Peru - Das Geheimnis von El Castillo

Autor: Heather Pringle  —  Bilder: Robert Clark
Hand einer Anden-Adligen

In der Nachmittagssonne an der peruanischen Küste steht der Archäologe Miłosz Giersz am Eingang einer antiken Grabstätte und klopft sich mehr als tausend Jahre alten Staub aus seiner Hose. Nicht wenige hatten ihn gewarnt, dass das Graben in den Trümmern von El Castillo de Huarmey verschwendete Zeit sein würde. Schließlich hatten Grabräuber jahrzehntelang die Stätte durchwühlt – auf der Suche nach Skeletten, die mit Gold geschmückt und in feinste Stoffe gehüllt waren. Der schlangenförmige Hügel, vier Autostunden nördlich von Lima, sieht aus wie eine Mischung aus Mondoberfläche und Mülldeponie: übersät mit Kratern, uralten Menschenknochen, aber auch mit Abfall und Lumpen von heute. Die Grabräuber entledigten sich meistens ihrer Kleidung, bevor sie nach Hause zurückkehrten – aus Angst, sie könnten ihre Familien mit Krankheiten der Toten anstecken.

Doch Giersz, ein 36 Jahre alter unkonventioneller Wissenschaftler, der Andenarchäologie an der Universität Warschau lehrt, war wild entschlossen, genau hier zu forschen. Etwas sehr Wichtiges musste vor 1200 Jahren am El Castillo geschehen sein, da war er sich sicher. Textilfragmente und Tonscherben aus Perus wenig bekannter Wari-Kultur, deren Kerngebiet weit unten im Süden war, lagen verstreut auf den Hängen.

Zunächst zeichneten Giersz und ein kleines polnisch-peruanisches Forscherteam mithilfe eines Magnetometers auf, was unter der Erde lag, und machten Luftaufnahmen mit einer an einem Drachen montierten Kamera. Die Ergebnisse brachten zum Vorschein, was Generationen von Grabräubern entgangen war: die schwach ausgeprägten Umrisse von vergrabenen Mauern entlang eines felsigen Ausläufers. Jetzt konnten die Archäologen damit beginnen, ihren Fund freizulegen.

Die schwachen Umrisse erwiesen sich schließlich als ein gewaltiges Labyrinth von hohen Mauern und Kammern, die sich über das ganze südliche Ende von El Castillo ziehen. Der weitläufige Komplex, früher blutrot angemalt, schien ein Wari-Tempel zu sein, der dem Ahnenkult diente. Als die Archäologen im Herbst 2012 unter einer Schicht schwerer Lehmziegel gruben, kam zutage, was sie nicht für möglich gehalten hätten: ein nicht geplündertes Königsgrab.

Im Inneren waren vier Königinnen oder Prinzessinnen der Wari bestattet, zusammen mit mindestens 54 hochgestellten Personen und mehr als tausend erlesenen Artefakten, von goldenem Ohrschmuck bis zu Silberschalen und Äxten aus Kupferlegierungen – alles von feinster Handwerkskunst.

«Das ist eine der wichtigsten Entdeckungen der letzten Jahre», sagt Cecilia Pardo Grau, Kuratorin für präkolumbische Kunst im Kunstmuseum von Lima. Die Analyse der Funde wirft ein neues Licht auf das Volk der Wari und ihre wohlhabende herrschende Klasse.

Im 7. Jahrhundert n. Chr., lange vor den Inka, erreichten die Wari im peruanischen Ayacucho-Tal ihre Blütezeit in einer Periode wieder kehrender Dürren und Naturkatastrophen. Sie wurden meisterhafte Ingenieure, konstruierten Aquädukte und Kanalsysteme zur Bewässerung ihrer Terrassenfelder. Nahe dem heutigen Ort Ayacucho gründeten sie ihre Hauptstadt Huari. Auf dem Höhepunkt lebten dort 40.000 Menschen – doppelt so viele wie zu dieser Zeit in Paris. Von Huari aus weiteten die Wari ihr Reich Hunderte von Kilometern entlang der Anden und bis in die Wüstengebiete an der Küste aus. Für viele Archäologen war es das erste Großreich in den südamerikanischen Anden.

