speicher zu fahren. Jetzt kämpfst du darum, das Getreide trocken zu bekommen oder zumindest kühl zu halten».
Und ist das geschafft, «dann ringst du um den Preis». Liegt der Eiweißgehalt der Körner unter einem bestimmten Wert, schmälert das den Gewinn. «Manchmal reichen schon zwei Prozentpunkte, und du kannst die Ernte vergessen. Es ist Krieg», wiederholt Kanning. Dass die ersten Siedler unter solchen Bedingungen hier oben ihre Äcker bestellen würden – darüber waren sie im Unklaren gelassen worden.
Im Jahr 1912 hatte eine Broschüre der Eisenbahngesellschaft Great Northern Railway den verheißungsvollen Titel „Farmland gratis in Montana“ . Sie pries das Klima: Die Winter seien «wegen der trockenen Luft nicht streng», die Weizenerträge «phänomenal». Und weiter hieß es: «Wenn Sie von diesem Geschenk etwas wollen, machen Sie sich am besten gleich auf den Weg nach Montana.»
Grundlage dieser Versprechungen war der Homestead Act, ein Gesetz aus dem Jahr 1862. Kurz zusammengefasst: Wer ein Stück Land absteckt, ein Haus darauf baut, den Boden bewirtschaftet und fünf Jahre dort lebt, kann Anspruch auf 65 Hektar erheben. Das Angebot galt für alles staatliche Land, das noch nicht vergeben war, also auch für das Gebiet, das heute Montana heißt. Das nördliche Drittel dieses Bundesstaats ist ein 160 Kilometer breiter Streifen südlich der kanadischen Grenze. Nach Westen reicht er bis an die Rocky Mountains. Eine Halbwüste, be- wachsen mit kurzem Gras und Beifuß.
Die Regierung wollte dieses Land mit weißen Siedlern besetzen, damit die heimischen Indianer – Blackfeet, Sioux, Crow – keine Ansprüche geltend machen würden. Einer, der das Projekt besonders energisch vorantrieb, war James J. Hill, der Gründer der Great Northern Railway. Er suchte neue Kundschaft für seine Eisenbahn: Leute, denen er mit seinen Waggons landwirtschaftliches Gerät, Haushaltswaren, Sattelzeug und Saatgut liefern und deren Ernte er abtransportieren konnte. Seine Werbung hatte Erfolg.
Die Menschen kamen aus Minnesota oder Illinois, aus Schottland oder Norwegen, und sie hatten kaum etwas außer ihrer Arbeitskraft und ihrer Jugend. Sie setzten ihre Hoffnungen in dieses flache Land unter dem weiten, leeren Horizont, in eine Ebene, die im Frühjahr grün ist, im Sommer braun, im Herbst braun und im Winter unerbittlich weiß.
Die ersten Siedler folgten der Eisenbahn, die auf einer alten Planwagenroute durch Indianergebiet verlegt wurde. Der ursprüngliche Homestead Act wurde mehrmals verändert, die obligatorische Ansiedlungszeit auf drei Jahre verkürzt, der Landanspruch auf 130 Hektar erweitert, für Viehzüchter sogar auf 260 Hektar.
Zwischen 1909 und 1923 reichten Siedler in Montana 114620 Ansprüche auf Land ein. Bald brauchten einige mit dem Planwagen von der Eisenbahnlinie aus eine ganze Tagesreise bis zu ihrem Grundstück. Und wie immer folgten dem Pflug weitere Menschen und Dienstleistungen.
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