Schon auf ersten kurzen Expeditionen zu den Korallenriffen von Raja Ampat kamen Forscher zu erstaunlichen Ergebnissen: Sie fanden mehr als 450 Spezies riffbildender Korallen, neun davon wurden hier erstmals entdeckt. Zum Vergleich: In der gesamten Karibik gibt es „nur“ rund 70 Arten. Da die Riffe unserer Erde in katastrophalem Ausmaß zerstört werden, führten diese Erkenntnisse dazu, dass Umweltgruppen heute mit Hochdruck daran arbeiten, diesen Schatz zu bewahren.
Einer der ersten Taucher, die diese Artenfülle kennenlernten, war der Niederländer Max Ammer. Der Abenteurer kam 1990 auf die dünn besiedelten Inseln, um hier nach abgeschossenen Flugzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg zu suchen. Er blieb – wegen der Korallen. Auf der kleinen Insel Kri richtete er zwei Öko-Resorts ein. Im Jahr 1998 begleitete er den australischen Ichthyologen Gerry Allen als Unterwasserführer. „Bei jedem Tauchgang machten wir neue Entdeckungen“, sagt Allen. „Niemals zuvor hatte ich solch eine Vielfalt auf so kleinem Raum gesehen!“ Der Fischkundler warb bei der Naturschutzgruppe Conservation International (CI) für eine detaillierte Übersichtsuntersuchung von Raja Ampat.
Doch die abgeschiedene Lage des Archipels und die politischen Unruhen in Indonesien erschwerten die systematische Erkundung der Riffe. Im Jahr 2001 gehörte Allen schließlich zu der Forschergruppe, die von CI beauftragt wurde, eine erste Bewertung der Gewässer abzugeben. Das Ergebnis: Die Wissenschaftler zählten 970 Fischarten – Allens persönlicher Rekord lag bei 283 Spezies auf einem einzigen Tauchgang. Nach weiteren Expeditionen – finanziert von CI und der Organisation Nature Conservancy – wurde die Artenzahl der Fische , Korallen und anderer Tiere immer wieder nach oben korrigiert. Die Studien zeigten, dass dieser neu erforschte Korallendschungel als das Amazonien der Riffe bezeichnet werden kann. Das Meeresgebiet von Raja Ampat ist rau und dabei überaus reich an Plankton, dem Schlüssel für die Fruchtbarkeit der Riffe. Deshalb wirken die Gewässer oft trübe. Sie werden von kräftigen Strömungen durcheinander gewirbelt wie in einer Waschmaschine.
Als ich mit meiner Tauchpartnerin Jennifer Hayes vor einer Felsinsel bei Kri über die Riffkante schwimme, wechselt die Farbe des Meeres von Hellblau in ein düsteres Grün. Die Strömung schlägt uns entgegen wie ein gefährlicher Wirbelwind, die purpurfarbenen Lederkorallenfelder kräuseln sich darin. Als wir einen geschützten Winkel mit ruhigerem Wasser erreichen, liegt unter uns ein Hain aus roten und gelben Fächerkorallen, umgeben von einer rosa und violett gefärbten Hecke aus Weichkorallen. Am Rande der Strömung schweben Schwärme aus orangefarbenen Sichel-Fahnenbarschen, im Weichkorallengarten patroulliert eine Kompanie esstellergroßer Fledermausfische.
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