Forscher haben sich den Kopf darüber zerbrochen, wie die Wari dieses unübersehbare, schwer zu beherrschende Reich aufbauen und regieren konnten – ob durch Eroberung, durch kulturelle Überformung oder eine Kombination aus beidem. Anders als die meisten Großreiche besaßen die Wari kein Schriftsystem und hinterließen keine Aufzeichnungen. Die Funde von El Castillo, etwa 850 Kilometer von der Wari­Hauptstadt entfernt, füllen jetzt viele dieser Lücken.

Die fremden Eindringlinge erschienen vermutlich erstmals gegen Ende des 8. Jahrhunderts an diesem Küstenabschnitt. Die Region lag an der Südgrenze des Moche-Reichs, und anscheinend gab es hier keine starken lokalen Anführer. Wie die Fremden ihre Angriffe organisierten, ist unklar, doch ein Ritualkelch, der im Königsgrab von El Castillo entdeckt wurde, zeigt mit Streitäxten bewaffnete Wari-Krieger, die gegen Männer mit Speerschleudern kämpfen. Als sich der Nebel des Krieges lichtete, hatten die Wari das Heft fest in der Hand. Der neue Herrscher ließ am Fuße des El Castillo einen Palast erbauen, und im Laufe der Zeit gestalteten er und seine Nachfolger den steilen Hügel darüber in einen hoch aufragenden Tempel zur Ahnenverehrung um.

Im Laufe von fast tausend Jahren bedeckten Trümmer und vom Wind herbeigewehte Ablagerungen El Castillo, das heute wie eine gewaltige, von unten nach oben aufgebaute Stufenpyramide wirkt. Giersz vermutete von Anfang an, dass mehr dahintersteckt, als sich auf Anhieb erkennen ließ. Um den Bauplan zu analysieren, lud er Architekten ein, die freigelegten Treppen und Mauern zu untersuchen. Ihre Studien bestätigten, was Giersz vermutet hatte: Die Wari-Ingenieure hatten auf dem Gipfel der natürlichen Felsformation mit der Konstruktion begonnen und sich dann nach unten gearbeitet. Sie hätten diese Methode vom Bau ihrer Felder übernommen, sagt Krzysztof Makowski, Archäologe an der Pontificia Universidad Católica del Perú (PUCP) in Lima und wissenschaftlicher Beirat des El-Castillo-Projekts: «In den Bergen haben die Wari Terrassenfelder angelegt, und sie fingen oben an.»

An der höchsten Stelle von El Castillo meißelten die Bauarbeiter zunächst eine unterirdische Kammer aus: das Königsgrab. Als sie zur Versiegelung bereitstand, schütteten sie 30 Tonnen Schutt hinein und bedeckten die Kammer mit einer Schicht schwerer Lehmziegel. Dann bauten sie darüber ein Gebäude mit blutroten Mauern, die kilometerweit zu sehen waren. In kleinen Kammern im Inneren hinterließ die Wari-Elite reiche Opfergaben – von fein gewebten Textilien, die den alten Andenvölkern wertvoller waren als Gold, über Knotenschnüre (Quipu), bis hin zu Körperteilen des Andenkondors, der für die Wari-Aristokratie besondere Bedeutung hatte. Im Zentrum des Mausoleums gab es einen Raum mit einem Thron.

Der deutsche Archäologe Heiko Prümers hatte den Fundort schon in den 1980er Jahren obertägig untersucht und seine Forschungsergebnisse in einem zweibändigen Werk veröffentlicht („Der Fundort ‚El Castillo‘ im Huarmeytal, Peru. Ein Beitrag zum Problem des Moche-Huari Textilstils“). Ihm erzählten Grabplünderer, sie hätten in dem Raum mit dem Thron Mumien gefunden, die in Mauernischen aufgereiht waren. «Wir sind ziemlich sicher, dass dieser Ort dem Ahnenkult gewidmet war», erklärt heute auch Giersz. Er könnte sogar der Verehrung der Mumie des Herrschers gedient haben.

