Der „Club Ochroma“ ist die beliebteste Kneipe auf Barro Colorado, einer Insel im Panamakanal. Für die Happy Hour bin ich noch zu früh dran. Es ist erst kurz vor vier am Nachmittag, und so hocke ich mich an der Station für Tropenforschung des Smithsonian-Instituts auf ein 30 Meter hohes, provisorisch gezimmertes Holzgerüst. Von hier aus habe ich einen großartigen Blick auf den Wipfel eines ungefähr ebenso hohen Baums der Art Ochroma pyramidale, besser bekannt als Balsabaum. Er wächst in vielen Ländern Lateinamerikas und liefert das leichte Holz, aus dem man Tiermodelle baut oder Eisstiele. Auch „Kon Tiki“, das Floß des Abenteurers Thor Heyerdahl, war aus Balsa.
Das edle Exemplar vor mir ist aber noch kein Nutzholz. Seine Äste biegen sich unter Hunderten Blüten in unterschiedlichen Reifestadien: Die Knospen sehen aus wie riesige braune Wattestäbchen, die ungeöffneten Blütenspiralen erinnern mit ihren cremefarbenen Köpfen an Softeis, die reifen Blüten, die nachts aufgehen und soeben ihre fünf fleischigen Kronblätter öffnen, legen ein pollenbedecktes Staubblatt frei, umgeben von einer zwei Zentimeter tiefen Lache aus sirupartigem Nektar.
Es kracht im Geäst, dann erreicht mich eine Welle von quiekenden, gurrenden und schnatternden Geräuschen. Die Kapuzineraffen kommen. Sie sind bekannt für ihre Cleverness. In Mittelamerika spielen sie im Tierreich eine ähnliche Rolle wie die Schimpansen in Afrika. Und wenn in Panama die Happy Hour anbricht, kann man sicher sein, dass sie die Ersten an der Bar sind. 25 von ihnen kommen im Gänsemarsch und läuten die Eröffnungsrunde ein. Vorneweg die Erwachsenen ohne Anhang sowie ein paar freche Halbstarke, dahinter die Mütter, an die sich die Babys klammern.
Unabhängig von Alter und Geschlecht haben Kapuzineraffen ein unbehaartes helles Gesicht, große, menschenähnliche Ohren und den verkniffenen Gesichtsausdruck eines alten Kioskbetreibers. Ein paar von ihnen bleiben stehen und grinsen mich aggressiv an, aber die meisten beachten mich gar nicht. Sie greifen nach den Rändern der reifen Blüten, stecken den Kopf hinein und trinken mit der Inbrunst durstiger Vampire die Kelche leer.
Als sie wieder aufblicken, ist ihre Schnauze mit Pollen bedeckt. Aus Sicht des Baums ist genau das der Zweck der Blüten: Sie sollen für einen Bestäuber so unwiderstehlich sein, dass das Tier nicht anders kann, als sich mit der pflanzlichen Entsprechung von Sperma zu bedecken. Wenn alles klappt, transportiert der unfreiwillige Befruchtungshelfer die Pollen dann zu den weiblichen Blütenorganen eines anderen Balsabaums. Das Prinzip ist simpel: Du bekommst bei mir etwas zu trinken, und meine Keimzellen reiten dafür auf deiner Nase.
als die sonne untergeht, fliegt ein lautstarkes Tukanpärchen über uns hinweg, die Affen verziehen sich zur Nachtruhe in ihre Nester. Sie waren gierig und ruppig, aber der Baum bleibt davon unbeeindruckt. Er füllt seine ausgelutschten Blüten mit neuem Nektar und sorgt dafür, dass sich weitere entfalten. Das nächtliche Picknick hat gerade erst angefangen.
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