Riss im Paradies

Autor: Robert Draper  —  Bilder: Joel Sartore, Pascal Maitre

Der Mwami erinnert sich an die Zeit, als er eine Art König war. Sein Urteil war Gesetz, seine Macht absolut. Seit 1954 ist er, wie vor ihm sein Vater und sein Großvater, das Oberhaupt des Stammes der Bashali im Bezirk Masisi, einer Region mit hügeligem Weideland im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo). Sein voller Name lautet Sylvestre Bashali Mokoto, doch die anderen Häuptlinge nennen ihn schlicht doyen: der Älteste. Lange Zeit seines Lebens nahm der Mwami von Zuwanderern in seinen Distrikt Vieh und andere Geschenke entgegen. Dafür verteilte er Land nach seinem Gutdünken.

Heute sitzt der Häuptling auf einem schmut­zigen Sofa in einer armseligen Behausung in Goma, einer Stadt im Kongo, ein paar Autostunden südlich von Masisi. Sein ehemaliger Herrschaftsbereich ist nun die Hauptfront eines Überlebenskampfes, der schon mehr als ein Jahrzehnt andauert, von dem der Rest der Welt allerdings nur selten Notiz nimmt. Im Osten des Kongo streiten Angehörige verschiedener Völker – der Tutsi, der Hutu und der Hunde – erbittert um Bodenrechte. Räuberische Milizen besetzen Ländereien mit Gewalt. Viehhirten suchen nach Weideland. Aus allen Ecken dieser fruchtbaren, aber bedrohlich überbevölkerten Region Ostafrikas strömen Flüchtlingsmassen hierher, die einen Platz suchen, an dem sie bleiben können. Den 80 Hektar großen Grund des Mwami nahm sich vor einigen Jahren ein Führer der Rebellen­armee. Er zwang Mokoto, sich in diese Baracke in Goma zurückzuziehen.

Die Stadt ist ein Albtraum. Noch vor zwei Jahrzehnten lebten hier etwa 50000 Menschen. Heute sind es mindestens eine Million. Bewaff­nete Männer durchstreifen die schmutzigen, un­beleuchteten Straßen. Sie tragen Uniform, erken­nen aber niemanden als Vorgesetzten an. Aus den umliegenden Wäldern kommen rund um die Uhr Menschen auf Fahrrädern und mit hölzernen Lastenrollern, den chukudus, Richtung Markt. Sie transportieren riesige Säcke voller Holzkohle. Nördlich der Stadtgrenze rumort der Vulkan Ny­iragongo. Als er zuletzt 2002 ausbrach, ergoss sich seine Lava tosend in die Stadt und löschte Gomas Geschäftsviertel aus. Am südlichen Stadtrand schimmert der Kiwusee. Sein Wasser hat enorm viel Kohlendioxid und Methangas gebunden. Sollte es eines Tages frei werden – etwa nach ei­nem Erdbeben oder einem neuerlichen Vulkan­ausbruch –, könnte es alle Menschen in und um Goma ersticken. Doch wo sollen sie hin?

Die meisten haben genausowenig eine Wahl wie der Mwami. Trotz seiner Manschettenknöp­fe und des ordentlich gestutzten Barts ist er hier in Goma kein Häuptling mehr. Er ist einfach nur Sylvestre Mokoto, ein Mann, den es auf dieses Pulverfass verschlagen hat. Als sein Gast, ein Journalist aus dem Westen, bringe ich keine Geschenke, sondern habe nur viele Fragen.

Es ist aus mit der Herrschaft der Mwamis in dieser Gegend Ostafrikas. Die Region ist in den letzten Jahrzehnten zu einem Schauplatz unvorstellbarer Gewalt geworden. Im Norden Ugandas wurden Zehntausende von Einheimi­schen umgebracht oder vertrieben. Völkermorde in Ruanda und Burundi kosteten mehr als eine Million Menschen das Leben. Es folgten zwei Kriege im Ostkongo. Der zweite wird Großer Afrikanischer Krieg genannt, weil so viele Nach­barländer darin verstrickt waren. Mehr als fünf Millionen Menschen sollen dabei umgekommen sein, hauptsächlich durch Krankheit und Hun­ger. Die Regierungen jeder Region unterstützen diverse Rebellengruppen, ein undurchschauba­res Durcheinander von Milizen, die in einer der reichsten Landschaften Afrikas um Macht, Land und Rohstoffe konkurrieren.

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie auf unserer Übersichtsseite zu "7 Milliarden".

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(NG, Heft 11 / 2011, Seite(n) 90 bis 117)


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