Um im Tod den Mitgliedern der königlichen Dynastie nahe zu sein, sicherten sich Adlige Plätze für ein eigenes Mausoleum auf dem Hügel. Als sämtliche Stellen dort besetzt waren, schufen sie weitere, indem sie in die Hänge bis ganz hinunter Stufenterrassen bauten und mit Grabtürmen und Gräbern versahen.

Der soziale Status spielte auch noch im Tod eine große Rolle.

El Castillo bedeutete den Wari-Adligen der- maßen viel, dass sie jeden verfügbaren Arbeiter einspannten. Im getrockneten Mörtel vieler freigelegter Mauern finden sich menschliche Handabdrücke, manche von Kindern, die nicht älter als elf oder zwölf gewesen sein dürften. Als die Bauarbeiten beendet waren, vermutlich zwischen 900 und 1000 n. Chr., stand eine gewaltige blutrote Grabstätte über dem Tal. El Castillo wurde zwar von den Toten bewohnt, doch der Hügel sandte eine machtvolle politische Botschaft an die Lebenden: Die Wari-Eroberer sind jetzt die rechtmäßigen Herrscher. «Ihre Geister lebten dort, also war es ihr Land», sagt Makowski. «Diese Logik ist Teil der Andenkultur.»

In einer kleinen ummauerten Kammer an den Westhängen der Grabstätte hockt Wiesław Więckowski über einem mumifizierten menschlichen Arm und pinselt Sand von den knochigen Fingern. Seit fast einer Stunde bearbeitet der Bioarchäologe von der Warschauer Universität jetzt Fundstücke eines zerfallenen Wari-Begräbnisbündels und sucht nach weiteren Überresten des Leichnams. Eine langwierige Arbeit, die viel Feingefühl erfordert. Mit seiner Kelle legt er ein Stück eines menschlichen Oberschenkelknochens frei, der in einem Loch in der Mauer steckt. Więckowski runzelt enttäuscht die Stirn. Grabräuber, erklärt er, hätten wahrscheinlich versucht, die Mumie aus einem Nebenraum zu ziehen und sie dabei buchstäblich in Stücke gerissen. «Die Mumie war ein Mann und ziemlich alt. Mehr können wir noch nicht sagen.»

Für die Konservierung menschlichen Weichteilgewebes seien die Bedingungen in der Kammer nicht optimal gewesen, erklärt Więckowski. Dennoch liefern seine Studien wichtige Details vom Leben und Sterben der Adligen und ihrer Bewacher. Fast alle Toten in der Kammer waren Frauen und Mädchen, die sehr wahrscheinlich eines natürlichen Todes starben und mit großem Respekt behandelt wurden. Diener kleideten sie in prächtige Tuniken und Schals, bemalten ihre Gesichter mit heiliger roter Farbe und legten ihnen kostbare Juwelen an, von goldenem Ohrschmuck bis zu feinen Halsketten mit Kristallperlen. Dann brachten die Trauernden die Leichname in die bei den Wari übliche Hockstellung und wickelten sie in ein großes Tuch, um ein Mumienbündel herzustellen.

«Der soziale Status spielte im Tod eine ebenso große Rolle wie im Leben», sagt Więckowski. Diener bestatteten die Frauen mit dem höchsten Rang – vielleicht Königinnen oder Prinzessinnen – separat in drei Seitenkammern des Grabes. Die wichtigste, eine Frau von etwa 60 Jahren, war umgeben von Luxusgegenständen, darunter sechs Paare Ohrschmuck, eine bronzene Zeremonialaxt und ein Silberkelch. «Diese Dame, was hat sie wohl getan?», denkt sein Kollege Makowski laut nach. «Sie hat mit goldenen Geräten gewebt, wie eine echte Königin.»

Hinter dieser Grabkammer liegt ein großer Gemeinschaftsbereich, in dem Diener die Leichen von Frauen niederen Adels an den Wänden platzierten. Neben beinahe alle Toten stellten sie eine Truhe von etwa der Größe eines Schuhkartons. Sie war aus Bambusrohr und enthielt Utensilien zur Herstellung hochwertiger Stoffe. Wari­Frauen waren meisterhafte Weberinnen. Sie produzierten gobelinartige Stoffe, deren Garnfeinheit – das hatte bereits Heiko Prümers vom Deutschen Archäologischen Institut analysiert – höher war als die der berühmten flämischen und holländischen Weber des 16. Jahrhunderts.

