Mut zum Risiko

Autor: Peter Gwin  —  Bilder: John Stanmeyer, Marco Grob

Jede Forschungsreise beginnt mit der Bereitschaft zum Risiko – ob ein Kapitän unerforschte Meere befährt, ein Wissenschaftler gefährliche Krankheiten untersucht oder ein Unternehmer in ein neues Projekt investiert.

Der Mann, der als Erster mit Booten den Grand Canyon durchfuhr, sah nicht gerade aus wie ein Abenteurer. John Wesley Powell maß 1,68 Meter, war schmächtig, und in seinem struppigen Bart hingen Tabakkrümel. Sein rechter Jackenärmel war leer – seit der Schlacht von Shiloh, 1862 im US-Bürgerkrieg.

Doch nach diesem Krieg war er es, der große Teile der Rocky Mountains vermaß. Er lebte bei feindseligen Indianerstämmen, befuhr den Green River und den Colorado River, erforschte das nicht kartierte Labyrinth eines der größten Canyonsysteme der Welt. Wer ihn nicht kannte, hätte sich wahrscheinlich gefragt, was diesen einarmigen Professor dazu brachte, sich auf eine der seinerzeit gefährlichsten Forschungsreisen zu begeben.

Die gleiche Frage hätte man auch den 32 Männern stellen können, die sich zusammen mit Powell am 13. Januar 1888 im Cosmos Club in Washington einfanden. Wie Powell hatten die meisten von ihnen riskante Reisen in unbekannte Gebiete unternommen. Unter ihnen waren Veteranen des Amerikanischen Bürgerkriegs und der Indianerkriege, Marineoffiziere, Bergsteiger, Meteorologen, Ingenieure, Naturforscher, Kartografen, Ethnologen sowie ein Journalist, der Sibirien bereist hatte. Einige hatten in der Arktis festgesessen oder Unwetter auf See überlebt, waren wilden Tieren und Lawinen entkommen, hatten extremen Hunger ertragen und die zerstörerische Einsamkeit auf Reisen in entlegenen Gebieten.

An diesem Abend hatten sie sich zusammengefunden, um die National Geographic Society zu gründen. Sie waren sich einig, dass der Auftrag der neuen Gesellschaft – «das geographische Wissen zu mehren und zu verbreiten» – schwierige Expeditionen in unbekannte Gebiete erfordern würde. Ein Tagebucheintrag, den Powell fast 20 Jahre zuvor auf seiner Reise auf dem Colorado River geschrieben hatte, könnte ihre Geisteshaltung nicht treffender beschreiben. Nachdem seine reisende Mannschaft mehrere gefährliche Stromschnellen und Wasserfälle durchfahren hatte, gaben drei Männer auf. Sie wollten heraus aus dem Canyon und durch die Wüste zurück. «Sie flehen uns an, nicht weiter­ zufahren, und halten die Expedition für Irrsinn», notierte Powell. Doch «zu sagen, ich bin fast am Ziel, aber es gibt einen Canyonabschnitt, den ich nicht erforschen kann, das will ich mir nicht eingestehen. Ich bin zum Weitermachen entschlossen».

Von Gerlinde Kaltenbrunner bis Felix Baumgartner - für Wissenschaft und Forschung riskieren sie viel, manchmal sogar ihr Leben. Lesen Sie alle Interviews mit den Männern und Frauen, die keine Gefahr scheuen.

Lesen Sie außerdem den Blog des NG-Reporters Paul Salopek, der mehr als 35.000 Kilometer weit wandern will, um dem Weg der ersten Menschen aus Afrika in alle Welt zu folgen.

Sehen hier noch einmal Felix Baumgartners Sprung aus der Stratosphäre.


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(NG, Heft 6 / 2013, Seite(n) 40 bis 57)

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