Papst Franziskus - Revolution im Vatikan

Autor: Robert Draper  —  Bilder: Dave Yoder
Revolution im Vatikan_Main

Unsere saudi-arabischen Kollegen brachten diese Reportage vergangene Woche als Titelgeschichte heraus, ein Bild von Papst Franziskus in der Sixtinischen Kapelle war auf dem Cover abgebildet. Die Ausgabe wurde daraufhin aus "kulturellen Gründen" verboten, das berichtet Spiegel Online. Lesen Sie hier die ganze Reportage.

Zusammenfassung: Weltweit wird Papst Franziskus wegen seiner Wärme und Offenheit verehrt. Das Oberhaupt von insgesamt 1,2 Milliarden Katholiken hat seiner Kirche ein neues Gesicht gegeben und den Alltag im Vatikan drastisch verändert – statt einer Limousine fährt er lieber einen Ford Focus. Die Medien sehen in ihm einen Revolutionär. Doch mit seinen Reformen bringt er alte Eliten gegen sich auf.

Als die etwa 7000 ehrfürchtigen Menschen ihn zum ersten Mal auf einer öffentlichen Bühne sehen, ist er noch nicht Papst – aber sie spüren bereits, dass etwas an diesem Mann besonders ist. Im Luna-Park- Stadion in der Innenstadt von Buenos Aires, Argentinien, haben sich Katholiken und evangelikale Christen zu einer ökumenischen Andacht versammelt. Ein Pastor ruft den Erzbischof der Stadt auf die Bühne und bittet ihn, ein paar Worte zu sagen. Das Publikum ist überrascht, denn der Mann, der nun nach vorn schreitet, hatte die ganze Zeit hinten gesessen, als wäre er niemand von Bedeutung. Obschon Kardinal, trägt er nicht das traditionelle Brustkreuz um den Hals, sondern nur ein schwarzes Priesterhemd und einen schwarzen Blazer. Er ist ein hagerer älterer Mann mit einem ernsten Gesichtsausdruck, und in diesem Augenblick, damals vor neun Jahren, scheint es schwer vorstellbar, dass dieser bescheidene, schwermütig blickende Argentinier eines Tages in jedem Winkel der Welt für sein Charisma und seine Strahlkraft bekannt sein wird.

Er spricht in seiner Muttersprache, Spanisch. Ohne Manuskript. Die Zeit, als er die evangelikale Bewegung wie viele katholische Priester in Lateinamerika für eine Spaßveranstaltung hielt, erwähnt er mit keinem Wort. Stattdessen sagt der mächtigste Argentinier der römisch- katholischen Kirche, die den Anspruch erhebt, die einzig wahre christliche Kirche zu sein: „Wie schön, wenn Brüder vereint sind, wenn Brüder miteinander beten. Wie schön zu sehen, dass wir vielfältig sind, aber eine versöhnte Vielfalt sein wollen und bereits auf dem Weg dahin sind.“ Dann streckt er die Hände aus, plötzlich wird seine Miene lebhaft. Mit vor Leidenschaft bebender Stimme ruft er Gott an: „Vater, wir sind gespalten. Vereine uns!“

Diejenigen, die den Erzbischof kennen, sind erstaunt, denn normalerweise ist sein Gesichtsausdruck düster, er hat ihm Spitznamen wie „Mona Lisa“ eingebracht. Und dann geschieht etwas, das noch stärker in Erinnerung bleiben soll. Er kniet langsam nieder – ein Appell an die Anwesenden, für ihn zu beten. Nach einer Schrecksekunde schließen sie sich ihm an.

Das Bild schafft es in Argentinien auf die Titelseiten. Auch Cabildo, das Organ der ultra- konservativen Katholiken, druckt es. „Apóstata“ steht dort: „Abtrünniger“. Es zeigt Jorge Mario Bergoglio, den künftigen Papst Franziskus. Ich muss jetzt wirklich anfangen, Dinge zu verändern“, erklärte Franziskus eines Morgens einer Handvoll argentinischer Freunde, kaum zwei Monate nachdem ihn 115 Kardinäle im Konklave des Vatikans aus relativer Unbekanntheit schlagartig ins Pontifikat befördert hatten. Manche fanden da bereits, dass der neue Papst schon praktisch alles, und praktisch über Nacht, verändert habe, einige von ihnen waren darüber erfreut, andere verunsichert. Er war der erste lateinamerikanische Papst, der erste jesuitische Papst, der erste in mehr als tausend Jahren, der nicht in Europa geboren war, und der erste, der den Namen Franziskus wählte, zu Ehren Franz von Assisis, des Fürsprechers der Armen.

Kurz nach seiner Wahl am 13. März 2013 erschien das neue Oberhaupt der katholischen Kirche ganz in Weiß auf einem Balkon des Petersdoms, ohne den traditionellen scharlachroten Umhang über den Schultern oder die goldbestickte rote Stola um den Hals. Er grüßte die jubelnde Menge zu seinen Füßen mit einer Schlichtheit, die alle elektrisierte: „Brüder und Schwestern, guten Abend.“ Als er aufbrach, ging er an der auf ihn wartenden Limousine vorbei und stieg in den Bus für die Kardinäle, die ihn gerade zu ihrem Oberhaupt gemacht hatten.

Am nächsten Morgen bezahlte der Papst persönlich seine Rechnung in dem Hotel, in dem er gewohnt hatte. Er entschied sich gegen das traditionelle päpstliche Appartement im Apos- tolischen Palast und bezog eine Zweizimmerwohnung im Gästehaus des Vatikans. Bei seinem ersten Treffen mit der internationalen Presse verkündete er seinen sehnlichsten Wunsch: „Eine Kirche, die arm und für die Armen ist.“ Und anstatt die Abendmesse am Gründonnerstag in einer Basilika zu feiern und Priestern die Füße zu waschen, wie es Sitte war, predigte er in einem Jugendgefängnis, wo er zwölf Insassen, darunter Frauen und Muslime, die Füße wusch, ein absolutes Novum für einen Papst. All dies fand während seines ersten Monats als Bischof von Rom statt.

Doch seine argentinischen Freunde wussten, was er wirklich mit „Veränderungen“ meinte. Obwohl im neuen Amt selbst kleinste Gesten beträchtliches Gewicht haben, gab er sich nicht damit zufrieden, Symbole zu liefern. Er wollte, dass die katholische Kirche das Leben der Menschen nachhaltig verändert – dass sie, wie er es oft ausdrückte, ein Lazarett auf einem Schlachtfeld sei, das alle Verwundeten aufnimmt, egal auf welcher Seite sie gekämpft haben.

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Für die Außenwelt schien Papst Franziskus so plötzlich vom Himmel gefallen zu sein wie ein Meteoritenschauer, doch in seiner Heimat war er schon länger eine bekannte und mitunter umstrittene religiöse Persönlichkeit. Bergoglio, Sohn eines Buchhalters, dessen Familie aus dem Piemont im Nordwesten Italiens nach Argentinien ausgewandert war, trat nach vorübergehender Tätigkeit als Labortechniker (und kurzzeitig auch als Rausschmeißer in einem Klub) 1956 mit 20 Jahren ins Priesterseminar ein und profilierte sich von Beginn an. Er wählte die Jesuiten, die intellektuell anspruchsvolle Gesellschaft Jesu, für seine geistliche Laufbahn.

1963, als Student am Colegio Máximo de San José, verfügte er bereits sowohl über „hohe spirituelle Einsicht als auch über politische Fähigkeiten“, wie es einer seiner Professoren, Pater Juan Carlos Scannone, erzählt. Bergoglio unterrichtete rebellische Jungs, wusch Gefängnisinsassen die Füße, studierte im Ausland. Er wurde Rektor des Colegio Máximo und besuchte regelmäßig die Elendsviertel von Buenos Aires. Es war die Zeit, in der er auch das hoch komplizierte Verhältnis der katholischen Kirche zu den argentinischen Machthabern pflegen musste – erst zu Präsident Juan Perón, später zur Militärjunta. Schließlich fiel er bei seinen jesuitischen Vor­ gesetzten in Ungnade, wurde dann von einem Kardinal, der ihn bewunderte, aus der Versen­ kung geholt und 1992 zum Bischof, 1998 zum Erzbischof und 2001 zum Kardinal ernannt.

Von Natur aus scheu, umgab er sich lieber mit Armen als mit Wohlhabenden. Er selbst hatte nur wenige Schwächen – Literatur, Fuß­ball, Tangomusik und Gnocchi. Bei aller Ein­fachheit war er ein scharfsinniger Beobachter der gesellschaftlichen Verhältnisse und, auf seine stille Art, eine geborene Führungspersön­lichkeit. Er verstand es außerdem sehr gut, die Gunst der Stunde zu nutzen – wie 2004, als er in Anwesenheit des argentinischen Präsidenten die Korruption geißelte. Oder wie 2006 bei sei­ner Rede im Luna Park. Pater Carlos Accaputo, seit 1992 ein enger Berater Bergoglios, sagt: „Ich glaube, Gott hat ihn während seines ganzen seelsorgerlichen Dienstes auf diesen Moment vorbereitet.“

Jedenfalls war sein Pontifikat kein Zufall. Der römische Autor Massimo Franco drückte es so aus: „Seine Wahl resultierte aus einem Trauma“ – dem plötzlichen (fast sechs Jahrhunderte lang nicht vorgekommenen) Rücktritt des amtieren­ den Papstes, Benedikt XVI., und dem unter fort­ schrittlicheren Kardinälen wachsenden Gefühl, dass die überkommene und eurozentrische Denkweise des Heiligen Stuhls die katholische Kirche von innen verfaulen lasse.

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(NG, Heft 8 / 2015, Seite(n) 122 bis 147)
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