Pakistan im Visier der Taliban

Autor: John Lancaster  —  Bilder: Ed Kashi

Die Taliban fänden das gar nicht komisch. An einem son­nigen Winternachmittag strö­men die Kulturinteressierten in eine Ausstellung am Natio­nal College of Arts in Lahore. Im Atrium plaudern junge Männer und Frauen mit­einander, rauchen und trinken Red Bull aus Dosen. Einige Studenten tragen einen Pferdeschwanz, einer hat ein Piercing in der Augenbraue. In der Nähe steht die lebens­große Skulptur eines Händchen haltenden Paa­res auf einer Schaukel, drinnen im Gebäude das Bild eines männlichen Torsos, der sich aus einer bestimmten Perspektive in eine weibliche Brust verwandelt. Doch auch die Kultur des Subkon­tinents ist nicht zu übersehen. Über den Jeans tragen die Frauen traditionelle Tuniken, die bis zu den Oberschenkeln reichen, einige haben ihr Haar bedeckt.

Die Vielfalt der Stile und Einflüsse ist ein Markenzeichen von Lahore, Pakistans zweit­größter Metropole und Hauptstadt des Punjab. In dieser wohlhabendsten und einwohnerreichs­ten der vier Provinzen des Landes treffen Ost und West aufeinander. Selbst die grausame und blutige Teilung Britisch-Indiens Mitte des 20. Jahrhunderts konnte der kosmopolitischen Lebendigkeit des Punjab nichts anhaben.

Doch nun setzen die Taliban und ihre Ver­bündeten alles daran, die friedlichen und pro­gressiven Teile der pakistanischen Gesellschaft zu unterminieren. Hier im Punjab, dem Herz­land der politischen und militärischen Füh­rungsschicht Pakistans, verbreiten sie seit Jahren Terror und Schrecken. Im März 2009 machten sie selbst vor dem Kricketteam aus Sri Lanka nicht halt: Der Bus wurde während der Anreise zu einem Spiel in Lahore unter Beschuss genom­men. Das Vordringen der Gewalt aus den ent­legenen Stammesgebieten an der afghanischen Grenze bis in die Provinz Punjab war ein Schock für die Menschen. Bis vor Kurzem hatten sie den Extremismus noch als ein Problem abgetan, das nur andere betrifft. Auch in Washington machen sich Befürchtungen breit, dass der Atomwaffen­staat Pakistan – bislang zwar ein labiler, aber wichtiger Partner im Kampf gegen den Terro­rismus – zusammenbrechen könnte.

Der Punjab, den ich kennenlernte, als ich dort in den Jahren nach dem 11. September 2001 als Auslandskorrespondent lebte, war relativ ruhig. Natürlich hatte die Provinz große soziale Pro­bleme, und es gab auch einheimische militante Islamisten. Doch die Wächter des Status quo – Generäle, Grundherren, Industrielle – blieben fest im Sattel. Auch der vielen radikalen Mus­limen verhasste Sufismus, eine tolerante mysti­sche Strömung des Islam mit starken musika­lisch-literarischen Traditionen, hatte Bestand. Ist es tatsächlich vorstellbar, dass dies alles be­droht sein könnte?

Einige Tage nach der Kunstausstellung besuche ich Imran Qureshi, den Direktor der Miniaturenabteilung, in einem modernen zwei­stöckigen Haus, in dem er mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern lebt. Der jungenhafte 38-Jährige in Cordhose und Reißverschlusspullover führt mich in ein Wohnzimmer, das mit Holzmöbeln im skandinavischen Stil und handgeknüpften einheimischen Teppichen ein­gerichtet ist. Qureshi und seine Frau Aisha Kha­lid, beide renommierte Künstler, könnten auch auf der Stelle nach London oder New York über­siedeln, wo ihre Arbeiten oft gezeigt werden. Doch sie haben gar nicht vor wegzugehen.

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(NG, Heft 7 / 2010)


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