Riffe aus Stahl

Autor: Stephen Harrigan  —  Bilder: David Doubilet

Aus dem rostigen Rumpf des Truppentranspor­ters „General Hoyt S. Vandenberg“ dringen dumpfe Explosionen. Der Wind trägt den scharfen Geruch von Schießpulver zu den Beobachtern. 46 Sprengladungen waren für diesen Tag, den 27. Mai 2009, unter der Was­serlinie des amerikanischen Kriegsschiffes angebracht worden. Einen endlosen Moment lang scheint es auf die Erschütterungen gar nicht zu reagieren. Es liegt ruhig im Wasser – ein 159 Meter langes Wrack mit zwei nutzlos aufragenden Radarschüsseln.

Doch dann, während die Hubschrauber mit den Journalisten kreisen und Tausende Schau­lustige auf rundherum schwärmenden Booten zusehen, versinkt die „Vandenberg“ im Atlantik. Zunächst bleibt sie perfekt waagerecht, als würde sie im Aufzug nach unten fahren. Erst zum Schluss kippt der Bug, das Heck steigt in die Höhe, dann verschwindet das Schiff in einem Strudel weißer Gischt. «Schon heute Nachmit­tag werden Fische in dem Wrack leben!», sagt Joe Weatherby. Er leitet das Projekt, die „Van­denberg“ in ein künstliches Riff zu verwandeln, das Taucher und Angler nach Key West locken soll. So, wie schon einige andere zuvor.

Der Meeresgrund vor den Florida Keys ist die letzte Ruhestätte der Küstenwachekutter „Bibb“ und „Duane“ sowie für das Landungsschiff „Spiegel Grove“. Etwa 30 Kilometer vor Pensa­cola liegt auch ein Flugzeugträger – die „USS Oriskany“, heute das größte stählerne Riff der Welt. Auch Dutzende Transportschiffe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurden entlang der Küsten von Atlantik und Pazifik versenkt.

Dass es sich lohnt, rund um Schiffswracks seine Angel auszuwerfen, ist keine Neuigkeit. Schon vor rund 200 Jahren konstruierten ame­rikanische Fischer künstliche Riffe aus ineinan­der verschränkten Baumstämmen. Praktisch alles, was sich versenken lässt, kann Ausgangs­punkt für die Bildung eines neues Riffes sein. Selbst Müll, sofern vorher giftige Bestandteile und Flüssigkeiten entfernt wurden: alte Kühl­schränke, Einkaufswagen, Schrottautos, ausran­gierte Warenautomaten fanden so schon eine neue Verwendung. Behörden und Organisatio­nen denken größer: Sie verwenden U-Bahn-Waggons, alte Panzer, Truppentransporter, Bohrinseln und Flugzeugrümpfe, um Korallen die Ansiedlung schmackhaft zu machen und die Besiedlung mit Fischen zu fördern. Eine Alter­native sind Konstruktionen aus Beton – zum Beispiel bis zu zwei Meter große Kugeln mit durchbrochener Hülle.

Ob und wie schnell aus einem Wrack wie der „Vandenberg“ das Zentrum eines Unterwasser­gartens wird, hängt von vielen Einzelheiten ab: von der Tiefe des Wassers, der Temperatur so­wie der Beschaffenheit des Meeresgrunds. Kommt der Prozess einmal in Gang, ist die Ent­wicklung gut vorhersagbar: Trifft eine Meeres­strömung auf ein senkrechtes Objekt wie die „Vandenberg“, entsteht dort ein planktonreicher Auftrieb, in dem sich Sardinen und Elritzen sammeln – attraktives Futter für räuberische Thunfische und Haie. Als Nächstes kommen Lebewesen, die im Wrack Schutz vor der tödli­chen Weite des Meeres suchen – Höhlen- und Spaltenbewohner wie Zackenbarsche, Husaren­fische, Aale und Drückerfische. Ihnen folgen Räuber wie Stachelmakrelen und Barrakudas. Mit der Zeit siedeln sich auf der Stahlhülle Al­gen und Manteltiere, Korallen und Schwämme an. Sie erweitern das Spektrum der Artenvielfalt und dienen ihrerseits wieder anderen Arten als Anziehungspunkt.

Noch mehr interessante Artikel zu diesem Thema finden Sie auf unserer Ozean-Seite!

Seite 1 von 3

(NG, Heft 08 / 2011, Seite(n) 86 bis 101)


  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus