12. September, Dienstag. Kaum Sicht. Fiese Brise aus Süden. – 52° C. Die Hunde leiden deutlich unter der Kälte. Die Männer, steif in ihrer gefrorenen Kleidung, nach einer Nacht im Frost... Aussicht auf milderes Wetter zweifelhaft.»
Diese knappen Zeilen notierte vor hundert Jahren der norwegische Arktisforscher Roald Amundsen in sein Tagebuch. Fünf Jahre zuvor hatte er sich Anerkennung verschafft, als er als Erster die legendäre arktische Nordwestpassage vom Atlantik zum Pazifik durchquerte.
Nun befand er sich am entgegengesetzten Ende der Welt, in der Antarktis , und wollte das Ziel erreichen, das einem Entdecker seiner Zeit den größten Ruhm versprach: den Südpol. Dieses kühne Unterfangen hatte er mit der ihm eigenen Sorgfalt vorbereitet, wenn auch der Plan mehr aufgrund äußerer Umstände entstanden war. Zwei Jahre zuvor hatte Amundsen noch vor, das Polarmeer zu erkunden und sich im Eis über den Nordpol treiben zu lassen. Doch dann hatte er die – bis heute bezweifelte – Nachricht erhalten, Robert Peary habe die Entdeckung des Pols bereits für sich beansprucht. In jenem Augenblick, so erinnerte sich Amundsen später, «entschied ich mich zum Wechsel der Front – zur Kehrtwende rechtsum und dem Blick nach Süden». Amundsen rechnete sich aus, dass ihm Ruhm und die Finanzierung zukünftiger Expeditionen gewiss sein würden, sollte er als Erster den Südpol erreichen. Nach außen hin bereitete er sich weiter auf die Fahrt in den Norden vor, aber insgeheim galten seine Pläne dem Süden.
Dass er auch tatsächlich als erster Mensch dort eintreffen würde, war jedoch nicht selbstverständlich. Die groß angekündigte britische Antarktisexpedition unter Kapitän Robert Falcon Scott war ebenfalls auf dem Weg dorthin. Amundsen war sich dieses Rivalen nur zu bewusst, wie sein Tagebucheintrag vom 12. September zeigt: Aus Angst, Scott könnte ihm zuvorkommen, war er schon vor Frühlingsbeginn bei schlechter Witterung aufgebrochen. Auf diese Weise verlor er etliche Hunde, und mehrere Männer erlitten Erfrierungen.
Diese auffälligen Fehlentscheidungen sind nicht deshalb erwähnenswert, weil man Amundsen ihretwegen kritisieren müsste, sondern weil sie ein Bild geraderücken, das lange verbreitet war: Amundsen habe den Pol dank einer Kombination von Spezialkenntnissen und kaltem Ehrgeiz erreicht und sei nichts weiter als ein farbloser Profi. Dieser Ruf steht in scharfem Kontrast zu Scotts Image, dessen britische Mannschaft bis heute für ihren Durchhaltewillen und Mut bekannt ist. Sie gilt als Expeditionsteam, das um jeden Kilometer kämpfte und am Ende auf tragische Weise im Eis umkam.
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