Nofretete: Ägyptens Königin der Herzen

Autor: Christian Schüle  —  Bilder: Photo: Achim Kleuker, Staatliche Museen zu Berlin

Nofretete war 1,58 Meter groß und zierlich. Sie hatte einen Schwanenhals, mandelförmige Augen, kleine Ohren, langgliedrige Finger und eine Glatze. Ihre Lippen waren voll und elegant geschwungen, die Jochbeine markant und hoch. Das Kinn war schmal und der Nasenrücken dünn, gerade und abfallend.

Oder war Nofretete 1,74 Meter groß und korpulent, hatte einen kurzen Hals, hängende Schultern, schlaffe Wangen, schmale Lippen und einen Speckring um die Hüften?

Weder gibt es ein Foto von ihr noch eine Zeichnung, auch kein Zeugnis eines Zeitgenossen. Bis heute gilt sie als eine der mächtigsten Frauen der Antike – erotisch, charismatisch, majestätisch. Aber alles, was man von ihr weiß, beruht auf Reliefs und Inschriften in Kalksteinblöcken, basiert auf der Interpretation von Statuetten und Büsten, deren berühmteste im Ägyptischen Museum von Berlin (Neues Museum) steht. Wer im Nordkuppelsaal vor ihr steht, wer die raffiniert beleuchtete Schöne ansieht, spürt das Unwiderstehliche, das von ihr ausgeht. Eine Million Besucher zieht sie jedes Jahr in ihren Bann. Viele kommen nur ihretwegen.

Gewiss ist, dass Nofretete, die nahbare Unnahbare aus der ägyptischen Wüste, die Gemahlin des legendären Pharaos Echnaton war und dass sie vor dreieinhalb Jahrtausenden in einer besonders faszinierenden Epoche der Weltgeschichte lebte. Der Rest ist ein Rätsel, um dessen Lösung sich die Forscher seit langer Zeit streiten. «Man wird keine zwei finden, die sich über diese Epoche einig sind», sagt der britische Archäologe Nicholas Reeves.

Auch nicht über die Rolle der Nofretete. Mein Bild von ihr entstand über Wochen der Beschäftigung mit ihrem Mythos: das Bild einer Frau voller Stolz und Würde, geheimnisvoll, unvergleichlich. Und doch scheint es, als seien ihre Schönheit und Macht die Projektion einer aus den Fugen geratenen Phantasie über eine erstaunlich kurze Ära der ägyptischen Antike.

Um 1350 v. Chr., die Pharaonen der 18. Dynastie führen ihr Reich von Theben aus. Es ist eine ruhige, stabile, friedvolle Zeit. Ägypten ist ein Imperium mit profitabler Landwirtschaft und reichen Bodenschätzen – die beherrschende Macht des östlichen Mittelmeerraums, einigermaßen im Frieden mit dem Erzfeind, den Hethitern, in Kleinasien. Die Gesellschaft ist gut organisiert, die Verwaltung effektiv, Gold üppig vorhanden. Der seit mehr als 30 Jahren regierende Pharao Amenophis III. inszeniert sich als göttlicher Herrscher und großer Krieger, der über die Mächte des Bösen und das Chaos triumphiert. Er verändert die Gesellschaft und auch die Art, wie Herrschaft zur Schau gestellt wird. Zwei 20 Meter hohe Sandsteinskulpturen bewachen seinen Totentempel am Ufer des Nil, und im ganzen Land lässt er Statuen seiner selbst errichten.

An Amenophis’ Seite stets zu finden – für das Ägypten dieser Zeit ungewöhnlich – ist seine Gattin Teje, die einflussreiche Tochter einer Adelsfamilie. Vor allem bricht der Pharao aber mit einer weiteren Tradition: Der bislang unangefochtene Gott Amun büßt seine alleinige Spitzenposition in der Göttergemeinschaft ein und wird ergänzt durch Aton, die Sonnenscheibe: Grundstein einer neuen Theologie, die dem Herrscher mehr Macht verleihen soll. Als der König im Jahr 1353 v. Chr. und bald darauf auch sein ältester Sohn Thutmosis sterben, wird der Zweitgeborene zum Nachfolger gekürt: Amenophis IV. Vor seiner Thronbesteigung hat der junge Mann eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche Frau geheiratet, damals wohl eine Jugendliche zwischen zwölf und 15 Jahren. Ihr Name: Nofretete. Deutsch: „Die Schöne ist gekommen“.

