Not am Mount Everest

Der Klettertourismus schadet dem Everest und gefährdet Menschenleben. Wie soll es weitergehen?

Eine Stunde oberhalb von Lager IV am Südostgrat des Mount Everest kamen Panuru Sherpa und ich an der ersten Leiche vorbei. Der Bergsteiger lag auf der Seite, als wäre er nur kurz eingenickt. Sein Kopf war von der Kapuze seines Parkas halb verdeckt, und der Wind zerrte Gänsedaunen aus seinen aufgerissenen Thermohosen. Zehn Minuten danach stiegen wir um eine Frau herum. Ihr Körper war mit der kanadischen Flagge zugedeckt. Eine Sauerstoffflasche verhinderte, dass das Tuch davongeweht wurde.

Nun sind Panuru und ich zwischen lauter Fremden gefangen. Dicht hintereinander klettern sie am Fixseil den steilen Grat hinauf. Am Vortag im Lager III war unsere Expedition noch Teil einer überschaubaren Gruppe gewesen. Als wir morgens aufwachten, zog aber bereits eine endlose Reihe von Bergsteigern an unserem Zelt vorbei, den Blick zum Gipfel gerichtet.

8230 Meter. Wir sind in der sogenannten Todeszone und gezwungen, mit dem Tross im gleichförmigen Gänsemarsch aufzusteigen, ohne Rücksicht auf Unterschiede bei Kraftreserven, Erfahrung, Geschick. Es ist noch vor Mitternacht und recht windig. Bis in den schwarzen Himmel ziehen sich die Lichtpunkte der Stirnlampen von mehr als hundert nur langsam vorankommenden Bergsteigern. In einem felsigen Abschnitt hängen mindestens 20 Leute an einem abgenutzten Seil, das gerade mal von einem stark verbogenen Firnanker im Eis gehalten wird. Sollte er herausbrechen, würden all diese Leute unweigerlich die Flanke hinab in den Tod stürzen.

Panuru ist der Führungssherpa unserer Gruppe. Wir hängen uns beide aus dem Seil aus und weichen ins ungesicherte Gelände aus, um dort solo weiterzuklettern – für erfahrene Bergsteiger die sicherere Option.

20 Minuten später stoßen wir auf eine weitere Leiche. Der Mann ist noch mit den Seilen verbunden und sitzt aufrecht im Schnee: hart gefroren, mit schwarz angelaufenem Gesicht und weit geöffneten Augen. Einige Stunden später kommen wir vor dem Hillary Step, einer zwölf Meter hohen Felswand und dem letzten Hindernis vor dem Gipfel, an noch einem Toten vorbei. Sein stoppeliges Gesicht ist grau, sein Mund steht offen, als klage er über seinen schmerzlichen Tod. Später werde ich die Namen dieser Menschen erfahren: des 55-jährigen Chinesen Ha Wenyi, der 33 Jahre alten Nepal-Kanadierin Shriya Shah-Klorfine, der 44-jährigen Südkoreanerin Song Won-bin, des 61 Jahre alten Arztes Eberhard Schaaf aus Aachen, der als erfahrener Bergsteiger galt.

Sie können den Everest übrigens auch von zuhause aus besteigen. Google Streetview war schon oben und bietet hier eine interaktive Route an.

Der Bergsteiger Ueli Steck wurde am 27. April 2013 in einen Streit mit Sherpas verwickelt und dabei verletzt. Lesen Sie hier ein Interview mit ihm zu diesem Vorfall!

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(NG, Heft 06 / 2013, Seite(n) 108 bis 127)

Regelmäßig schickt uns Ueli Steck SMS von seiner Klettertour durch den Himalaja. Lesen Sie, wo sich der Schweizer und sein kanadischer Begleiter Don Bowie gerade befinden - und wann sie den nächsten Gipfel erreichen werden. mehr...
Ueli Steck und Don Bowie hatten den Gipfel des Mount Everest als Ziel. Die extreme Kälte und der Sauerstoffmangel ließ sie jedoch umkehren. Ein gutes Gefühl blieb dennoch zurück. mehr...

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