Nasca-Linien: Graffiti für die Götter

Autor: Stephen S. Hall  —  Bilder: Robert Clark

Aus der Luft sehen die in den Erdboden gescharrten Linien der Nasca aus wie verblichene Zeichnungen. Unser Pilot fliegt enge Kurven über der Wüste im Süden Perus, und so kann ich nun mit etwas Mühe eine Reihe schön gestalteter Figuren erkennen.

«Orca!», ruft der peruanische Archäologe Johny Isla über den Lärm des Triebwerks hinweg. Er zeigt hinab auf das Abbild eines Killerwals. «Mono!», sagt er wenig später, als der berühmte Affe von Nasca ins Blickfeld kommt. «Kolibri!» – der winzige Vogel, aber riesengroß.

Die geheimnisvollen Scharrbilder der Nasca wurden Ende der zwanziger Jahre des vergan­genen Jahrhunderts entdeckt, als eine kommer­zielle Flugverbindung zwischen Lima und der südperuanischen Stadt Arequipa in Betrieb ge­nommen wurde. Seither sind sie ein Rätsel für Archäologen, Anthropologen und alle, die von den präkolumbischen Kulturen des amerikani­schen Kontinents fasziniert sind. Genauso lange haben eine Vielzahl von Wissenschaftlern und Amateuren immer wieder neue Deutungen der Linien versucht. Sie wurden mal als Inka-Stra­ßen, mal als Bewässerungssysteme angesehen. Als Bilder, die von primitiven Heißluftballons aus betrachtet worden seien, oder, die abenteu­erlichste Interpretation, als Landebahnen für Außerirdische.

Die Leistungen der frühen Bewohner Perus wurden bekannt, als der Archäologe Max Uhle aus Dresden 1901 im Ica-Tal die Kul­tur der Nasca erforschte. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte die in Dresden gebo­rene Lehrerin Maria Reiche die ersten systema­tischen Begehungen dieser Linien und Figuren, der sogenannten Geoglyphen. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1998 spielte sie eine entscheidende Rolle bei deren Bewahrung. Aber die von ihr bevor­zugte Theorie, dass die Linien Elemente eines astronomischen Kalenders darstellten, ist weit­gehend widerlegt. Seit 1997 gibt es eine intensive peruanisch-deutsche Forschungszusammenarbeit in dem kleinen Ort Palpa. Das Nasca-Palpa-Projekt befasst sich unter der Lei­tung von Markus Reindel vom Deutschen Ar­chäologischen Institut und Johny Isla mit der systematischen und interdisziplinären Erfor­schung der frühen Bevölkerung dieser Region.

Während unser Flugzeug eine weitere Kurve zieht, presst Isla sein breites Gesicht gegen das Fenster. Er ist im Hochland geboren. «Trapez!», ruft er und deutet auf eine riesige geometrische Fläche unter uns. «Plattform!» Er zeigt auf eine kleine Anhäufung von Steinen. Falls Isla und seine Kollegen richtig liegen, bergen diese Strukturen den Schlüssel für das Verständnis der Nasca-Linien. Und deren Geschichte be­ginnt – und endet – mit dem Wasser.

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(NG, Heft 01 / 2011, Seite(n) 118)
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