Von nun an sollte nichts mehr so bleiben, wie es bis dahin war.

Amenophis IV. erhebt seine Frau zur gottgleichen Königin. Schon früh in seiner Herrschaft lässt der Pharao im heiligen Bezirk Karnak rund um das Amun­Heiligtum vier neue Tempel errichten, die Aton geweiht sind. Wollte er beide Götter zu einem verschmelzen? Dann, in seinem fünften Regierungsjahr, ändert er seinen Namen von Amenophis – „Amun ist zufrieden“ – in Echnaton: „Er, der Aton nützlich ist“. Zu diesem Zeitpunkt ist er etwa Mitte 20. Sein ketzerischer Glaube – nicht mehr an die vielen Göttern für verschiedenste Zwecke, sondern allein an das Leben spendende Licht der Sonne – muss unter den Priestern Bestürzung ausgelöst haben. Vor allem, als der Herrscher auch noch die großen Tempel des Amun schloss und ihre Einkünfte übernahm.

Echnaton veranlasst Veränderungen in der Schriftsprache, dem Neuägyptischen. Und er gründet rund 350 Kilometer nördlich von Theben am Ostufer des Nil, in einem von steilen Felsen geschützten Tal, die neue Hauptstadt Achetaton („Horizont des Aton“). Dort will er sein revolutionäres theologisches Programm in die Tat umsetzen: den Glauben an die Erschaffung der gesamten Natur­ und Menschenwelt aus einem einzigen Prinzip – die Entstehung des Lebens aus dem Licht der Sonne, verkörpert in Aton. Die alten Götter interessieren Echnaton nicht mehr. Aton ist die universelle, allumfassende, erste und letzte Gottheit. Alles steht von nun im Dienst an Aton. Echnaton radikalisiert die von seinem Vater bereits angedeutete Kultreform, verbannt den traditionellen Totengott Osiris, suspendiert die Vorstellung von einem geheimen Universum, eliminiert Unterwelt und Jenseits. Es zählt nur noch die Sonne, das Licht, das Diesseits.

Zum ersten Mal in der Weltgeschichte ist mitzuerleben, wie eine Gottheit entsteht. Erstmals wird eine Religion bewusst neu gestiftet. Für die meisten Forscher ist Echnatons Sonnen ­Theologie der erste Monotheismus. Weshalb er sie einführte, ist umstritten. War dies die erste bezeugte intellektuelle Revolution? Selbstvergötterung eines totalitären Herrschers? Oder ging es ihm vor allem darum, die Macht der Amun­Priester in Theben und Karnak zu beschneiden? Denn von nun an waren er und Nofretete allein die Mittler zwischen Aton und der Welt. Die Einzigen, die die wahre Offenbarung des Göttlichen verstanden. Über sie nahm das Volk Kontakt mit Aton auf.

Gut eineinhalb Jahrzehnte dauerte diese heute als Amarna­-Zeit bezeichnete Epoche, benannt nach den Dörfern Tell el-Amarna, in deren Nachbarschaft die Ruinen von Echnatons Hauptstadt von etwa 1900 an in großem Stil ausgegraben wurden.

Das neue Reich wird jetzt vom Hof in Achetaton aus von einer Dreiheit, einer sogenannten Triade, regiert. Deren Hierarchie muss man sich in Form der Triangel vorstellen: oben Aton, unten links und rechts Echnaton und Nofretete. Damit nicht genug: Salopp gesagt, treten von 1352 v. Chr. an die Kennedys der Antike auf den Plan der Weltgeschichte. Von allen Traditionen unbeeindruckt, entwickeln sie eine Meisterschaft im Selbstmarketing und in der Kunst der Public Relations. Auf Reliefs lassen sie sich bei religiösen Zeremonien darstellen, ebenso Hand in Hand und mit ihren sechs Töchtern. Sie liebkosen sich, trauern am Totenbett ihrer Tochter Meketaton, wiegen die Kinder auf dem Schoß. Nofretete wird als sorgende Mutter gezeigt. Eine heilige Familie im Glück. Ausdruck von Nähe und Zuneigung? Von neuen Werten? Oder ging es darum, das Bild des Herrschers als höchsten Gott allen Lebens zu vermitteln?

