Nordkorea - So sieht es aus

Bilder: David Guttenfelder
Nordkorea-Main

„Viele der von mir dokumentierten Ereignisse sind gestellte Aufführungen. Aber die Menschen sind echt. In einer Welt, in der schon fast alles fotografiert worden ist, ist es mein Job geworden, mit Bildern zu erzählen, wie es in dieser abgeschotteten Gesellschaft aussieht.“ DAVID GUTTENFELDER

Kein Glockengeläut, keine Pilger, die Weihrauch anzündeten. An diesem kühlen Herbstmorgen war es still im Ryongthong-Tempel, einer Ansammlung buddhistischer Schreine, die sich an einen Hügel nahe der nordkoreanischen Stadt Kaesong schmiegen. Vor Jahrhunderten war Kaesong der Sitz der koreanischen Könige und Ryongthong ein lebendiges religiöses Zentrum. Doch an diesem Morgen gingen nur zwei Mönche in grauen Roben demonstrativ würdevoll durch den Tempel. Unten in der Stadt plärrten Lautsprecher auf der leeren Hauptstraße Lobgesänge auf Kim Jong-un, den jungen Mann, den die Nordkoreaner „Oberster Führer“ nennen.

Der Fotograf David Guttenfelder und ich waren mit unseren Aufpassern – ängstlichen staatlichen Bürokraten, die ausländische Reporter auf allen ihren Wegen begleiten – zu dem Tempel gekommen. Ich interviewte einen der Mönche und kritzelte pflichtbewusst die Banalitäten, die er von sich gab, in mein Notizbuch. «Der Buddhismus hilft den Menschen, klar, rein und ehrlich zu sein», sagte Dri Jong Gak.

Einen buddhistischen Tempel könnte man für den geeigneten Ort halten, um etwas über die Freiheit der Religionsausübung in Nordkorea zu erfahren. Sozialforscher sagen, dass die seit sechs Jahrzehnten herrschende Familiendiktatur jegliche organisierte Religion ausgelöscht hat. Doch falls ich danach fragen sollte und einer der Mönche gar leise Unzufriedenheit mit dem Regime andeutete, würde er inhaftiert und in dem geheimen Gulag verschwinden, in dem nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten zwischen 150.000 und 200.000 Menschen gefangen gehalten werden. Ich stellte also keine Fragen. Als wir wieder nach draußen gingen, folgten uns die Mönche. Ein Aufpasser begleitete sie. Alle drei schauten uns erwartungsvoll an. Dann sprach der ältere Mönch: «Ich weiß, was Sie fragen möchten», sagte Zang Hye Myong. Plötzlich wurde offensichtlich, warum uns die Mönche gefolgt waren. Aufpasser führen Reporter nicht zu Dissidenten, und Ryongthong war keine Enklave von Regimekritikern. Wir standen, und ich hätte das gleich wissen müssen, vor einem Tempel der totalitären Täuschung, mitten in einem Filmset, an dem die Steinstufen und reich verzierten Holztüren fast keine Gebrauchsspuren aufwiesen. Die Mönche waren Schauspieler in einer Theateraufführung über die Religionsfreiheit in Nordkorea. Und wir waren das Publikum.

Also tat ich ihnen den Gefallen und murmelte: «Lässt man Sie Ihre Religion frei ausüben?» Der Mönch schaute siegesbewusst. «Leute aus dem Westen sind überzeugt, dass religiöser Glaube in meinem Land nicht geduldet wird.» Er schüttelte traurig den Kopf. «Das ist falsch.» Er selber, sagte er, sei der Beweis für die Freiheiten, die der „Große Führer“ Kim Il-sung den Koreanern gewährt habe und die dessen Enkel Kim Jong-un nun verteidige. Er schaute mir in die Augen, und seine Schlussbemerkung klang einstudiert: «Ich möchte, dass Sie die Wahrheit in die Welt tragen.»

Dies ist ein Land, in dem das wahre Leben hinter sorgsam errichteten Fassaden verschwindet.

Doch in Nordkorea ist die Wahrheit selten einfach. Wie soll man sich einen Reim auf ein Land machen, dessen Führer sich mit dem egozentrischen amerikanischen Basketball-Star Dennis Rodman verbrüdert (Rodman besuchte Nordkorea im Februar 2013 und nannte Kim Jong-un einen «Freund fürs Leben») und eine Woche darauf den Vereinigten Staaten droht, eine atomare Feuersbrunst zu entfesseln?

Dies ist ein Land, in dem das wirkliche Leben hinter sorgsam errichteten Fassaden verschwindet. Ein Land, von dem die meisten Besucher nur die wenigen perfekt asphaltierten Straßen sehen und die riesigen Standbilder von Vater, Sohn und Enkel, die in Nordkorea seit nunmehr 65 Jahren herrschen.

Es ist ein Land, aus dem zu berichten uns häufig vorkommt wie ein fortwährender Kampf gegen einen Feind, der die Wahrheit von uns fernhalten will. Manchmal – wie an diesem Morgen in Ryongthong – gewinnt die Regierung. Aber wenn man lange genug bleibt und tief genug blickt, erfährt man mehr als erwartet. Nur deshalb kommen wir immer wieder hierher.

David und ich gehörten zu einem kleinen Journalistenteam der Nachrichtenagentur Associated Press, das Nordkorea im vergangenen Jahr regelmäßig besuchen durfte. Wir besichtigten landwirtschaftliche Genossenschaften, beobachteten unzählige politische Kundgebungen und waren zu Gast auf der Gold-Lane-Bowlingbahn in Pjöngjang, wo die Elite mit abgenutzten Kugeln spielt, die einst in den USA produziert wurden. In einem Land, in dem lange Zeit triste, unmoderne Bekleidung vorgeschrieben war, stolzieren nun die Freundinnen von Soldaten in kurzem Rock und Stöckelschuhen durch das Gold Lane – ein Indiz für das kleine, aber wachsende Konsumangebot der Hauptstadt.

Meistens sehen wir nur, was unsere Begleiter und die mächtigen, stumm über sie waltenden Staatsbehörden zulassen. Die Aufpasser empfangen uns bei der Ankunft am Flughafen und bringen uns zum Abflug wieder dorthin. Jeden Morgen erwarten sie uns in der Lobby unseres jeweiligen Hotels – in gigantischen Gebäuden, die für Ausländer errichtet wurden und einigen Luxus bieten: Heizung, Strom, Internet-Zugang. Aber die Zimmer ganzer Stockwerke stehen leer, und die wenigen Gäste verlieren sich auf endlosen, abgewetzten Marmorflächen.

Entdecken Sie weitere Bilder von David Guttenfelder auf seiner Instagram-Seite!

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(NG, Heft 10 / 2013, Seite(n) 134 bis 153)

Für alle, die aus diesem totalitären Staat fliehen, ist der 3000 Kilometer lange Weg durch China erst der Anfang – denn nun beginnt ein völlig neues Leben. mehr...

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