Aus dem rostigen Rumpf des Truppentransporters „General Hoyt S. Vandenberg“ dringen dumpfe Explosionen. Der Wind trägt den scharfen Geruch von Schießpulver zu den Beobachtern. 46 Sprengladungen waren für diesen Tag, den 27. Mai 2009, unter der Wasserlinie des amerikanischen Kriegsschiffes angebracht worden. Einen endlosen Moment lang scheint es auf die Erschütterungen gar nicht zu reagieren. Es liegt ruhig im Wasser – ein 159 Meter langes Wrack mit zwei nutzlos aufragenden Radarschüsseln.
Doch dann, während die Hubschrauber mit den Journalisten kreisen und Tausende Schaulustige auf rundherum schwärmenden Booten zusehen, versinkt die „Vandenberg“ im Atlantik. Zunächst bleibt sie perfekt waagerecht, als würde sie im Aufzug nach unten fahren. Erst zum Schluss kippt der Bug, das Heck steigt in die Höhe, dann verschwindet das Schiff in einem Strudel weißer Gischt. «Schon heute Nachmittag werden Fische in dem Wrack leben!», sagt Joe Weatherby. Er leitet das Projekt, die „Vandenberg“ in ein künstliches Riff zu verwandeln, das Taucher und Angler nach Key West locken soll. So, wie schon einige andere zuvor.
Der Meeresgrund vor den Florida Keys ist die letzte Ruhestätte der Küstenwachekutter „Bibb“ und „Duane“ sowie für das Landungsschiff „Spiegel Grove“. Etwa 30 Kilometer vor Pensacola liegt auch ein Flugzeugträger – die „USS Oriskany“, heute das größte stählerne Riff der Welt. Auch Dutzende Transportschiffe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurden entlang der Küsten von Atlantik und Pazifik versenkt.
Dass es sich lohnt, rund um Schiffswracks seine Angel auszuwerfen, ist keine Neuigkeit. Schon vor rund 200 Jahren konstruierten amerikanische Fischer künstliche Riffe aus ineinander verschränkten Baumstämmen. Praktisch alles, was sich versenken lässt, kann Ausgangspunkt für die Bildung eines neues Riffes sein. Selbst Müll, sofern vorher giftige Bestandteile und Flüssigkeiten entfernt wurden: alte Kühlschränke, Einkaufswagen, Schrottautos, ausrangierte Warenautomaten fanden so schon eine neue Verwendung. Behörden und Organisationen denken größer: Sie verwenden U-Bahn-Waggons, alte Panzer, Truppentransporter, Bohrinseln und Flugzeugrümpfe, um Korallen die Ansiedlung schmackhaft zu machen und die Besiedlung mit Fischen zu fördern. Eine Alternative sind Konstruktionen aus Beton – zum Beispiel bis zu zwei Meter große Kugeln mit durchbrochener Hülle.
Ob und wie schnell aus einem Wrack wie der „Vandenberg“ das Zentrum eines Unterwassergartens wird, hängt von vielen Einzelheiten ab: von der Tiefe des Wassers, der Temperatur sowie der Beschaffenheit des Meeresgrunds. Kommt der Prozess einmal in Gang, ist die Entwicklung gut vorhersagbar: Trifft eine Meeresströmung auf ein senkrechtes Objekt wie die „Vandenberg“, entsteht dort ein planktonreicher Auftrieb, in dem sich Sardinen und Elritzen sammeln – attraktives Futter für räuberische Thunfische und Haie. Als Nächstes kommen Lebewesen, die im Wrack Schutz vor der tödlichen Weite des Meeres suchen – Höhlen- und Spaltenbewohner wie Zackenbarsche, Husarenfische, Aale und Drückerfische. Ihnen folgen Räuber wie Stachelmakrelen und Barrakudas. Mit der Zeit siedeln sich auf der Stahlhülle Algen und Manteltiere, Korallen und Schwämme an. Sie erweitern das Spektrum der Artenvielfalt und dienen ihrerseits wieder anderen Arten als Anziehungspunkt.
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