Sobald die Kammer fertig war für die Versiegelung, brachten Diener die letzten Opfergaben die Hänge des El Castillo hinauf. Sie opferten Menschen: drei Kinder – darunter ein vielleicht neun Jahre altes Mädchen – und drei junge Erwachsene. Es sei durchaus möglich, dass es Kinder der besiegten Adligen waren, sagt Więckowski: «Wenn man der Herrscher ist und will, dass die Menschen dem neuen Herrschergeschlecht ihre Loyalität erweisen, dann nimmt man ihre Kinder.»
Die Diener töteten die Opfer und warfen sie in das Grab. Dann verschlossen sie die Kammer, setzten den eingewickelten Körper eines jungen erwachsenen Mannes im besten Alter und den einer älteren Frau als Wächter an den Eingang. Beiden Leichnamen fehlte der linke Fuß – viel- leicht um (symbolisch) sicherzustellen, dass sie ihren Posten nicht verlassen konnten.

Irgendwo im Labyrinth könnte das Grab eines Wari-Herrschers liegen.

Więckowski wartet noch auf die DNA-Analysen und die Ergebnisse der radiometrischen Datierung, um mehr über die Frauen in dem Grab zu erfahren und woher sie kamen. Für seinen Kollegen Giersz setzt sich allmählich ein detailliertes Bild der Wari-Invasion an der Nordküste zusammen. «Die Tatsache, dass sie hier einen so großen Tempel gebaut haben, auf einem markanten Stück Land an den früheren Grenzen des Moche-Reichs, weist sehr stark darauf hin, dass die Wari die Region erobert haben und vorhatten zu bleiben.»

In einem ruhigen Hinterzimmer des Kunstmuseums in Lima untersuchen die Archäologen von El Castillo mit strahlenden Gesichtern einige ihrer frisch gereinigten Fundstücke. Wochenlang haben Restauratoren die dicke schwarze Patina entfernt, die viele der metallenen Artefakte überzog. Zum Vorschein kamen glänzende Verzierungen wie auf drei goldenen Ohrschmuckstücken von der Größe eines Türknaufs, die eine geflügelte Gottheit oder ein mythisches Wesen zeigen.

In einem großen Karton auf dem Tisch liegt eine der wertvollsten Entdeckungen des Teams: eine Pilgerflasche aus Keramik. Reich verziert und bemalt, zeigt die Flasche einen prächtig gekleideten Wari-Herrscher, der auf einem Floß aus Balsaholz über Küstengewässer fährt, in dem es von Walen und anderem Meeresgetier wimmelt. Die 1200 Jahre alte Flasche, die unter den kostbaren Grabbeigaben einer toten Königin in El Castillo gefunden wurde, scheint ein Ereignis – teils mythisch, teils real – aus der Geschichte der Nordküste zu schildern: die Ankunft eines bedeutenden Adligen, vielleicht sogar des Wari-Königs persönlich. «Und so fangen wir an, die Geschichte des Wari-Herrschers zusammen- zusetzen, der sich mit einem Floß auf See begibt», sagt Makowski lächelnd, «eines König, der, begleitet von seinen Gattinnen, an der Küste von Huarmey stirbt.»

Noch ist es nur eine Geschichte, eine wohlbegründete archäologische Vermutung. Aber Giersz, der findige Wissenschaftler, der die verborgenen Umrisse von Mauern erkannte, wo andere nur den Schutt sahen, den Grabräuber hinterlassen hatten, glaubt noch immer, dass das Grab jenes großen Wari-Herrschers irgendwo in dem Labyrinth von unterirdischen Kammern liegen könnte. Und er hofft, dass ihm die Grabräuber nicht zuvorkommen.

Erfahren Sie außerdem mehr auf unserer Inka-Themenseite.


(NG, Heft 7 / 2014, Seite(n) 86 bis 109)

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Extras

DVD-Box: Untergegangene Kulturen
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