Zuvor waren Kunst und Politikstil monumental, statisch und für die Ewigkeit gedacht; nun ging es um Emotion. Überlieferungen zufolge wies der Pharao die Hofbildhauer persönlich an, einen neuen, freieren Stil zu entwickeln. Mit einem Schlag vollzog sich ein kompletter Programmwechsel – der Aufbruch in die Ideologie der „Schöpferkraft“. Dafür eignete sich Nofretetes durch Eleganz, Anmut und Eros repräsentierte Vitalität geradezu ideal.

War sie eine Art First Lady der Antike? Und dazu eine, die nicht nur ihrem Mann den Rücken freihielt, sondern auch noch selber Politik machte? Gar Mitregentin und der eigentliche Kopf hinter Echnatons Theokratie? Ich stellte sie mir vor wie Evita Perón, wie Jackie Kennedy, wie Königin Rania von Jordanien und für kurze Momente wie Michelle Obama, fand aber alle Analogien fragwürdig, da über den Charakter dieser Frau nichts bekannt ist. Und dennoch: Die eigene Vorstellungskraft gibt Auskunft darüber, was ihr Mythos mit dem anstellt, der sich im 21. Jahrhundert auf das Geheimnis dieser antiken Ikone einlässt. Ich sah ihr zartes, abgehobenes Lächeln vor mir, wenn sie täglich im Streitwagen auf der mehrere Kilometer langen Prozessionsstraße von Achetaton die Huldigungen der Untergebenen entgegennahm. Ich stellte mir vor, mit welcher Grazie sie den Gesandten der hethitischen Großmacht entgegentrat. Wie sie den täglichen Kult leitete und auf dem Hauptaltar des Großen Tempels die Opfergaben für Aton niederlegte. Und schließlich sah ich sie als souveräne Frau vor mir, die ihrem Mann unverblümt die Meinung sagte: eine sich ihrer Wirkung bewusste Persönlichkeit, die im Hintergrund die Fäden zog.

Doch was davon ist richtig? Alles und nichts. Die Spekulationen über Nofretete und die Interpretationen ihrer Rolle am Hof von Achetaton widersprechen einander und schießen ins Kraut. Die einen Experten warnen davor, ihre Position überzubewerten; die anderen sehen sie mindestens gleichberechtigt an der Seite Echnatons. Vor kurzem verblüffte der emeritierte Ägyptologe Hermann Schlögl aus Freiburg im Breisgau die Fachwelt mit der Behauptung, Nofretete sei sogar die treibende Kraft der religiösen Revolution ihrer Zeit gewesen; sie sei es gewesen, die die Umwälzungen dominiert habe. Eine seit längerem bekannte und jetzt von ihm neu übersetzte und interpretierte Inschrift aus der großen Pfeilerhalle im Aton­Tempel von Karnak belege, dass Nofretete sich selber eine aktive Rolle zugeschrieben habe, indem sie von sich behauptete, Aton gefunden zu haben. Zudem trage sie – wie sonst ausschließlich der Pharao – zwei „Kartuschennamen“: jene Namen, die auf Inschriften in einen Königsring eingeschlossen sind. Alle anderen Großen Königsgemahlinnen in Ägypten hätten nur einen Kartuschennamen getragen.

Wer das Gegenteil dieser Huldigung hören will, muss nach Hannover reisen. Dort weist der Armana-­Forscher Christian Loeben, Leiter der Ägyptischen Sammlung im Museum August Kestner und Lehrbeauftragter an der Universität Göttingen, jedwede Phantasterei scharf zurück: Nein, es habe keinerlei antiken Feminismus in Amarna gegeben, keine Frauenpower. Keine erotische Superwoman Nofretete. «Im Gegenteil», sagt Loeben: «Sie hatte überhaupt nichts zu sagen, politisch nicht und theologisch auch nicht. Und sie spielte nur deswegen eine solch große Rolle und war neben Echnaton so präsent, weil dies in seine Theologie passte.»

Wer war diese sagenhafte Königin, unter der sich Ägypten vor 3.500 Jahren von Grund auf veränderte – und die noch heute alle Welt bezaubert? Christian Schüle hat sich auf die Suche gemacht. Sehen Sie hier einen kurzen Ausschnitt der DVD "Die Odyssee der Nofretete":


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(NG, Heft 12 / 2012, Seite(n) 46 bis 75)

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