Der Seestern gehört zu den auffälligsten Lebewesen einer bunten Gemeinschaft, die in Kalifornien die Küste der Bodega Bay besiedelt. Seesterne können sehr groß werden – größer als zwei Männerhände – und viele zeigen auffällige Farben, orange oder dunkelrot. Man findet sie oft in Felsspalten, formlos herumliegend wie weggeworfenes Plastikspielzeug. Doch ihre scheinbare Trägheit täuscht: Der Ockerseestern Pisaster ochraceus steht in der Gezeitenzone an der Spitze der Nahrungskette – er ist sozusagen der Tiger der Tümpel, welche die ablaufende Flut hinterlässt. Dabei hat er nicht einmal so etwas wie ein Gehirn.
An der Bodega Bay, nördlich von San Francisco, begleitet mich die Meeresbiologin Sarah Ann Thompson über die zerklüfteten Felsen und durch die Gezeitentümpel. Während ich mich voll darauf konzentriere, in meinen Gummistiefeln und Knieschonern auf dem glitschigen Seetang nicht auszurutschen, bückt sie sich und hebt einen orangefarbenen Seestern auf.
Es ist ein bizarres Wesen. Pisaster kann im Handumdrehen – oder in der Zeit, die er dazu brauchen würde, wenn er Hände hätte – seinen normalerweise weichen Körper versteifen und in ein knochenhartes Gebilde verwandeln. Dann greift er mit Hunderten von Saugfüßen nach einer Muschel. Mit seinem inneren Hydrauliksystem bringt er so viel Kraft auf, dass er die Muschelschalen auseinanderziehen kann.
«Dieser Kerl hier hat seine Beute bereits getötet», sagt die Forscherin. Sie hat den Seestern in der einen Hand und spreizt mit den Fingern der anderen ein wenig die Schalen des toten Weichtiers. «Pisaster hat seinen Magen durch den Mund nach außen gestülpt und verdaut die Muschel außerhalb seines Körpers.»
Dieses zähe Zeug in der Muschel ist also...? «Ja, das ist der Magen des Seesterns. Wenn er seine Mahlzeit beendet hat, zieht er den Magen wieder ein und geht seiner Wege.»
Biologen lieben die Gezeitenzone, jene Region an Felsküsten, an denen der Ozean zweimal am Tag das Land überspült und wieder freigibt. Bei Ebbe bleiben in den steinigen Mulden Tümpel zurück, die nach jeder Flutperiode anders besiedelt sind – bis das Wasser wiederkommt. In der Gezeitenzone können die Forscher in kurzer Zeit und auf kleinem Raum ökologische Prozesse beobachten, die sich anderswo in der Natur in viel größerem Maßstab abspielen. Wer zum Beispiel der Frage nachgeht, wie sich Tier- und Pflanzenwelt in aneinandergrenzenden Lebensräumen verändern – im Übergang von der Wüste zum Wald oder von der Ebene zum Hochgebirge –, der muss oft viele Kilometer abschreiten, beobachten und vermessen. Im Bereich der Gezeiten durchquert man mit wenigen Schritten alle Zonen: vom Seegras ganz unten über die Etagen der Seeanemonen, Muscheln und Seepocken bis zu den Napfschnecken in den oberen Stockwerken.
Nachdem ein Tornado durch einen Wald gerast ist, können Jahrhunderte vergehen, bis auf den abrasierten Flächen zunächst das erste Gras den Büschen Platz macht und schließlich die Pionierbäume den Arten eines reifen Waldes weichen. Schabt dagegen ein von den Wellen angespülter Baumstamm die Lebewesen in der Gezeitenzone bis auf das nackte Gestein ab, können die Biologen dabei zusehen, wie die ursprüngliche Lebensgemeinschaft sich wieder einstellt: Es dauert nur wenige Jahre.
Eine der artenreichsten Gezeitenzonen der Welt findet sich an der Westküste Nordamerikas. Der Grund ist ein glückliches Zusammentreffen verschiedener geologischer und klimatischer Faktoren: Kurz vor der Küste quillt nährstoffreiches Tiefenwasser der kalten Pazifikströmungen an die Oberfläche; im Winter wird es selten so kalt, dass Eisschollen die Felsen abkratzen könnten; es gibt oft Nebel, der die Meerestiere bei Ebbe vor der austrocknenden Sonne schützt.
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