Rituale und Rache

Autor: Neil Shea  —  Bilder: Randy Olson

Dunga Nakuwa lässt den Kopf in seine Hände sinken und erinnert sich an die Stimme seiner Mutter. Seit fast zwei Jahren ist sie tot, doch für Dungas Volk sind die Verstorbenen nicht weit weg. Sie werden ganz nah bei den Lebenden begraben. Sie liegen direkt unter den Hütten, nur durch einen knappen Meter Erde von den Herden und den Schlafstätten aus Tierhäuten getrennt. Auch in den Köpfen und Herzen sind sie noch ganz nah. Bis heute hört Dunga die Stimme seiner Mutter, wie sie ihn fragt: „Wann rächst du deinen Bruder?“

Als sie noch lebte, weckte sie mit diesen Worten wieder und wieder den Zwiespalt in Dunga, dem er zu entkommen suchte. Nachdem sein Bruder Kornan ermordet worden war, übernahm er den Platz als ihr ältester Sohn. Schon Dungas Vater war von einem verfeindeten Stamm gemeuchelt worden. Damals fiel die Pflicht der Blutrache zunächst auf seinen älteren Bruder. Nun, da auch Kornan tot war, lag eine doppelte Last auf Dungas Schultern.

Die Männer des Volks der Kara, zu dem auch Dunga gehört, sind bekannt als gute Schützen. Sie hatten sich lange Zeit erfolgreich gegen Übergriffe der Nyangatom – eines größeren und besser bewaffneten Stammes – gewehrt. In beiden Ethnien tragen Kämpfer, die einen Feind getötet haben, Narben zur Schau: Einschnitte in das Fleisch der Schultern oder der Brust. Und bei beiden ist es eine Mannespflicht, für den Mord an einem Stammesmitglied Vergeltung zu üben. Deshalb hörte Dunga aus der Frage seiner Mutter immer auch noch eine weitere heraus: „Wann wird aus dir endlich ein Mann?“

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(NG, Heft 4 / 2010)


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